Die Kachelmann-Doku im Schweizer TV

Das Schweizer Fernsehen zeigte jüngst eine Dokumentation, in der der bisherige Stand im Fall Kachelmann minutiös nachgezeichnet wurde. In Mannheim steht der ehemalige ARD-Wetterexperte wegen des Vorwurfs vor Gericht, seine Ex-Geliebte vergewaltigt zu haben. In der Doku-Reihe “SF DOK” rekonstruiert Autor Hansjürg Zumstein den Fall. Das Bild, das dabei entsteht, ist vor allem für die Mannheimer Staatsanwälte beschämend.

Anzeige

Schon im Einstieg des knapp 50-minütigen Films lautet das vorweggenommene Fazit: “Seit Monaten sucht das Landgericht Mannheim nach der Wahrheit und muss feststellen, dass keine verlässlichen Tatspuren existieren.” Um den komplizierten Fall Kachelmann auszuleuchten, befragte das Schweizer Fernsehen die prominenten Reporterinnen, die den Prozess beobachten und teilweise selbst darin verstrickt sind.

In Interviews treten vor der Kamera auf: Spiegel-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen, Zeit-Reporterin Sabine Rückert, Bunte-Reporterin Tanja May und die Bild-Kolumnistin und Frauenrechtlerin Alice Schwarzer. Es passt zu diesem Prozess, dass es ausschließlich Frauen sind, die aus der Masse der berichtenden Medien herausragen. Sabine Rückert sagt an einer Stelle im Film: “In dem Prozess wird auch der Graben klar, der zwischen den Geschlechtern verläuft.” Kachelmann und die Frauen. Das ist die Geschichte zwischen ihm und seinen Geliebten und auch die Geschichte seines Prozesses und seiner Beobachterinnen.

Grob lassen sich die Prozessbeobachterinnen in zwei Lager einteilen. Alice Schwarzer und Tanja May vertreten eher eine Perspektive des mutmaßlichen Opfers. Gisela Friedrichsen und Sabine Rückert zweifeln sehr stark an der Schuld des Angeklagten. Dies kommt auch in dem Film deutlich zum Ausdruck.

Der Film zitiert aus Vernehmungen, aus den berüchtigten Chat-Protokollen zwischen Kachelmann und seiner Ex-Geliebten. Private Situationen oder Szenen vor Gericht werden mit Hilfe von Zeichnungen nachgestellt. Es geht um den Aufmarsch der Gutachter und auch um die Rolle der Medien. Eine der erhellendsten Stellen der Doku ist, als Reporter darauf drängen, dass bei Kachelmanns Haftprüfungstermin der Gefangenentransporter ein Stück von der Tür des Gefängnisses weg gefahren wird, damit man Kachelmann besser beim Verlassen des Gebäudes filmen kann. Dem Drängen wird stattgegeben. Die Ergebnisse der Gutachter in so geballter, komprimierter Form wie in dem Film zu sehen, ist in der Tat beeindruckend. Keine Tatspuren an der angeblichen Tatwaffe, Zweifel an den Verletzungen und der Glaubwürdigkeit des Opfers. Kein Beweis, nirgends. Der Eindruck, der hier über die Arbeit der Mannheimer Staatsanwälte entsteht, ist vernichtend.

Ein paar Ungewöhnlichkeiten dieses Prozesses fehlen dann aber doch. So bleiben die Anträge von Kachelmanns Verteidiger Johann Schwenn, die Redaktionen von Bunte und Focus durchsuchen zu lassen, außen vor. Und über den plötzlichen Verteidigerwechsel von Reinhard Birkenstock zu Johann Schwenn wird im Film gerätselt, ohne dass die Rolle der Zeit-Reporterin Sabine Rückert zur Sprache kommt, die Schwenn als neuen Kachelmann-Verteidiger selbst vorgeschlagen hat. Auch kein Wort fällt darüber, dass Alice Schwarzer eine Buchveröffentlichung zu dem Fall plant. Es wird vermutlich nicht das einzige Buch zur Causa Kachelmann sein.

Was von der Schweizer Doku bleibt, ist der vernichtende Eindruck für die Mannheimer Staatsanwälte angesichts einer drückenden Nicht-Beweislage. Und das Schlusswort der Spiegel-Reporterin Gisela Friedrichsen. Angesichts der zahlreichen, Kachelmann entlastenden Gutachten und fehlenden Beweise ruft sie gegen Ende des Films mit offenbar echter Empörung: “Was haben wir denn? Nichts!”
Auch im deutschen TV wird die Kachelmann-Doku gezeigt. Im Programm von 3sat läuft die Sendung am Mittwoch, 6. April 2011, um 20.15 Uhr.
Hier ist die komplette Kachelmann-Doku des Schweizer Fernsehens im Internet zu sehen.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige