Arzt-‚Tatort‘: Kassenkampf im Wartezimmer

Kreuzverhör einmal andersrum: Der alternde Internist nimmt die Berliner "Tatort"-Kommissare in die moralische Mangel. Am Ende steht es Unentschieden, und die wichtigste Lektion die der Zuschauer an diesem Abend gelernt hat, ist in diesem Fall: Das größte Verbrechen besteht darin, krank zu werden. Denn das bestraft unser Gesundheitssystem zuweilen mit dem Tod. Die Ermittler machen sich auf die Spur des Täters, doch am Ende bleibt die Schuld im Raum hängen.

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Es ist ein zähes Geflecht, auf das sich der Krimi-Fan einlassen muss, der die Berliner Kripoleute Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic) bei ihren Ermittlungen in einer Arztpraxis begleitet. Die beiden Leichen, um deren Ableben der Fall handelt, sind lange nicht die deprimierendsten Elemente des Plots. Die Atmosphäre der immer präsenten (und teils unheilbaren) Krankheit, die Entfremdung der Ehepartner, der zementierte Generationskonflikt zwischen dem alten Arzt und seinem Sohn, der die Praxis am liebsten an sich reißen würde – all das lastet bleiern auf der Handlung, die wie ein Kammerspiel um die Praxisräume gestrickt ist.
Wie ermittelt man in einem Milieu, in dem die Hauptfiguren bereits unter Eid stehen? Die Kommissare wollen den zugrunde liegenden Konflikt nicht sehen, nicht wahrhaben, dass es für die Beteiligten und Verdächtigten andere als die offensichtlichen Motive gibt. Ganz langsam tauchen sie in die Welt ein, in der die Gesundheitsbehörde und ihre Verordnungen über Wohl und Wehe chronisch Kranker entscheiden, wo Hilfe stets erst im nächsten Quartal zu haben ist und Akten der Patienten nur das listen, was die Kassen zu erstatten bereit sind: 65 Euro pro Krankenkopf. In so einer Welt verwischen die Grenzen zwischen Fürsorge und Rechtsbruch, zwischen Heilkraft und Linderung oder auch Vernichtung.
So ist der Tod eines Patienten in der Praxis des Internisten Dr. Gerhard Schmuckler (souverän gespielt von Dieter Mann) am Ende ein Betriebsunfall, ein Kollateralschaden eines morbiden Gesundheitsapparats. Aber erst als die ehrgeizige Ärztin Antje Berger ermordet wird, wird das Desaster offenbar. In ihrem kalt-lächelnden Bemühen, den Arztbetrieb betriebswirtschaftlich zu optimieren, kam sie dem Idealismus des alten Doktors in die Quere. Dessen Sohn, hin und her gerissen zwischen Zuneigung und Bewunderung für die neue Ärztin und Loyalität zum Vater, steht als Arzt letztlich nur für den Trieb, das von den bürokratischen Einschnitten im System bedrohte Familienunternehmen am Leben zu erhalten: Hauptsache, die Kasse stimmt.
Das Thema ist nicht neu, aber es wird hier eindringlich inszeniert. Emotionale Kraft entfaltet dieser Krimi im Schneckentempo, erst nach einer Stunde nimmt die Story Fahrt auf. Das dürfte der Quote nicht gut bekommen, doch man hat schon weit schwächere "Tatorte" gesehen. Beeindruckend ist, wie am Ende das Mitleid mit den Nächsten selbst den gütig lächelnde Samariter zum Mörder machen kann. Die Frage nach der Täterschaft tritt dabei in den Hintergrund, denn die Schuldigen sitzen ganz woanders. Als Ritter die ganze Wahrheit kennt, bleibt ihm nur hilflose Wut auf das, was er am Staat und der Gesellschaft nicht ändern kann. Vielleicht ist "Edel sei der Mensch und gesund" auch deshalb ein Fall, der gut in die Zeit passt.

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