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„Die mediale Revolution ist eine Chance“

Ist das Internet Fluch oder Segen? Für Philip Grassmann, Chefredakteur von Der Freitag, ist es beides. "Es hat uns mehr Transparenz gebracht, aber auch mehr Überwachungsmöglichkeiten", sagt der Journalist. Die mediale Revolution habe er sich so aber nicht vorgestellt. Ab Freitag startet in Berlin der taz-Medienkongress, der das zum Thema macht. Im MEEDIA-Interview erklärt Grassmann, ob der Journalismus noch ohne Social Media auskommt und warum das Internet ein gutes Mittel gegen Politikverdrossenheit ist.

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Herr Grassmann, Der Freitag ist in diesem Jahr Kooperationspartner der taz beim Medienkongress tazlab. Das Thema lautet: "Die Revolution haben wir uns anders vorgestellt." Wie denn?
Wir befinden uns in der Tat mitten in einer medialen Revolution. Das Internet hat uns mehr Transparenz, mehr Freiheit und mehr Möglichkeiten zur Information und Kommunikation gebracht. Das ist die eine Seite dieses Umbruchs. Die andere Seite ist: weniger Datenschutz, Ausspähsoftware, Mobbing, mehr Überwachungsmöglichkeiten. Das habe ich mir so nicht vorgestellt.
Was fällt für Sie unter die Kategorie Medienrevolution? Was macht die Medienrevolution aus?
Die Medienwelt, wie sie es noch vor 15 Jahren gab, existiert nicht mehr. Vor 15 Jahren war das Netz eine exotische Spielerei. Vor zehn Jahren war es eine zusätzliche Informationsquelle. Heute ist es ein Ort der Kommunikation, eine zusätzliche Plattform für klassischen Journalismus. Und es ist ein Forum für eine Gegenöffentlichkeit, die vorher kaum Chancen hatte, von einer breiteren Leserschaft wahrgenommen zu werden. Viele Verlage sehen sich durch diesen Wandel bedroht. Ich sehe das anders. Diese mediale Revolution ist eine Chance – wenn man ihre Möglichkeiten zu nutzen versteht.
Welche Rolle spielen Twitter, Youtube und Wikileaks für den Journalismus?
Das sind Beispiele einige der neuen journalistischen Chancen, die das Netz bietet. Wer Twitter lediglich als geschwätziges Befindlichkeits-Medium einschätzt, ist blind für die enormen Potenziale dieses Kurzmitteilungsdienstes. Twitter ist ein enorm schneller, extrem individuell gestaltbarer Nachrichtendienst. Er kann bei der Recherche ebenso nützlich sein, wie bei der Information über Termine oder Ereignisse. Youtube ist so etwas wie ein mediales TV- und Filmgedächtnis, ebenfalls mit einem enormen Recherche-Potenzial. Wikileaks geht noch darüber hinaus. Es ist eine neue Form des Journalismus. Es ist ungewohnt, manche Journalisten fühlen sich von der enormen Informationsfülle bedrängt. Aber im Großen und Ganzen ist es ein Versprechen: für mehr Transparenz und Aufklärung.
Kommt der Journalismus noch ohne Social Media aus?
Natürlich gibt es guten Journalismus auch ohne Social Media. Aber guter Journalismus wird besser, wenn er auch die Social-Media-Kanäle wie etwa Facebook oder Twitter offensiv nutzt. Ein Beispiel ist die Guttenberg-Affäre. Ich bin sicher, die vielen Plagiate in seiner Doktorarbeit wären von den investigativen Journalisten dieser Republik aufgedeckt worden. Nur hätten sie möglicherweise dafür viele Wochen gebraucht. Im Netz ging das blitzschnell, nach nur wenigen Tagen war das große Ausmaß sichtbar und hat der Affäre eine ungeheure Dynamik verliehen.
Ist der Journalismus heute besser oder schlechter als vor fünfzehn Jahren?
Er ist anders. Wir können heute durch das Netz schneller Fakten recherchieren, auf Informationen zugreifen. Die Geschwindigkeit, mit der sich Nachrichten verbreiten, ist ebenso steil angestiegen wie der Druck, möglichst schnell darauf zu reagieren. Aber Journalismus besteht ja nicht nur aus Informationen. Journalismus ist auch Nachdenken, Einordnen, Analysieren, Zusammenhänge herstellen. Das wird heute ebenso gut gemacht wie vor 15 Jahren. 
Sie moderieren auf dem Medienkongress das Podium zum Thema "Wählerfang im Netz". Wie verändert sich Politik durch das Internet?
In Deutschland ist das Potenzial des Internet für die Politik noch nicht richtig entdeckt. Nehmen sie die äußerst bemühten, teilweise extrem schwachen Bemühungen der Parteien bei der letzten Bundestagswahl. Das Problem ist: Ein Politiker ist immer darauf aus, die Kontrolle zu behalten. Er lässt sich Interviews autorisieren, brütet über Presseerklärungen, denkt über Sprachregelungen nach. Aber so funktioniert das Internet nicht. Es ist schnell, transparent und authentisch. Man muss sich auf direkte Kommunikation einlassen. Das ist eine Chance für die Politik und übrigens auch ein gutes Mittel gegen die grassierende Politikverdrossenheit. 
Haben Sie dazu ein Beispiel?
Die Piratenpartei und die Grünen haben das Potenzial noch am ehesten erkannt. Aber der sporadische Chat mit dem Wähler ist sicher nicht die Lösung. Es geht da um prinzipielles Umdenken. Es reicht eben nicht, wenn man twittert: "Morgen große Wahlkampfveranstaltung mit mir im Gemeindehaus". Die User erwarten eine Meinung, kein Wortgeklingel. Nehmen Sie zum Beispiel Malte Spitz von den Grünen. So könnte es gehen. Noch ist er einer der wenigen Exoten. Aber das wird sich ändern.
Halten Sie das Zeitungssterben für einen Qualitätsverlust bürgerlicher Öffentlichkeit?
Es ist nie gut, wenn eine Zeitung stirbt. Jede Stimme, die in der Öffentlichkeit nicht mehr gehört wird, fehlt. Aber man muss auch sehen: Durch das Internet werden eben andere Stimmen gehört.
Was meinen Sie: Wie lange wird es noch gedruckte Zeitungen geben?
Das ist schwer zu sagen. Sicher haben es Tageszeitungen schwerer als Wochentitel. Regionale Zeitungen stehen stärker unter Druck als überregionale Blätter. Zeitungen sind in Deutschland auch stärker ein Teil der Alltagskultur als beispielsweise in den USA, wo das Zeitungssterben ja bereits in vollem Gange ist. Ich bin sicher, dass es hierzulande noch lange gedruckte Zeitungen geben wird. Auch nicht zuletzt deshalb, weil es für elektronische Zeitungen noch kein überzeugendes Geschäftsmodell gibt. Der Freitag geht einen Weg, bei dem Print und Online so eng wie möglich miteinander verzahnt werden. Wir übernehmen Blogs in die Zeitung, die Redakteure debattieren mit den Lesern im Netz. Das ist ein Weg, die neuen Möglichkeiten zu nutzen. Aber es sind sicher auch noch andere denkbar. 
Ist die nächste Revolution schon im Anmarsch?
Warten wir erstmal ab, bis die gegenwärtige Medienrevolution abgeschlossen ist. Dann halte ich gerne nach der nächsten Ausschau.

Am 8. und 9. April findet der Medienkongress im Berliner Haus der Kulturen der Welt statt. Das Programm und weitere Informationen gibt es hier.

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