Bertelsmann: 1 Milliarde in der „Kriegskasse“

"Wir sind schneller, schlanker und fitter." Bei der Jahresbilanz-Pressekonferenz in Berlin ließ Bertelsmann-Vorstandschef Hartmut Ostrowski keinen Zweifel daran, dass der Konzern nach der Krise wieder zum Angriff bereit ist. Zwar wiegelte er Fragen nach Zukäufen ("Wir stehen nicht unter Druck") noch ab, doch der Fantasie sind wenig Grenzen gesetzt: Bis zu eine Milliarde Euro kann Bertelsmann 2011 für Akquisitionen locker machen. Und auch zur eigenen Zukunft nahm Ostrowski Stellung.

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In der Tat ist die Bilanz von Deutschlands größtem Medienkonzern beeindruckend. Nur ein Jahr nach dem Ergebniseinbruch präsentiert sich das Gesamtgeschäft überaus "robust", wie es die Wirtschaftsexperten gern formulieren. Zu verdanken hat das Unternehmen, das traditionell Wert auf dezentrale Verantwortung und Führungsstrukturen legt, dies in erster Linie der wieder erstarkten Leistungswerte der Segmente TV und Print. Dabei konnte RTL das beste Ergebnis der Unternehmensgeschichte erzielen, Gruner + Jahr den Konzerngewinn auf einen Wert über dem Vorkrisenniveau schrauben und 11,2 Prozent Umsatzrendite vorweisen. Der US-Buchkonzern Random House entwickelte sich unter seinem deutschen Chef Markus Dohle zum Marktführer im E-Book-Segment und glänzt ebenfalls mit guten Zahlen und einem guten Geschäftsausblick. Zudem durchbrach die Dienstleistungssparte Arvato erstmals die Umsatzschallmauer von fünf Milliarden Euro, freilich gab hier die Rendite leicht auf 6,9 Prozent nach. Arvato ist besonders von den Auswirkungen der digitalen Umwälzung betroffen, allerdings sieht CEO Ostrowski gerade auch hier große Chancen für Wachstum und Neugeschäfte. Sorgenkind bleibt die Direct Group, die 2010 erneut einen rückläufigen Umsatz und eine Rendite von nur 2,2 Prozent melden muss.
Aber dieses für den Konzern leidige Thema wurde in der Bilanz-PK nur gestreift, auch Nachfragen blieben nach Jahren der Stagnation der ehemaligen Vorzeige-Sparte aus. Stattdessen predigte der Vorstandschef den Aufbruch und lobte, was das Haus groß gemacht habe und auch im 176. Jahr des Bestehens die Matrix der Aktivitäten darstelle: "Die Kombination aus Kreativität und Unternehmergeist." Ostrowski zog auch eine Bilanz des Krisenmanagements: "Wir haben innerhalb kürzester Zeit eine der schwersten Wirtschaftskrisen der Geschichte überwunden und das Thema Schulden ad acta gelegt."
Mit der erneut deutlich gesenkten Konzernschuldenlast und dem bereits erledigten Abbau von rund fünf Milliarden Euro Verbindlichkeiten haben die Gütersloher Handlungsfähigkeit zurück gewonnen und gelten nun wieder als Player im weltweiten Akquisitions-Business. Ostrowski stellte aber auch klar: "Wir sind nicht gewillt, Überpreise zu bezahlen." Der Konzern stehe in dieser Hinsicht weder unter Zeit- noch unter Erfolgsdruck.
Gut möglich, dass der erstaunliche Erfolg von Bertelsmann im Bereich der Aktivitäten auf dem Musikmarkt die Expansions-Fantasien in Gütersloh beflügeln könnte. Sowohl um Warner wie auch EMI gab es in jüngster Zeit Verkaufsgerüchte. Finanzvorstand Thomas Rabe, der die konzerneigene BMG auch operativ erfolgreich führt, stellte dabei allerdings klar: "Am Frontline-Geschäft haben wir kein Interesse." Eine klare Absage an das Shop-Business mit Tonträgern, dem in der Branche wenig Perspektive zugetraut wird. Eher im Fokus dürften die Verlagsaktivitäten der Musikmultis sowie der Rechtehandel stehen. Sollte es zu einer größeren Akquisition kommen, so gilt die Investmentgruppe KKR als wahrscheinlichster Partner der Bertelsmänner.
Bei soviel positiven Nachrichten und einer erstaunlich raschen Wiederbelebung des Geschäfts, beantwortete Vorstandschef Hartmut Ostrowski Fragen zu seiner Person und Zukunft in Gütersloh gelassen. Angesprochen auf den Appell zur Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwerke, den er wie zahlreiche hochkarätige Wirtschaftslenker im vergangenen Jahr unterzeichnet hatte, sagte Ostrowski: "Ich würde den Appell heute wieder unterschreiben – allerdings mit dem Zusatz, dass die Sicherheit an höchster Stelle steht." Über eine Verlängerung seines Vertrages, der Ende 2012 endet, entscheiden Gesellschafter und Aufsichtsrat wohl frühestens mit Ablauf des Jahres. Wie er selbst seine Zukunft sieht, formulierte Ostrowoski so: "Bei Bertelsmann erfüllen die Führungskräfte bis zu ihrem 60. Lebensjahr ihre Verpflichtungen. Ich bin jetzt 53, und mir macht die Sache großen Spaß."

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