Kika-Betrug: der schleichende Finanz-GAU

Samstag ist Kika-Affären-Tag: Fast im Wochen-Rhythmus wird ein neues unappetitliches Detail in dem Betrugsskandal um den Ex-Herstellungsleiter Marco K. bekannt. Meistens jedoch nicht, weil einer der Sender freiwillig neue Erkenntnisse kommuniziert, sondern weil ein Nachrichtenmagazin eine entsprechende Vorabmeldung streut. Die Folge: Fast in Zeitlupe entwickelt sich der scheinbar simple Betrugs-Fall zum öffentlich-rechtlichen Finanz-GAU. Gerade erst wurden die nächsten Eskalationsstufen gezündet

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So berichtet die Süddeutsche Zeitung heute über einen rund hundert Seiten starken Revisionsbericht. Dieses Exposé bildete am Samstag – wie sollte es auch anders sein – die Basis für eine Vorabmeldung des Spiegels. Unter der Überschrift "ZDF-Intendant Schächter belastet MDR und NDR-Fernsehdirektor in Kika-Affäre" bezieht sich der Mainzer Fernseh-Manager auf Informationen aus dem Bericht.

Schächter kritisiert, dass der ehemalige Ki.ka-Programmgeschäftsführer und heutige NDR-Fernsehdirektor Frank Beckmann bereits seit Jahren von der Glücksspielleidenschaft des Herstellungsleiters Marco K. gewusst haben soll. Für den ZDF-Chef hätte längst eine Veranlassung bestanden, den "fundierten Gerüchten" nachzugehen. Gegenüber dem NDR-Magazin "Zapp" hatte Beckmann noch gesagt, er habe bei K. "in keinster Weise einen Verdacht schöpfen können".

Spätestens seit dem Bericht scheint klar: Der ehemalige Produktionsleiter Marco K. sorgte wohl für den größten Betrugsfall in der Geschichte des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Dem Ex-Angestellten wird vorgeworfen, den Kindersender um 8,2 Millionen Euro geschädigt zu haben.

Offiziell bezog der MDR bislang einmal in einer großen Erklärung Stellung zu den Vorwürfen. Die Mitteilung besagte, dass dem ZDF/MDR-Joint-Venture durch kriminelle Scheingeschäfte der Millionenschaden entstanden sei. Diese hatte der Herstellungsleiter zusammen mit fünf Firmen getätigt. Eines dieser Unternehmen war die Kopp-Film GmbH. Die Namen der anderen vier Firmen will der MDR aufgrund der laufenden staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen nicht nennen. Alleine 6,7 Millionen Euro gingen dem Bericht zufolge an die Kopp-Film. Die Folge aus dem ersten Prüfbericht, der heute als ein erster voreiliger Versuch gewertet werden muss, einen Schlussstrich unter die Affäre zu ziehen, waren eine Abmahnung des zuständigen Programmgeschäftsführers Steffen Kottkamp und der Rücktritt des MDR-Verwaltungsdirektor Holger Tanhäuser.

"Die enorme kriminelle Energie des Beschuldigten hat letztlich dazu geführt, dass diese Allianz von Untreue und Betrug für Außenstehende ohne spezifische Fachkenntnisse offenbar kaum zu entlarven war und so Jahre lang unentdeckt blieb", erklärte der MDR-Intendant Udo Reiter vor Wochen den Sachverhalt. "Dass über so lange Zeit unbemerkt so viel Geld abgezweigt werden konnte, ist auf tatbegünstigende Umstände, auf Schwachstellen im Umfeld und einen mangelnden Vollzug der MDR-Regeln beim Kika zurückzuführen. Dafür sind wir verantwortlich."

Dem aber nicht genug, kündigte MDR-Intendant Udo Reiter nun in einem Brief an die Gremien an, dass noch "mit weiteren Erkenntnissen zu rechnen" sei. Auch aus diesem Schreiben zitiert am heutigen Dienstag die Süddeutsche Zeitung. Der Intendant spricht darin mittlerweile von "insgesamt acht möglicherweise involvierten Firmen".

Das Schreiben ist offenbar eine Reaktion auf eine Ausweitung der Ermittlungen des Thüringer Landeskriminalamtes. In der vergangen Woche durchsuchten die Polizisten sieben Privatwohnungen und acht Firmen in Thüringen, Berlin und Baden-Württemberg. Die Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen gegen elf Personen. Bei den Vorwürfen soll es auch nicht mehr nur um Veruntreuung und Betrug, sondern auch um Bestechung, Bestechlichkeit und Vorteilsnahme gehen.

Sollten sich diese Vorwürfe erhärten, könnte die Affäre doch noch den MDR und damit auch den Intendanten Reiter sowie den NDR-Fernsehdirektor Beckmann ernsthaft in Bedrängnis bringen. Weitere Infos sind wohl erst einmal von den beteiligten Sendern nicht zu erwarten. Dafür stehen die Chancen gut, dass man Samstag in einer Spiegel- oder Focus-Vorabmeldung oder wahlweise in der Medienkolumne von Kai-Hinrich Renner über die neusten Erkenntnisse im Kika-Skandal informiert wird.

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