Der mediale Missbrauch im Fall Kachelmann

Fast zehn Monate wird der Kachelmann-Prozess dauern, und wenn Ende Mai oder Anfang Juni das Urteil gesprochen wird, werden viele froh sein, dass er vorüber ist. Kein Gerichtsverfahren hat in den vergangenen Jahren so hohe Aufmerksamkeit erzeugt, und bei wohl keinem haben die Medien eine so unrühmliche Rolle gespielt. Den aktuellen Tiefpunkt liefert ausgerechnet die hochgelobte Zeit, in der Autorin Sabine Rückert ein unverantwortliches Machwerk abliefert.

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Es ist schon erstaunlich, dass sich gerade Qualitätsmedien mit dem Vergewaltigungs-Vorwurfs-Fall um den prominenten Moderator so schwer tun und sich so vehement bloßstellen, was die journalistischen Grundregeln angeht. Vielleicht liegt es daran, dass es von Parteilichkeiten wimmelt. Der Spiegel hatte schon im Vorfeld des Prozesses den Schluss nahegelegt, dass Kachelmann nicht Täter, sondern Justizopfer ist. Diese Berichterstattung generierte viel mehr öffentliche Beachtung als später das Quasi-Dementi der Gutachterin, auf die sich der Artikel maßgeblich stützte. Die Spiegel-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen legte sich ebenfalls, immerhin mit der Erfahrung und Routine einer langjährigen Prozessexpertin, früh fest. Anderen Medien wurden – allzu offensichtlich – belastende Informations-Bruchstücke und vermeintlich erdrückende Indizien zugespielt, die – allzu willig und einseitig – an die Leser weitergereicht wurden.
Aber niemand hat im Fall Kachelmann eine derart beschämende Rolle gespielt wie die preisgekrönte Zeit-Autorin Sabine Rückert, die auf dem besten Weg ist, ihren Ruf als Journalistin zu ruinieren, indem sie die Rolle der Berichterstatterin mit der einer handelnden Prozesspartei verwechselt und im Ergebnis als agitatorische Kraft die "Gegenseite" mit böser Polemik in die Knie zu zwingen versucht. Wer ihren Gerichtsartikel in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung ("Kachelmanns Frauen") liest, stellt sich am Ende nur eine Frage: Warum lässt man diese Autorin, die so brachial die Nähe zur Verteidigung gesucht und gefunden hat, in dieser Weise das Renommee eines Blattes wie der Zeit missbrauchen? Warum lässt man ihr solch menschen- und frauenverachtenden Nonsens durchgehen, bei dem zweifellos Geschädigte geradezu verhöhnt werden, ohne wenigstens auf die Voreingenommenheit der Schreiberin hinzuweisen? Oder genauer: auf deren Missbrauch ihrer medialen Macht.
Schon der Texteinstieg macht klar, welch grobes Geschütz hier von einer vermeintlich feinsinnigen Edelfeder aufgefahren wird. "Wenn ein Krokodil einen besonders mächtigen Brocken verschluckt", textet Rückert, "dann presst es ihm das Wasser aus den Augen – die sogenannten Krokodilstränen. Auch die Zeugin Viola S.", heißt es weiter, "vergießt vor dem Landgericht Mannheim Tränen." Was beides miteinander zu tun haben soll, macht die Autorin schnell klar, nämlich dass "Viola S. für die Darbietung ihres Intimlebens den Brocken von 50.000 Euro geschluckt hat", gezahlt von der Zeitschrift Bunte. Und sie applaudiert dem Richter, der es als "Respektlosigkeit" rügte, dass diese Frau als Zeugin vor ihrer Aussage "zur Presse marschiert" sei.
Einen Exklusiv-Deal mit einer Zeitschrift mag man werten wie man will: Aber in diesem Prozess geht es um die Wahrheit, um nichts sonst. Und warum sollte das Recht zur freien Meinungsäußerung, das jedem Bürger zusteht, nicht auch für gerichtlich benannte Zeugen gelten. Viola S. muss die Wahrheit sagen, falls sie es nicht täte, könnte sie dafür bestraft werden, auch mit Freiheitsentzug. Man sollte also gute Gründe (und nicht nur ein einer Illustrierten gegebenes Interview) haben, um die Glaubwürdigkeit einer Zeugin in Frage zu stellen.
Sabine Rückert hat diese Gründe nicht, sie frickelt sie sich zusammen. Die Autorin erweckt den Anschein, dass die Zeugin trotz ihrer über sieben Jahre währenden (wie auch immer gearteten) Beziehung zum Wettermoderator Jörg Kachelmann hätte wissen müssen, um was für einen schlimmen Finger es sich bei dem sie immer wieder vertröstenden Fernsehmann gehandelt habe. Inquisitorisch fragt sie: "Soll man meinen, dass sie all die Jahre nichts von der Beschaffenheit des Mannes gemerkt hat, mit dem sie da zusammen war?" Das, so würden einschlägig erfahrene Psychologen sagen, ist sehr gut möglich und gar nicht so selten wie mancher glaubt.
Doch Rückert schreit es geradezu heraus: Selbst schuld! Damit bedient sie – gewollt oder nicht – ein reaktionäres Frauenbild, das gerade in Vergewaltigungsprozessen eine unheilvolle Tradition hat. Das erinnert an Verteidigungsstrategien, die einst Belastungszeuginnen als Flittchen oder ahnungslose Schafe vorführten. Da fehlt nur noch der Hinweis auf zu kurze Röcke, um das fatale Bild perfekt zu machen. Und für die Autorin ist Viola S. kein Einzelfall: "All die anderen Frauen, die sich gegen Geld öffentlich als Kachelmann-Geschädigte vorstellten und den Wettermoderator mit Dreck bewarfen – sind sie Opfer dieses Mannes? Oder sind sie bloß ihrer eigenen Verblendung aufgesessen?"  
Rückert überzieht diese Frauen mit einer Tirade der Verachtung. Sie verübelt es ihnen, dass diese gehofft und sich – weil ihnen vielleicht nichts anderes übrig blieb – vor einem Mann, den sie wollten aber nicht bekommen konnten, klein gemacht haben. Die sich, wie es im Artikel heißt, "abspeisen" ließen, von der großen Liebe "fabulierten" und letztlich – so der finale Vorwurf – "mitspielten".
Ja, Frau Rückert, so was gibt es im wirklichen Leben, und zwar bei Frauen wie bei Männern. Liebe und Verlangen können manchmal verdammt kompliziert sein. Wem ist das in diesem Fall zum Vorwurf zu machen? Rückerts Antwort auf diese Frage zeigt, wie brutal und unversöhnlich sie sich positioniert hat. All das enthüllt für sie nur eins: "die weibliche Bereitschaft zum Selbstbetrug".
Deshalb ist der Mannheimer Strafprozess für Rückert nichts weniger als ein "gesellschaftliches Lehrstück", eine Abrechnung mit den Weicheiern unter den angeblich modernen Frauen, die doch immer nach Autonomie streben und sich als Versager auf ganzer Linie erweisen: "Selbstbestimmung ist das Gegenteil von Selbstbetrug. Wollen die Frauen auf der einen Seite Menschen führen und sich gleichzeitig in Liebesdingen benehmen wie die kleinen Kinder, die noch das Abwegigste glauben, was man ihnen vorsetzt? Die aus allen Wolken fallen, weil einer sie anlügt?" Und dann kommt die alles entscheidende Suggestivfrage: "Wer will solche Frauen ernst nehmen?"
Nein, das ist keine Prozessberichterstattung, sondern Agitation, die alles Emotionale und damit Menschliche ausradiert, und die ebenfalls suggestive Gegenfrage lautet: Ist dies das Niveau, auf das ein Gerichtsreport in einem Leitmedium wie der Zeit sinken darf?
Als ob es damit nicht schon genug wäre, bemüht Rückert noch einen speziellen Verschwörungsverdacht, der entlarvt, für wie unabhängig sie andere Medien hält. So habe ein Manager aus Kachelmanns Firma Meteomedia offenbar versucht, den Moderator durch Anzettelung einer Schmutzkampagne loszuwerden und diesen in "einschlägigen Artikeln in Blick, Bild, Bunte, Stern" als "psychisch defektes Monstrum" darzustellen, in dem diese "unappetitliche Details seines kruden Privatlebens streuen". Rückerts Folgerung: "Die aufgezählten Blätter haben jedenfalls gegen Kachelmann geschrieben." Und sie orakelt: "Sollte sich herausstellen, dass tatsächlich feindliche Machenschaften in der eigenen Firma hinter der medialen Schmähkampagne gegen den Angeklagten stecken, dann hätten sich einige von Kachelmanns Frauen ein weiteres Mal zum Narren halten lassen."
Die Zeit-Autorin Rückert ist möglicherweise selbst mehr eine von "Kachelmanns Frauen" als ihr öffentlich lieb sein könnte. Ihre Rolle bei der Entpflichtung des früheren Prozessanwalts Reinhard Birkenstock ist ebenso umstritten wie ihre Nähe zum Verteidiger Johann Schwenn, den sie Kachelmann geradezu aufdrängte. Mit Schwenn schrieb Rückert bereits ein Buch über ein Vergewaltigungsverfahren, zum Fall Kachelmann dürfte ein weiteres mit dem Zeug zum Bestseller zu gegebener Zeit folgen. Ihr Honorar dafür wird sie kaum öffentlich diskutieren. Schließlich ist Sabine Rückert in diesem Fall nicht Zeugin – sondern Anklägerin.

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Alle Kommentare

  1. Werter Hr. Altrogge, wer hier den Mist (ist noch viel zu harmlos) geschrieben hat, steht ja wohl 4 Jahre später mehr als eindeutig fest. Die Belastungszeugin, die nicht Viola S., sondern Claudia Simone Dinkel heisst, und in einem mir persönlich bekannten Haus in Schwetzingen (Luftline keine 3 km von mir entfernt) wohnt, ist eine „verzogene“ Boderlinerin, die sich für verschmähte Liebe und Betrug (mit den vielen anderen Frauen) an dem Promi gerächt hat, der ihr das angetan hat. Der Anwalt Schwenn, mit dem Fr. Rückert bereits im Fall der beiden zu Unrecht verurteilten Männer in Norddeutschland zusammengearbeitet hat, hat JK letzten Endes „herausgepaukt“. Denn im Gegensatz zum oben zitierten Fall hat es die Dinkel schon gecshickter angestellt. Aber auch hier gab es gravierende Ermittlungsfehler aus falsch verstandener Empathie. Sogar der Schwetzinger Bürgermeister hat sich zu einer parteischen Stellungnahme „verstiegen“, was er im Nachhinein wohl sehr bedaurn musste, nachdem sich mehr & mehr herausgestellt hat, was das „für eine ist“. So straft eben die Zeit manchmal nict nur Politiker Lügen, sondern auch allzu laute Journalisten, wenn Sie denn überhaupt einer sind.
    Grüsse J. Emmert, Naturwissenschaftler.

      1. @Herr Unger, warum nehmen Sie sich das Recht heraus, das Leiden einer Person zu negieren?

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