Anzeige

Bohlens DSDS: öde Staffel ohne Stimmen

„Ich vergleiche Dich mal mit Jesus“, sagte Dieter Bohlen am Samstag zu DSDS – Kandidat Pietro Lombardi und holte zu einem echten Schenkelklopfer aus: „Jesus hatte Anhänger. Und Du hattest Texthänger.“ Die eigentliche Tragik dieses Brüllers bestand nicht in Enttäuschung über mangelnden Feingeist des Mannes mit den bemüht großen Worten. Dieser Satz beschrieb insgesamt das aktuelle - auch musikalische - Niveau einer DSDS-Staffel, die man langweiliger, dürftiger und unlebendiger kaum je gesehen hat.

Anzeige

Man hätte lernen können im eigenen Hause: Vox hatte mit "X Factor" vorgemacht, wie man in einem spannenden Prozess ein breites Spektrum guter Stimmen castet und weiterentwickelt. Und "X Factor" hatte auch gezeigt, wie man Jurys mit drei sehr unterschiedlichen Personen besetzen kann, die jeder für sich Ausstrahlung transportieren. In keiner der beiden Fragen hat DSDS von der kleinen Schwester gelernt. Das ist ebenso schade, wie arrogant und im Ergebnis langweilig. Für diese Staffel des Wettsingens gilt:  “Nett“ ist die kleine Schwester von … DSDS.
Dabei sind die Kandidaten allesamt auf ihre Art sympathisch. Nette  – manchmal lustige – Jungs schleppen ihre durchschnittlichen Stimmen atemlos durch eine Reihe von Songs, die bis auf wenige Ausnahmen ohnehin so ausgelegt sind, dass vokale Mängel nicht so schnell auffallen. Richtig peinlich wird es, wenn die Jury durchschnittliche Leistungen in ihrer Bewertung immer wieder gegen jede hörbare Realität so aufbläst, dass man als Zuschauer denkt, man sei im falschen Film. Das wirkt wie eine verkrampfte Marketing-Strategie, die der 8. Staffel von DSDS jene Substanz und Qualität einhauchen soll, die in diesem Jahr in der Tat nicht vorhanden ist.
Die einzig im Wettbewerb verbliebene Frau – Ex-Zicke Sarah Engels – beispielsweise sang in der vorletzten Motto-Show  mit “Run“ jenen Titel, den die herausragende Leona Lewis mit Top-Leistungen zu einem Meisterstück hatte wachsen lassen. Auch "X Factor"-Siegerin Edita Abdielski sang den Titel im letztjährigen Finale. Bohlen war als einziges Jury-Mitglied von Sarahs Leistung offiziell begeistert. Die Wahrheit jedoch war: Engels sang den Titel in Teilen wie Ilse an der Baumarkt-Kasse: ohne wahres Volumen und mit deutlichen Mängeln von Stabilität und Präsenz in den tiefen Tönen. Engels sang wie ein Trabbi, der an der Drehzahlgrenze ein Formel-1-Rennen bestreiten will. Ihr Ergebnis  war eine Klasse schlechter als Editas "X Factor"-Leistung und Lichtjahre entfernt vom vocalen Glanz einer Leona Lewis. Gestern sang Sarah mit “Walking on sunshine“  einen Song der musikalisch maximal zweiten Liga außerordentlich mittelmäßig. Gegen die Wahrnehmung Meister Bohlens selbst hier Töne versemmeln zu können, bildete für sich schon eine besondere Art von Erlebnis. Mit “Hurt“ von Christina Aguilera wählte Engels als zweiten Song einen ganz großen Titel und sang ihn immerhin anständig.
Dass Bohlens Kommentar sie jedoch mit Aguilera auf eine Stufe hob, war erneut überaus peinlich: Gegen jede hörbare Realität einem jungen Mädchen die außerordentliche Qualität einer Aguilera  zu bescheinigen, tat Sarah Engels wirklich keinen Gefallen. Immerhin hatte man scheinbar Moderator Marco Schreyl inzwischen verboten, Engels als die beste weibliche Stimme aller DSDS-Staffeln zu bezeichnen. Die Zuschreibung des in dieser Staffel auch nicht erstklassigen Moderators war ohnehin makaber: Eine Linda Teodosiu, Juliette Schoppmann, Ellie Erl, und auch eine Francisca Urio erreichten mit ihrem stimmlichen Volumen Sphären, von denen die junge Engels meilenweit entfernt ist.
Nein, in dieser Staffel von DSDS finden Zuschauer auf der Suche nach guter Musik und entspannter Unterhaltung an vielen Stellen unangemessen Aufgesetztes, Verkrampftes und Bemühtes.
Die Kandidaten als Personen selbst können am wenigsten dafür. Sie sind sympathisch und singen, so gut sie können. Nicht weniger. Aber eben auch nicht mehr.
Einen Lichtblick im Kreis der Stars in spe bildet der 16-jährige Sebastian Wurth. Läuft alles, wie es laufen müsste, dann gewinnt er diese Staffel. Wurth hat als 16-Jähriger eine gute Stimme, die entwicklungsfähig ist und in der Tat künftiges Potential bietet. Der Schwarm junger Mädchen und Bravo-Cover-Boy mit Justin- Bieber-Frisur ist darüber hinaus ein sympathischer Anti-Star ohne Allüren und mit viel Musikalität. Handwerklich betrachtet, lieferte er eine der bislang kontinuierlichsten Leistungen aller Kandidaten ab und entspricht darüber hinaus am deutlichsten dem, was Bohlen “Gesamtpaket“ nennt.
Unter dem Strich jedoch ist trotz guter Quoten das Niveau der aktuellen Staffel weit entfernt von der Qualität vergangener Staffeln. Musikalische Leistungen eines Mehrzad Marashi, Daniel Schuhmacher und selbst eines Menowin Fröhlich sind in diesem Jahr nicht zu erwarten.
Die Zusammenstellung der als “Sexiest Jury ever“ gelaunchten Jury bietet eher weichgespülte Langeweile: Personen statt Persönlichkeit.
Neben einem manchmal müde und emotional vorgealtert wirkenden Bohlen findet man die Quotenfrau Fernanda Brandao: Ihre Rolle in der Jury besteht primär in der Betrachtung von Styling, Show und Bewegungen der Kandidaten. Dies  fixiert die nette Frau mit dem durchgängigen Grinsen und Nuschel-Singsang in der Stimme derart in der Rolle einer weiblichen Randfigur ganz alter Schule, dass es Alice Schwarzer direkt aus dem Kachelmann-Prozess auf die DSDS-Bühne reißen müsste.
Patrik Nuo als Schweizer Markus Schenkenberg-Kopie wirkt wie der Philip Rösler der Jury. Er vermittelt eine Ausstrahlung, die irgendwo zwischen einem Hydranten am Straßenrand und einer Parkbank im Winter liegt: kantig, unverbunden und ungelenk hingestellt. Der Mann fühlt sich sichtlich unwohl im Feld der Rhetorik. Immerhin steuert er ab und an leise Kritik ein. Nicht, ohne sich sofort danach entschuldigend zu ducken und ängstlich in Richtung Meister Bohlens zu schauen. Souverän geht anders. Ach, wenn jede Bohlen-Jury wenig Räume neben dem Meister lässt: Hier ist manches verschenkt, was Qualität hätte ausmachen können. Das müsste nicht sein. Und auch ein Bohlen könnte verstehen, dass anderen Position und Größe zu lassen, ihn selbst nicht zwingend kleiner machte. Eher im Gegenteil.
Natürlich ist die Staffel von Grundy LE professionell und gut produziert, auch wenn man sich manches Mal wünschen würde, dass Background und Band von der Lautstärke her den Solostimmen mehr Präsenz ließen. Natürlich ist die Quote gut: DSDS als Format ist ein Mega-Event. Und nach wie vor ist aus Marketing-Sicht die Cross-Promo-Strategie von RTL (Verlinkung mit dem “DSDS-Magazin , Verlinkung der Kandidaten und Jury-Mitglieder mit “Let´s Dance“, usw.) beispielhaft. Andere Sender könnten davon lernen.
Der innere Kern von Qualität der aktuellen Staffel allerdings ist weit entfernt von einem Wettsingen, wie es Vox mit X Factor abbildet und nähert sich bedrohlich Popstars-Niveau.
Um es einmal mit einem Zitat des Box-Philosophen Henry Maske zu sagen: Die aktuelle Staffel bekommt qualitativ “kein Bein auf den Fuß“. Das ist -gerade wegen des großen Potentials des Formates in der Fläche- ebenso lieblos wie schade.
Mehr über den Autor: http://www.leadership-academy.de

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige