Grönemeyer – der assoziative Text-Knödel

Herbert Grönemeyer, der unumstrittene Held des deutschen Populär-Liedguts, hat bei seinem neuen Lied “Schiffsverkehr” mal wieder assoziativ geknödelt. Im Laufe der Jahre sind unverständlich herausgepresste Liedtexte zu Grönemeyers Markenkern geworden. Heerscharen von Fans und Kritikern hängen an seinen schmalen Lippen. Dass längst nicht mehr zu verstehen ist, was da rauskommt - akustisch ebenso wie inhaltlich - scheint die Verehrung nur noch zu steigern.

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Im Prinzip reicht eine Textprobe aus Herbert Grönemeyers neuer Single, dem Titelstück seines neuen Albums "Schiffsverkehr". In dem Lied heißt es: "Weg mit dem fixen Problem, ich will mehr Schiffsverkehr, endlich auf hohe See, stell mich vor, das leere Tor, ich schlag mich fein, in Seide ein, geb mir ewigen Schnee, pures Gold wohin ich seh, und leb mich voran, und leb mich voran, und verlier mich in Dir." Um mit einem Song-Titel aus verständlicheren Grönemeyer-Tagen zu antworten: "Was soll das?"

Die Texte aus "Schiffsverkehr" wirken größtenteils nur noch wie frei assoziierte Text-Brocken aus Grönemeyers ganz privatem Hirn-Steinbruch. Das ist eine Entwicklung, die ungefähr Mitte / Ende der 90er Jahre begann. Auf seinem Album "Bleibt alles anders" dichtete Grönemeyer bereits 1998 in dem Lied "Schmetterlinge im Eis": "Hab dir viel aufgehalst, auf dir abgestellt, dein Herz umgedreht, deine Nerven zerrissen, kein Stehvermögen, ausgereizt, dich angezählt, deinen guten Willen zum Stehkragen aufgepumpt, deinen Blick unendlich getrübt, dir Übermenschliches abverlangt, meinen Wahn abgeteilt, in deinem Zimmer, jede Ecke eingeklagt, für mein falsches Los, dich vergöttert, geplättet, zerrüttet, mit meiner Sucht nach Trost, meine Knoten zum Lösen überlassen, meine Wogen zum Glätten vermacht, hast jede Welle ruhig ans Ufer gelegt, was ich verdiente, hast du mir gegeben, den gerechten Preis, hab ich bezahlt, ich brauch dich zurück, zum überleben… deine Schmetterlinge im Eis, deine Schmetterlinge im Eis…" Alles klar? Wohl kaum.

Es folgte 2002 das von persönlichen Schicksalsschlägen des Sängers beeinflusste Album "Mensch". Kostprobe aus dem Lied "Zum Meer": "Dreh dich um, Dreh dich um, vergiss deine Schuld, dein Vakuum, wende den Wind, bis er dich bringt, weit zum Meer, du weißt, wohin." In seinem aktuellen Album gleitet Grönemeyer endgültig in ein Text-Nirvana ab. Er ist wahrscheinlich der einzige deutsche Musiker, dem Kritiker und Publikum so treu ergeben sind, dass sein sinnfreies Texten mit allen erdenklichen Anstrengungen zur Genialität verklärt wird. So müht sich der Dichter Michael Lentz in der FAZ ab, dem neuen Lied "Auf dem Feld" Sinn abzuringen. Statt der tatsächlichen Textzeile "Tanz das Goldene Kalb, lasst die Schultern kalt", hört der Dichter entweder "Tanz bis Korsika, lass die Schultern kalt" oder "Tanz Discordia". Lentz bezeichnet den geknödelten Un-Sinn als "Amalgam von Text, Musik und Stimme". So kann man das auch sehen. Bei der Interpretation von "Schiffsverkehr" bemüht er dann sogar Dantes "Göttliche Komödie".

Was Grönemeyer selbst denken mag, wenn er solche Interpretationen liest? Immerhin hat der Mann mit vielen Liedern, genannt seien nur beispielhaft die Klassiker "Bochum", "Männer", "Flugzeuge im Bauch", auch gezeigt, dass er textlich durchaus viel zu sagen hat. Der Grönemeyer der jüngeren Zeit hat sich augenscheinlich darauf verlegt einfach das zu singen, was im gerade in den Sinn kommt. Das Feuilleton wird damit schön auf Trab gehalten und dem Publikum ist das alles wahrscheinlich eh egal, so lange man auf Konzerten lauthals “Bochum” mitgrölen kann. So kann sich jeder seinen ganz persönlichen Grönemeyer im Kopf zusammenbacken. Und das ist dann auch wieder genial. Irgendwie.

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