Vom Feuerwehrmann zum Zukunftsplaner

Bernd Buchholz brauchte nicht viele Worte, um die Lage seines Verlagshauses knapp und knackig auf den Punkt zu bringen: "Gruner + Jahr is back on track." Viel schneller als erwartet hat der 49-Jährige Vorstandschef in der Bilanz die Spuren der Krise weggewischt: gewiss mit dem Rückenwind der Konjunkturbelebung, vor allem aber mit rigidem Sanierungswillen. Am Baumwall ist Buchholz unumstrittener denn je - und doch noch lange nicht am Ziel.

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Nach der Jahrespressekonferenz im Foyer der Hamburger Verlagszentrale steht der CEO gut gelaunt beim Lunch-Buffet. Für ihn gibt es Fisch, nicht Fleisch. Bernd Buchholz fastet seit Wochen wie jedes Jahr um diese Zeit, und er fühlt sich blendend. Er hätte wohl nichts dagegen, wenn man diese Zustandsbeschreibung aufs Unternehmen übertragen würde. Im Haus wird jetzt gespart, genau abgewogen, wofür Gelder fließen. Dies ist der entscheidende Faktor, der zum Rentabilitäts-Sprung im Jahr 2010 geführt hat.

 
"Wir haben den Status quo radikal in Frage gestellt", hatte der Vorstandschef die Herangehensweise zuvor gegenüber den Medienvertretern beschrieben und erklärt: "Das Ergebnis 2010 ist kein Glückstreffer." Nicht die glänzenden Zahlen, die in der Tendenz ohnehin zu dem Zeitpunkt bereits bekannt waren, durchzogen seinen Rapport als rote Linie, sondern die Art und Weise, wie das Haus, der Vorstand, wie er diese erzielte. Darauf darf er stolz sein (und ist er auch), dafür zollt man ihm auch beim Mutterkonzern höchsten Respekt. Ende vergangenen Jahres wurde sein Vertrag, der nach dem überstürzten Abgang von Vorgänger Bernd Kundrun zunächst auf zwei Jahre fix war, verlängert. Buchholz hat das uneingeschränkte Vertrauen der Gütersloher.

 
Dem CEO, den man einst als Feuerwehrmann holte, wird inzwischen zugetraut, dass er sich auch als Architekt und Bauleiter des Zukunftsmodells Gruner + Jahr bewährt. Der Millionenfluss, der nach dem Minus-Jahr 2009 nun wieder sprudelt, ist dabei nur der erste Schritt. Buchholz, der zum Start mit seinem schon legendären "Sonnendeck"-Zitat bei Mitarbeitern wie im Kreise der Gesellschafter aneckte, hat das publzistische Flaggschiff wieder seefest gemacht. Das ging nicht ohne Schrammen ab. Aber die Mannschaft sieht, dass es voran geht, und das versöhnt viele mit dem Kurs, den die Kommandobrücke vorgibt. Rund ein Bruttomonatsgehalt wird für das vergangene Geschäftsjahr an die tantieme-berechtigten Mitarbeiter ausgezahlt – 20 Millionen Euro insgesamt.

 
Buchholz – auch dies ist die Wahrheit – hat den Turnaround im Rekordtempo vollbracht, weil er in vielen Verlagsbereichen die Komfortfunktion abgeschaltet hat. Viele Segmente erledigen heute mehr Aufgaben mit weniger Personal als zuvor, Strukturen wurden entrümpelt und gebündelt, Sachkosten rationiert. Man macht sich am Baumwall damit nicht beliebt, aber die Wahrheit ist wohl, dass das über Jahrzehnte vom Anzeigenmarkt verwöhnte Zeitschriftenhaus reichlich Wohlstandsspeck angesetzt hatte. Dies zu korrigieren, war und ist keine leichte Aufgabe. Schon deshalb baut Buchholz Missverständnissen vor und stellt, wie man es von einem Verleger hören will, das Bekenntnis zur Qualität des Medienangebots an die erste Stelle seines Wertekanons und damit vor die  Erhaltung der Profitabiliät und das langfristige organische Wachstum. Auch deshalb lautet der Titel der mit Unternehmenszahlen gespickten 2010er-Bilanz anspruchsvoll "Jahrbuch der Relevanz".

 
Qualität sichern, Geld verdienen, wachsen: An allen drei Fronten will Buchholz angreifen, und dies soll mit einem für ein Haus der Größe von G+J bemerkenswert überschaubaren Führungsteam gelingen. Neben Buchholz zählt die operative Spitze nur zwei weitere Vorstände: Torsten-Jörn Klein (Ausland) und Achim Twardy (Finanzen). Möglich ist dies, weil Buchholz eins gewiss nicht ist: ein Zauderer oder Bedenkenträger. Dass er, wie Verlagskreise berichten, heute ein geduldigerer Zuhörer und Gesprächspartner sei als früher, ist dabei sicher nicht von Nachteil. Bernd Buchholz ist in seinem Amt gereift; den Lektionen, die der Verlag von ihm in den letzten beiden Jahren aufgetragen bekam, stehen wohl ebenso viele gegenüber, die er selbst als CEO lernte. Eine davon gilt  dem Umgang mit der Konkurrenz. Der frühere FDP-Politiker tritt bei der Jahres-PK auch als Diplomat auf, weil er weiß, wie wichtig Mehrheiten und Konsens in Branchenfragen sein können. Ja, es gibt Seitenhiebe auf die Konkurrenz, Buchholz spricht von "Über-Euphorie" hinsichtlich iPad & Co., versichert, dass G+J als Medienhaus bestimmt nicht "auf dem Heiratsvermittlungsmarkt" tätig werde. Aber das ist kein Affront, sondern eher anekdotisch.

 
Dass er selbst bei allem Lob, das er in diesen Tagen einheimst, erst am Anfang steht, ist Buchholz bewusst. "Veränderung wird für uns zum ständigen Begleiter", sagt er mit Blick auf die Zukunft. Bevor der Geist der Erneuerung im Haus zu schwinden droht, sollen neue Aufgaben angegangen werden. Die Perspektive der Wirtschaftsmedien, die durch die Einrichtung einer 250 Mitarbeiter großen Zentralredaktion weniger verlustreich, aber längst nicht profitabel gemacht wurden, gehört dazu. Seit 2000 hat G+J allein mit der Financial Times Deutschland nach Branchenschätzungen bis zu 300 Millionen Euro versenkt. Unter Bernd Kundrun galt die Zeitung als uneinstellbar. Dessen Vorgänger Gerd Schulte-Hillen hatte sich bis zuletzt geweigert, sich von der als Gruner-Tochter defizitären Hamburger Morgenpost zu trennen, die dann umgehend verkauft wurde, als "SH" weg war. Buchholz bekannte sich auf der Jahres-PK zu den Wirtschaftsmedien, aber es besteht kein Zweifel, dass er entschlossen handeln würde, wenn sich seine strategische Einschätzung ändern sollte. Das unterscheidet Buchholz von früheren G+J-Vorstandschefs, und dies ist ein Grund, warum er heute so fest im Sattel sitzt.

 
Nun muss sich zeigen, ob der CEO auch als Gestalter eine glückliche Hand haben wird. Dies gilt sowohl für die Produkte wie den Aufbau neuer Geschäftsbereiche. Früh hatte er allen Spekulationen, dass er sein früheres Ressort als Zeitschriftenvorstand neu besetzen wird, eine Absage erteilt. 2010 kaufte der Verlag das feine, aber kleine Magazin "11 Freunde" – mehr Breaking News gab es nicht. Da geht sicherlich mehr, auch wenn Buchholz große Marktchancen vor allem für "hochpreisige Nischenprodukte" sieht. Dass man bei Gruner + Jahr mit dem stern "publizistisch außerordentlich zufrieden" sei, wie er sagt, mag sein. Es klingt aber wie eine Blankovollmacht, die nicht erklärt, warum das Magazin gerade im Einzelhandel öfter enttäuschende Verkaufszahlen liefert. Dass der Verlag (auch dank eines strengen Sparkurses im Online-Bereich) rund zwei Dutzend operativ profitable inhaltegetriebene Web-Angebote im Portfolio hat, mag ebenso sein. Deren Deckungsbeitrag ist dem Vernehmen nach jedoch überwiegend minimal, von einer überzeugenden Digitalstrategie ist man am Baumwall im Vergleich zur Konkurrenz weit entfernt. Auch der CEO sagt: "Das sind Rinnsale, nicht Ergebnisströme." Größter Profitbringer ist hier die (zugekaufte) Community chefkoch.de, das ambitionierteste Angebot stern.de schlägt jährlich noch schätzungsweise mit einem mittleren Millionen-Fehlbetrag zu Buche. Auch hier ist ist Einiges zu tun.
 
Zentraler allerdings scheint der mittlerweile seit Jahren angekündigte Vorstoß in das Geschäftsfeld Professional Publishing, ein dynamisch wachsender Markt, der weltweit bereits auf 150 Milliarden US-Dollar taxiert wird. Wann und in welchem Investitionsumfang es hier zu einer Akquise kommt, ist unklar. Der Vorstandschef hat auf der Jahres-PK alle Spekulationen hierzu abgewiegelt. Aber daran, dass er zuschlagen wird, hat er ebenso keinen Zweifel gelassen. Mehr als in allen anderen Unternehmensbereichen sieht er hier die Chancen, die Grundlage für das Wachstum des angebrochenen Jahrzehnts. So unumstritten sich Bernd Buchholz als Vorstandschef in diesen Tagen fühlen darf: Die ganz große Herausforderung liegt noch vor ihm. 

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