“Man muss die Macht der Lobby begrenzen”

Interviews mit Günter Grass sind selten. Vor allem, wenn die Axel Springer AG an die Tür des Nobelpreisträgers klopft. Der boykottierte deren Zeitungen seit Ende der Sechziger. Jetzt haben Abendblatt-Chefredakteur Claus Strunz, Medienjournalist Kai-Hinrich Renner und Armgard Seegers zur Atom-Debatte befragt. Für den Preisträger eine legitime Ausnahme. Dabei äußert Grass auch Kritik an den Medien. Deren Macht würde die junge Generation an Intellektuellen einschüchtern.

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Es gebe zu wenig Intellektuelle, die sich engagieren würden heutzutage, erklärt der 83-Jährige im Interview. “Ich finde, dass vor allem die jüngere Generation sich durch die Macht der Medien eingeschüchtert sieht”, heißt es auf die Frage, warum es im Bezug auf Fukushima noch kein Votum der Schriftsteller gegeben hätte.
Warum das Abendblatt den Literaten, der angibt, über die Jahre radikaler geworden zu sein, zur Atomkatastrophe in Japan interviewt, wird klar mit Blick auf seine politische Vita. 1983 trat Grass der SPD bei und unterstützte die Partei bei vielen Wahlkämpfen. Immer wieder sprach er sich gegen Atomkraft aus.
Im Bezug auf die Atompolitik der schwarz-gelben Regierung sieht Grass die Medien in der Pflicht: “Es ist die Aufgabe des Journalismus, Recherche zu betreiben, den Dingen auf die Sprünge zu helfen”, erklärt der Literat auf die Frage nach der Aufgabe der Medien im Kampf gegen den Lobbyismus.
Wie ungewöhnlich ein Interview mit Grass in einer Springer-Zeitung ist, zeigt nicht zuletzt auch die Anwesenheit von Chefredakteur Claus Strunz. Grass hatte jahrzehntelang die Springer-Presse boykottiert. Bei den studentischen Protestaktionen gegen den Schah von Persien in Berlin wurde der Student Benno Ohnesorg von der Polizei erschossen, wodurch sich die Proteste und Reformforderungen verstärkten. Der Schrifsteller Heinrich Böll stellte sich auf die Seite der Studenten, während die Zeitungen des Axel-Springer-Konzerns sich klar gegen die Studentenproteste aussprach.
Aus diesem Grund startete Heinrich Böll mit 105 Mitgliedern der Autorenvereinigung „Gruppe 47“, darunter auch Grass, einen Boykott gegen die Springer-Presse. Das und die in der Öffentlichkeit heftig diskutierte RAF-Berichterstattung zerütteten das Verhältnnis einiger Literaten zur Bild-Zeitung nachhaltig. Erst 2006 erklärte Grass, eventuell von dem Boykott abrücken zu wollen – wenn sich der Konzern für die Art entschuldige, mit der die Zeitungen des Konzerns das Werk von Böll begleitet hätten.
Da erscheint Grass’ Frage “Sie sind doch von Springer?” an das Abendblatt-Trio fast schon wie eine neckisch verpackte Friedenspfeife. Gleichzeitig macht er deutlich: “Ich mache hier eine Ausnahme, weil es um die Atomfrage geht.” Die amtierende Regierung greift Grass scharf an: “Was wir heute vorfinden, ist von Frau Merkel und der Atomlobby ausgehandelt worden. Gegen den Protest der Bürger.”
Der Schriftsteller befürchtet angesichts der Ereignisse im japanischen Fukushima eine politische Entwicklung in Deutschland, in der die bisherigen Gesetze nicht mehr ausreichen würden: "Meine schlimmste Befürchtung ist, dass wir eine Öko-Diktatur bekommen. Wir müssten dann mit Notstandsverordnungen leben.” Das Ende der Ressourcen und des Wachstums sowie die Globalisierung und die Wasserknappheit seien genauso wichtig. "Die Gefahr ist, dass sich in naher Zukunft all das zusammenballt."

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