„Promis brauchen Bild und Bunte nicht“

"Für die Bild-Zeitung gilt das Prinzip: Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten", sagte der Springer-Chef Mathias Döpfner einst. Wie die "Kumpanei" zwischen dem Boulevard und den Prominenten funktioniert, untersucht die Zeit in ihrer morgigen Titelgeschichte. Darin sagt Medienanwalt Christian Schertz, dass der Boulevard abgerüstet habe. "Gerade wächst eine Generation von Prominenten heran, die weiß, dass sie Bunte und Bild nicht braucht."

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Für viele Prominente könne es sogar schädigend sein, mit Bunte und Bild zusammenzuarbeiten, sagte Schertz und ergänzte, "deshalb hat Bild die Politik geändert". Nach seiner Auffassung hat die Kumpanei zwischen einer Gruppe von Prominenten und Boulevardblättern zugenommen; der Medienanwalt spricht von "Hofberichterstattung" und "Labelling" und verweist auf die Beinamen, mit denen manche Stars in der Bild versehen würden: Der "Pop-Titan" Dieter Bohlen, der "Kaiser" Franz Beckenbauer, die "Top-Schauspielerin" Veronica Ferres. "Hat das noch irgendetwas mit Journalismus zu tun?", fragt Schertz.
In der Titelgeschichte der Zeit, die unter der Überschrift "Was Journalisten anrichten" im Zeit Magazin erscheint, erklärt Schertz, er habe mit Bild nicht mehr so viel zu tun wie früher, eher mit der Yellow Press. Das Neue Blatt, Freizeit Revue, Die Aktuelle, Echo der Frau, Woche der Frau – "manchmal habe ich bei einer Ausgabe fünf Fälle". Bild aber verletze nicht mehr jeden Tag die Persönlichkeitsrechte. Das Blatt wolle "weg von seinem Schmuddelimage", was besonders an der aktuellen Werbekampagne, in der Prominente wie Philipp Lahm, Richard von Weizsäcker und Til Schweiger "ihre Meinung zu Bild" äußern, deutlich werde. Das sei "eine Charmeoffensive gegenüber den Prominenten".
Die Autoren des Zeit Magazins sprachen nicht nur mit Schertz, sondern auch mit Bild-Chef Kai Diekmann – allerdings beantwortete der die Fragen nur per Email. Auf die Frage, ob viele Stars den Boulevard nicht mehr für ihre Karriere bräuchten, sagte er: "Mag sein, dass einige Prominente heute manchmal lieber das Treppenhaus nutzen, aber auch dabei wollen sie unbedingt von der Presse begleitet werden." Es liege in der Natur der Sache, dass es ohne Presse keine Präsenz und ohne Präsenz keinen Prominentenstatus gebe.
Diese Einschätzung teilt der ebenfalls im Zeit Magazin zu Wort kommende Filmregisseur Dieter Wedel. Der 68-Jährige hat ein entspanntes Verhältnis zu Boulevardmedien. Die grundsätzliche Haltung, mit Bild nicht zu reden, nannte er "Quatsch". Wedel: "Man teilt aus, man steckt ein, und dann redet man wieder miteinander." Er gibt unumwunden zu: "Wir schreiben unseren Schauspielern in die Verträge, dass sie für Interviews zur Verfügung stehen müssen, natürlich." Die Besetzung einer Rolle werde ja auch davon bestimmt, ob jemand boulevardfähig sei – "bei den Sendern heißt es: Die war sechs Mal in der Bunten oder der Gala, die sollten wir besetzen."
Bei diesen Interviews, beklagt der Deutsche Journalisten-Verband, der in der Zeit ebenfalls zu Wort kommt, gebe es Verträge, in denen festgeschrieben ist, dass alles autorisiert werden muss, inklusive Bildauswahl, Überschrift und Bildunterschrift. Es sind Verträge, die zum Teil aus der Kanzlei von Christian Schertz stammen.
Erst vor wenigen Wochen berichtete der Spiegel in seiner Titelgeschichte "Die Brandstifter" über die Bild-Zeitung. Thema der elfseitigen Story war, dass Springers roter Riese als Leitmedium auftrete, dabei aber in die Rolle einer rechtspopulistischen Partei schlüpfe. Abgehandelt wurden viele Fälle umstrittener Bild-Berichterstattung, nicht zuletzt zur Griechenland-Krise und zur Parteinahme im Plagiatsstreit um Karl-Theodor zu Guttenberg. Wirklich Neues förderte die Coverstory allerdings nicht zutage.
Die Boulevard-Medien, allen voran Bild, polarisieren offenbar nicht nur den Leser. Mit der Zeit greift innerhalb weniger Wochen die zweite Wochenzeitung zur Meta-Berichterstattung.

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