Edit-War um die “Feuerzangenbowle”

Manche Mediengeschichten schaffen Zusammenhänge, die auf den ersten Blick unmöglich zusammenzupassen scheinen. In dieser Geschichte geht es um den in der Branche bekannten Werbe-Kolumnisten Harald Dzubilla alias “Spießer Alfons”, um das Buch “Die Feuerzangenbowle”, dessen Verfilmung mit Heinz Rühmann ein Klassiker ist, und um einen handfesten Edit-War bei Wikipedia. Und alle drei Themen gehören tatsächlich zusammen.

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Aber der Reihe nach. Harald Dzubilla ist nicht nur ein überaus freundlicher Zeitgenosse und als “Spießer Alfons” ein wortmächtiger Kritiker der Werbebranche. Er ist auch der Erbe und Nachlassverwalter des deutschen Schriftstellers Hans Reimann. Der lebte von 1889 bis 1969 und war ein durchaus bekannter und anerkannter Schriftsteller und Satiriker. Dzubilla bezeichnet ihn als seinen väterlichen Freund und Mentor.

Nun führt Dzubilla vor dem Hamburger Oberlandesgericht einen Prozess um die Urheberschaft des Buchs “Die Feuerzangenbowle”. Laut Dzubilla ist nämlich nicht der weithin bekannte Heinrich Spoerl Autor der “Feuerzangenbowle”, sondern eben jener Hans Reimann, dessen Nachlass er verwaltet. Dzubilla klagt, weil der Droste-Verlag, der die Rechte an dem Buch “Die Feuerzangenbowle” besitzt, eine Ausgabe zum Verlagsjubiläum herausgegeben hat, in der ein gewisser Professor Joseph Anton Kruse das Nachwort schrieb. Kruse ist nun wiederum nicht nur Literaturwissenschaftler und ehemaliger Leiter des Heinrich-Heine-Instituts, sondern auch Nachlassverwalter von Heinrich Spoerl. Nachlassverwalter contra Nachlassverwalter.

In seinem Nachwort schreibt Kruse die alleinige Urheberschaft an der “Feuerzangenbowle” Spoerl zu. Das hat Dzubilla wütend gemacht, er hat den Vorgang in seiner Rolle als “Spießer Alfons” selbst auch schon ausführlich dokumentiert und es sind auch Artikel zum Thema in diversen Zeitungen erschienen, u.a. in der taz. Der nicht ganz unkomplizierte urheberrechtliche Streit, der sich nun schon Jahre hinzieht, und vor Gericht noch immer nicht zu Ende ausgefochten ist, mündete nun in einem handfesten Edit-War bei der Wikipedia. Edit-War – so bezeichnet man Änderungen von verschiedenen Personen an Wikipedia-Artikeln, die Sachverhalte oder Formulierungen löschen, wieder hinzufügen usw.

Tatsächlich wird der Autor Reimann in dem aktuellen Wikipedia-Artikel zu seiner Person in ein sehr schlechtes Licht gerückt. Sein Beitrag am Buch “Feuerzangenbowle” habe sich “auf wenige Druckzeilen” beschränkt. Reimann habe seine Rolle im Nationalsozialismus in seiner Autobiografie “verklärt”. Reimann wird im Wikipedia-Artikel nun gar als eine Art Nazi-Sympathisant beschrieben. Auf der Diskussionsseite zu dem Artikel vermutet Dzubilla, dass “diese falschen Angaben von meiner Prozessgegenseite (Droste, Autor Kruse) stammen, um den Wikipedia-Beitrag möglicherweise als neuerlichen ‘Beweis’ ihrer Aussagen vor Gericht vorzulegen.”

Über die Probleme, einmal in Wikipedia veröffentlichte Behauptungen wieder aus der Wiki-Welt herauszubekommen, hat er als “Spießer Alfons” unter dem Titel “Wikipedia: hilfreich, aber auch gefährlich” im Blog "Off the Record" geschrieben.

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