Titel-Flut: Deutsche haben zu viel „Freizeit“

Ältere Damen, die auf der Suche nach ein bisschen Klatsch und Tratsch, gepaart mit Rätseln und Ratgebergeschichten einen gut sortierten Kiosk betreten, dürften derzeit ziemlich verwirrt sein. Ganze 24 Zeitschriften, die das Wort "Freizeit" im Titel tragen, kämpfen um Käufer. Noch verrückter: Alle 24 haben ein Logo mit weißer oder gelber Schrift auf blauem Hintergrund. Der Grund für diesen Overkill ist klar: Alle wollen den Erfolg des Burda-Evergreens Freizeit Revue kopieren.

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Die "Freizeit"-Titel-Flut an den deutschen Kiosken liest sich derzeit so:

– Deine beste Freizeit
– Frau und Freizeit
– Freizeit Aktuell
– Freizeit Exklusiv
– Freizeit Extra
– Freizeit für Dich
– Freizeit für uns
– Freizeit genießen
– Freizeit Heute
– Freizeit Illustrierte
– Freizeit Monat
– Freizeit pur
– Freizeit Revue
– Freizeit Spass
– Freizeit Total
– Freizeit Vergnügen
– Freizeit Welt
– Freizeit Woche
– Fröhliche Freizeit
– Meine Freizeit
– Neue Freizeit
– Prima Freizeit
– Schöne Freizeit
– Super Freizeit

So wenig kreativ wie bei der Betitelung ihrer Magazine waren die Verlage auch bei der Gestaltung der Logos, wie unsere kleine Galerie unten zeigt. Alle Magazine haben gelbe oder weiße oder gelb-weiße Schriftzüge auf blauem Hintergrund. Auch schön: Mehrere der Zeitschriften bezeichnen sich als "Das Original": Freizeit genießen, die Freizeit Illustrierte ("Das einzige Original!"), die Freizeit Welt und die Freizeit Woche.

Das einzige tatsächliche Original heißt jedoch seit 1970 Freizeit Revue. Der Klassiker aus dem Hause Burda hat sich seitdem als einer der großen Umsatzbringer des Medienhauses profiliert. Mit einer verkauften Auflage von 950.335 und einem Einzelverkauf von 626.831 kam das Magazin allein am Kiosk im Jahr 2010 auf einen Brutto-Umsatz von fast 50 Mio. Euro. Nur Spiegel, TV 14 und Stern setzen am Kiosk noch mehr Geld um. Kein Wunder also, dass ein solcher Erfolg Trittbrettfahrer auf den Plan ruft.

Das verrückte Spiel mit den "Freizeit"-Magazinen begann im Jahr 2004. Mit der Pabel-Moewig-Tochter Freizeit Woche Verlagsgesellschaft wagte sich erstmals ein Burda-Konkurrent mit einem ähnlichen wöchentlichen "Freizeit"-Magazin auf den Markt, der Freizeit Woche. Der Erfolg war erstaunlich: Seit 2006 verkauft man im Jahresdurchschnitt mehr als 500.000 Exemplare. Burda wollte den Angriff auf die Freizeit Revue nicht tatenlos ansehen und brachte kurz nach der Freizeit Woche den Freizeit Spass auf den Markt. Auch diese Zeitschrift existiert noch, verkauft sich seit 2006 im Jahresdurchschnitt immerhin mehr als 400.000 mal.

Wenn sich also drei "Freizeit"-Titel so gut verkaufen, warum nicht noch ein paar mehr? Ungefähr diese Frage dürften sich andere Verlage, u.a. der Hamburger SCG Verlag, Conpart, die WAZ-Women Group, der Alles Gute Verlag und der Deltapark Verlag aus Braunschweig im Laufe der Zeit gestellt haben. Und so kam es nach und nach zu dem bizarren "Freizeit"-Overkill an den deutschen Kiosken. Außer Freizeit Revue, Freizeit Spass und Freizeit Woche erscheinen die anderen 21 Titel allerdings nicht wöchentlich, sondern meist monatlich oder zweimonatlich. Geld verdienen lässt sich mit ihnen offenbar ganz gut, für Rätsel, Klatsch und Tratsch und Servicegeschichten müssen keine allzu teuren Redaktionen beschäftigt werden.

Während es 2004 im Zuge der Freizeit-Woche- und Freizeit-Spass-Gründungen noch juristische Auseinandersetzungen um Titel- und Logogestaltung gab, schert sich heute offenbar keiner mehr um die ähnlichen Zeitschriften. Burda, Erfinder der Freizeit Revue, hat auch allen Grund zur Gelassenheit. Denn: das mittlerweile 41 Jahre alte Magazin leidet nahezu gar nicht unter den vielen "Freizeit"-Konkurrenten. In den Jahren seit 2004 hat die Freizeit Revue nicht einmal 100.000 Käufer verloren, verkauft sich im Jahresdurchschnitt wie gesagt immer noch 950.335 mal.

Ein Ende des Overkills ist derzeit auch noch nicht in Sicht: Titel wie Freizeit Exklusiv, Freizeit Welt und Prima Freizeit haben erst in den vergangenen 12 Monaten das Licht der Kiosk-Welt erblickt. Dass das Wort "Freizeit" aber nicht automatisch zum Erfolg führt, zeigen vier Magazine, die auf der Strecke geblieben sind: Freizeit Glück, Freizeit Komplett, Freizeit Royal und Mehr Freizeit gibt es im Gegensatz zu den 24 Kontrahenten nicht mehr.

Hier nun der Überblick über die "Freizeit"-Gestaltung an den deutschen Kiosken:

  

  

  

  

  

  

  

  

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