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Apokalypse Le Mans: Der Tod fuhr immer mit

Wer von Motorsport spricht, meint meist die moderne Formel 1 mit "Schumi", Vettel & Co.: ein rasantes Schauspiel, scheinbar ohne (allzu)große Risiken. Doch das Spektakel, das Millionen vorm TV versammelt, war früher anders: keine Sicherheitsgurte oder -zonen, ein mörderisches Tempo auf dünnbereiften Boliden. Eine sehenswerte Dokumentation auf Arte erinnert heute an diese Zeiten. "Apokalypse in Le Mans" zeichnet minutiös das Inferno von 1955 nach, bei dem 84 Menschen starben.

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"Der Tod fuhr immer mit", erinnert sich ein Rennsport-Veteran in der Dokumentation, die der Hamburger Filmemacher Thomas Ammann (mit Simone Jost-Westendorf) drehte. Im Mittelpunkt steht das 24 Stunden-Rennen in Le Mans, das bereits Anfang der 50er Jahre Hunderttausende an die Strecke lockte. Die Zuschauer waren von den bis zu 380 Stundenkilometer schnellen Autos oft nur wenige Meter getrennt. 1955 kam es zur Katastrophe, als sich zwei Fahrzeuge eingangs der Zielgerade berührten und ein Mercedes-Silberpfeil sich überschlug, an einer Mauer zerschellte und das Wrack in die Massen raste und explodierte. "Die Zuschauer fielen wie Dominosteine", schildert ein Augenzeuge den Moment, in dem Dutzende starben. 84 Tote lautete am Ende die Bilanz.
Aus heutiger Sicht völlig unverständlich: Während die Rettungsarbeiten im Gange waren, liefen das Rennen und das Volksfest rund um die Tribünen weiter. In 52 Minuten entrollt der Film das Drama aus verschiedenen Perspektiven: Fahrer von damals, wie der britische Mercedes-Pilot Stirling Moss oder sein amerikanischer Teamkollege John Fitch kommen zu Wort, ebenso überlebende Zuschauer oder Mechaniker. Mercedes entschloss sich vor dem Eindruck des Grauens, den verbliebenen Silberpfeil (gegen den Widerstand der Fahrer) aus dem Rennen zu nehmen und dem Erzrivalen Jaguar das Feld zu überlassen.
Die Dokumentation ist allerdings mehr als ein Zeitzeugnis. Erstmals im deutschen Fernsehen sind vor kurzem aufgetauchte Amateurbilder zu sehen, die aus einem verschollenen Film stammen und die es erstmals erlauben, den genauen Unfallhergang Zug um Zug zu rekonstruieren. Dramatische Erkenntnis: Ausgerechnet der spätere Sieger, der englische Jaguarpilot Mike Hawthorn, hatte durch ein waghalsiges Bremsmanöver vor dem Boxenstopp das Inferno verschuldet. Und natürlich hatte die Situation eine Vorgeschichte: Mit einem für ein 24 Stunden-Rennen ungewöhnlichen und auch unverantwortlichen Tempo hatte sich Hawthorn, der seit seinen Erlebnissen bei der Bombardierung Londons im Zweiten Weltkrieg alles Deutsche hasste, ein verbissenes Duell um die Führung. Sein Gegner war der argentische Silberpfeil Fahrer Fangio, der heute noch als bester Fahrer aller Zeiten gilt.
Das Unglück beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans am 11. Juni 1955 markiert eine Zeitenwende. Es gibt den Rennsport davor, und es gibt den Rennsport danach. Beim Unfall des Fahrers Pierre Levegh mit seinem Mercedes-"Silberpfeil" starben nicht nur 84 Menschen, mehr als hundert wurden zudem zum Teil schwer verletzt. Diese Katastrophe brannte sich ins kollektive Gedächtnis ein wie später das Unglück bei der Flugschau in Ramstein 1988. Das Inferno traumatisierte Augenzeugen und Überlebende, weil es eine bis dahin unfassbare Dimension erreicht hatte.
Über Jahrzehnte hatte der genaue Hergang des Unfalls im Dunkeln gelegen. Es gab viele Gerüchte und Vermutungen, aber keine konkreten Beweise. Neben der Aufklärungsarbeit ist die Dokumentation aber auch Spiegel einer Epoche. Sie beschreibt das Ereignis vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen und politischen Annäherung der europäischen Nachbarstaaten Frankreich und Deutschland in den 50er Jahren, als der vor allem durch die Automobilindustrie erzeugte Export-Boom die Nobelmarke Mercedes-Benz zu einem internationalen Statussymbol machten.
Der tragische Held des Rennens bezahlte seine Motorsport-Begeisterung ebenfalls mit dem Leben. Am 22. Januar 1959, keine vier Jahre nach dem Inferno von Le Mans, verunglückte der erst 29-Jährige tödlich – er hatte im Regen die Kontrolle über seinen Jaguar verloren, als er sich ein Privatrennen mit einem Mercedesfahrer lieferte. Mitleid mit den Opfern von Le Mans hat er übrigens nach dem Rennen nie geäußert. Auch die Veranstalter hatten Hawthorn nicht belangt, sondern den verstorbenen Unglücksfahrer Levegh als Schuldigen ausgemacht. Dessen tatsächliche Rolle ist erst jetzt geklärt.
Arte strahlt die von Prounen Film produzierte Dokumentation heute ab 20.15 Uhr aus.

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