Die Twitter-Angst der Hauptstadtjournalisten

Sitzungsprotokolle sind im Berliner Politikbetrieb der neue Sex: Nach der BDI-Mitschrift, die Rainer Brüderle gerade in Bedrängnis brachte, macht nun die Mitschrift der vergangenen Bundespressekonferenz die Hauptstadtjournalisten zu technikfeindlichen Zweiflern. In einer teils skurrilen Diskussion über die Twitter-Aktivitäten von Regierungssprecher Steffen Seibert blamierte sich so mancher Berlin-Korrespondent. "Ich habe vorhin im Internet nachgeschaut" und "der Nachrichtendienst Twitter ist nicht sicher."

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Weiter führt der namentlich nicht genannte Journalist aus, dass es zahlreiche Beispiele "für Fälschungen von Schauspielern, so Beispiel Martina Gedeck bis hin zum Dalai Lama" gebe. Er lässt es aber nicht dabei bewenden und führt noch an: "Kann ich davon ausgehen, dass das, was dort getwittert wird, wirklich sicher ist? Das kann ja durchaus Folgen haben."

Nicht überraschend bejaht Sprecher Christoph Steegmans, der die Bundespressekonferenz leitet, diese Frage. Überhaupt musste der Kommunikationsprofi diesmal viel Geduld aufbringen.

Zu Beginn der Diskussion versuchte er es noch mit feinem Humor. Auf die bereits genervte Startfrage "Herr Dr. Steegmans, muss ich mir in Zukunft einen Twitter-Account zulegen, um über relevante Termine der Bundeskanzlerin informiert zu werden?" antwortet der Sprecher vielsagend: "Im Informationsgeschäft wissen Sie: viel hilft viel".

Dieser Tweet war der Anstoß zur Diskussion

Auslöser für die Diskussion war die getwitterte Ankündigung einer US-Reise von Angela Merkel. Seibert hatte gezwitschert: "#Kanzlerin reist Anfang Juni zu offiziellem Besuch nach Washington zu Gesprächen mit Präs. #Obama und Verleihung der Medal of Freedom".

Im weiteren Verlauf der Debatte dokumentieren die Journalisten jedoch nicht nur "ihre Unfähigkeit und Unwilligkeit, sich die Kulturtechnik Internet zu erschließen" (Thomas Knüwer), sondern auch gewisse Bedenken, dass durch Twitter bestimmte Informationen, die bislang nur ihnen zugänglich waren, bald auch von jedermann oder jederfrau genutzt werden können. Anders ist die Frage eines weiteren ungenannten Journalisten nicht zu verstehen: "Herr Dr. Steegmans, in dieser Woche hat sich Herr Seibert auf Twitter ‑ ich nenne es einmal so ‑ einen kleinen Schlagabtausch mit Volker Beck geliefert. Ist geplant, dass der Regierungssprecher künftig immer einmal wieder reagieren wird? Es kann ja jeder twittern. Ich habe Sie so verstanden, dass Sie über Twitter auch Bürger und nicht nur uns Journalisten erreichen wollen. Wird das wirklich ein richtiges Kommunikationsmittel des Regierungssprechers werden, um die Regierungspolitik in die Bevölkerung zu kommunizieren?"

Die kluge Antwort Steegmans: "Erstens sage ich ganz frei, dass ich Sie nicht nur als Journalistin, sondern auch als Bürger erreichen möchte." Weiter wies der Sprecher dann noch darauf hin, dass die kurze Zwitscher-Diskussion wohl eine "Ausnahme" war, "die die Regel bestätigt".

Ganz grundsätzlich – und völlig zu recht – merkt der Sprecher noch an: " Wir leben in einer Informationsgesellschaft. Wir wissen um die Herausforderungen, dass verschiedene Generationen verschiedenartig mit Technik und Informationswegen umgehen." Allerdings will das Bundespresseamt immer versuchen, möglichst viele Kanäle zu bedienen, um möglichst viele Bürger zu erreichen. "Ich glaube aber, dass wir in Zeiten, wo sich insbesondere jüngere Menschen nachweislich weniger für Politik interessieren, gut beraten sind, neue und unkonventionelle Wege zu beschreiten."

Man ist fast gewillt, einigen Hauptstadtjournalisten ähnlich viel Mut zu wünschen.

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