Sadomaso-Cruise-Missile aus dem Internet

Wer sich den Bodensee-"Tatort" im Ersten mit dem Titel "Im Netz der Lügen" zugemutet und bis zum Ende durchgehalten hat, muss über ein sonniges Gemüt und eine angeborene Ignoranz gegenüber hanebüchenen Handlungskapriolen verfügen. Der jüngste Sonntagabend-Krimi mit Eva Mattes als gefühlige Kommissarin Klara Blum geriet deprimierend kalt und strotzte nur so vor Klischees und Logik-Löchern, so tief wie die Wasser des Bodensees.

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Die zweite Protagonistin des Films neben Kommissarin Blum, gespielt von Karin Giegerich, hatte eine der undankbarsten Rollen der vergangenen Jahre im deutschen TV-Krimi-Geschäft zu absolvieren. Als emotional verarmte, eiskalte, schmallippige und gegen sich und andere überharte Richterin Heike Göttler musste die arme Frau eine unsympathische und unzugängliche Figur geben. Die knallharte Richterin wurde beim Joggen von einem vermeintlichen Lüstling verfolgt und angegriffen. Aber weil sie so durchtrainiert und eben knallhart ist, schlug sie den Kerl einfach mal tot.

Danach gab es reichlich in kaltes Blau getauchte Großaufnahmen ihrer wie aus Stein gemeißelten Gesichtszüge bei der Zeugenvernehmung zu sehen. Einige unglaubwürdige Drehbuch-Kapriolen später stellte sich dann heraus, dass sich ein früherer Verurteilter auf geradezu abstruse Weise an der Richterin rächen wollte. Seine damalige  Ehefrau hatte ihn wegen Vergewaltigung in der Ehe angezeigt und die Richterin hatte ihn verurteilt. Sie dachte, sie habe ein Fehlurteil gefällt, weil sich die Ehefrau später als lesbisch herausstellte. Um ihre sexuelle Neigung zu verbergen und trotzdem den Mann loszuwerden, habe sie ihren Mann fälschlich beschuldigt. Das stimmte aber nicht. Zwar hatte die Ehefrau tatsächlich ihre lesbische Neigung verborgen, aber der Mann war trotzdem ein psychopathischer Frauenhasser. In der "Tatort"-Welt gelten solche Irrungen, Wirrungen fast schon als normal.

Also wollte sich der Ex-Mann nun an der Frau, ihrer Lebensgefährtin und der Richterin rächen. Das tat er, jetzt bitte den gesunden Menschenverstand auf “Aus” schalten, indem er sich bei den Frauen vors Haus ins Auto hockte, sich mit Laptop in die stets offenen W-LAN-Netze der Damen einloggte, im Internet einen Sadomaso-Chat aufsuchte, sich als eine der Frauen ausgab, devote Neigungen vortäuschte und den Damen somit dominante Lüstlinge als eine Art Sadomaso-Cruise-Missile auf den Hals hetzte. Da die Frauen nichts von den "Spielchen" ahnten und auch das verabredete "Safeword" zum Abbruch des Sex-Rollenspiels nicht kannten, war der Rachefeldzug “perfekt”. Jedenfalls nach der abenteuerlichen Logik des "Tatort"-Drehbuchs. Dass die Autoren dann noch in einer Schlüsselszene Paddeln und Rudern verwechselten, fällt da schon nicht mehr ins Gewicht.
Erst neulich wurde beim Leipzig-"Tatort" übrigens ein Online-Chat für ältere Singles zur Todesfalle. Es scheint, die "Tatort"-Autoren sehen im Internet in erster Linie ein Sammelbecken für Mörder und Perverse. Parallel zu dem an den Haaren herbeigezogenen Sadomaso-Internet-Rachefeldzug Handlungsstrang gab es noch einen Professor, der unsere "Tatort"-Polizisten in einer Art Seminar via Riesenbildschirm in der Gesichts-Psychologie weiterbildete. Anhand der eiskalt-blauen Videoaufnahmen des Verhörs der Richterin wurden deren Gesichtsausdrücke interpretiert und gedeutet. Das war dann in der Tat eine halbwegs interessante Handlungs-Idee und erinnerte vom Gedanken her entfernt an die US-Serie "Lie to me".

Statt dass man diesen Einfall ein wenig stringenter verfolgt und ausgebaut hätte, tauchte der Professor nur immer mal wieder kurz auf, verschwand wieder und die Sache mit der Gesichtserkennung verlief im Sande. Genau wie die "Tatort"-typische Nebenhandlung mit einem Schmieren-Reporter, der der unbedarften Assistentin des Kommissariats eine Affäre vorgaukelte um an exklusive Infos zu kommen. Das Klischee vom skrupellosen Boulevardreporter wurde hier genauso platt und oberflächlich nebenher bedient wie das vom Internet als Sumpf der Perversen. Und noch’n Klischee: Einer der angeheuerten Sadisten war natürlich auch ein Politiker, der um seinen Ruf fürchtete. Platter geht’s kaum. Dass es diese Krimi-Reihe regelmäßig schafft, ein Millionen-Publikum sonntagabends zum Einschalten zu bringen, bleibt eines der großen Rätsel der TV-Landschaft.

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