BR-„Tatort“: Augenzwinkern im Assi-Alltag

In Münchens Hartzer-Hochburg trägt man die Wodkaflasche in der Hand und den Pittbull an der Leine. Mordzeugin Nessi wird von Hip-Hop-Jugendlichen als "fettes Opfer" verhöhnt und spätestens als ihre alkoholkranke Mutter sagt "Denken sie mit Hartz IV geht man im Delikatessengeschäft einkaufen?", hat man – um im Jargon zu bleiben – die Fresse dick. Ja, dieses Elendsprogramm ist wahrlich schwer zu ertragen, wären da nicht Batic und Leitmayr, die dem plakativen Assi-Alltag mit einem Augenzwinkern entgegnen.

Anzeige

Servus Tristesse: Die aktuelle Folge des BR-"Tatort" führt die Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) vom Hochglanz-München ans andere Ende der Wohlstandsskala. Zwischen Hochhaussiedlung und Hartz IV lebt die 13-jährige Nessi mit ihrer alleinerziehenden Mutter Tini Bürger (stark gespielt von Katja Bürkle). Nessi ist pummelig, trägt noch ihren Kinder-Ranzen und wird auf dem Schulweg gemobbt. Um irgendwie durch den Alltag zu kommen, verkauft sie die Tabletten ihrer depressiven Mutter und für fünf Euro am Tag kümmert sie sich um eine bettlägerige alte Frau.

Ausgerechnet dieses Mädchen wird Zeuge, wie an der Billig-Tanke ihrer Hochhaussiedlung ein Mann auf dem Weg zur Jagd mit seinem eigenen Gewehr erschossen wird. Für die Münchner Kommissare beginnen nun schwierige Ermittlungen. Der Tote war einst stellvertretender Personalchef der Lebensmittelfirma "Konserven Koller" und hat, bis es ihn selbst traf, für etliche Entlassungen gesorgt. Feinde gibt es also auf den ersten Blick genug. Das Mädchen weigert sich derweil beharrlich – auch wenn nicht ganz klar ist, warum eigentlich – die Identität des Täters preiszugeben.

Zwischen Establishment und Existenzminimum – so einen Gegensatz entwirft man als Filmemacher nur allzu gerne. Auf der einen Seite die intrigenspinnende Schickeria, reiche Männer, die ihr Ego bei der Jagd aufpolieren und vollbusige Witwen, die mit Klunkern an den Fingern scheinheilig ins Spitzentaschentuch schniefen. Auf der anderen Seite das hartzende Prekariat, das wirkt als hätten sich die Macher von RTLs nachmittäglicher Klischeefabrik "Mitten im Leben" inspirieren lassen. Es trennen sie Welten, es vereinen sie die Stereotype.
Zu Gute halten muss man dem Krimi zwar, dass er auch zeigt, wie rasch der Fall von ganz oben nach ganz unten erfolgen kann. Auf einmal gerät ein ehemaliger Personalchef selbst in eine finanzielle Notlage und versucht dies vor seiner verwöhnten Frau zu verbergen. Aber auch diese Idee ist nicht unbedingt neu.

Kann man sich einen "Tatort" mit derart hoffnungslos-überzeichneten Figuren und dramaturgischen Schwächen dennoch ansehen? Ja, denn was "Jagdzeit" nicht nur erträglich macht, sondern wahrlich Freude bereitet, ist die Selbstironie der Ermittler: Während "Ex-Jugo" Batic großkotzige Firmenbesitzer in die sozial-kritsche Mangel nimmt, kontert Kollege Leitmayr dessen Betroffenheits-Habitus mit deutlichen Gähnzeichen und der Bemerkung: "Deswegen sind wir alle so froh, dass du als Beamter auf Lebenszeit bezuschusste Schnitzel in der Kantine kriegst und keine Ratten mehr im Hinterhof von Zagreb jagen musst."

Aus humoristischer Sicht gibt es etliche starke Szenen wie diese, dennoch dürfte wahren Krimi-Fans zwischenzeitlich ebenfalls nach Gähnen zumute sein. Da hilft weder, dass der Fall bisweilen mit der linearen Erzählung bricht und mit dem Ende einsteigt, noch die Split-Screen-Spielerei mit der à la "24" versucht wird, parallele Handlungen zu verdichten. So mag der Bayern-"Tatort" zwar recht gut als ironische Unterschichtgroteske funktionieren, sonderlich spannend ist Peter Fratzschers Krimi allerdings nicht.

Der "Tatort: Jagdzeit" ist übrigens der letzte, den die BR-Redakteurin Silvia Koller mit auf den Weg gebracht hat. Die Erfinderin des Ermittlerduos Batic und Leitmayr starb am 15. Dezember 2010. Nicht zufällig heißt die Lebensmittelfirma "Konserven Koller" und noch eine weitere Hommage, an die als Kettenraucherin bekannte "Tatort-Mutter", ist in dem Fall versteckt…

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige