„Mein Traum ist ein Gnadenhof für Tiere“

In Teil zwei des Gespräches mit Christopher Lesko erzählt Peter Zwegat von der Verbreiterung des Klienten-Querschnitts bei “Raus aus den Schulden“, von Polizisten mit “Schimanski-Attitüden“ und der Müdigkeit am Sonntag nach sechs Arbeitstagen. Der ehemalige Schülermeister im Speerwurf spricht über Krisen, Momente von Berührbarkeit und seinen Traum vom Tier-Gnadenhof. Ehrlichkeitsfan Zwegat: “Manchmal ist meine Zunge schneller als mein Verstand."

Anzeige

„Raus aus den Schulden“ ist ein erfolgreiches Primetime-Format bei keinem ganz langweiligen Sender. Woran genau messen Sie persönlich denn Erfolg?
Die Quote allein ist es für mich nicht. Ich muss das Gefühl haben, einen guten, einen ordentlichen Film abgeliefert zu haben. Wissen Sie, Qualität und Erfolg hängt ja von vielen Bedingungen ab. Die Situationen, die Klienten, das Programm anderer Sender, und und und. Wenn der Klient nuschelt und seine Frau noch bayerischen Dialekt spricht, wird’s handwerklich eben auch ein wenig schwierig. Wenn ich mir persönlich nichts vorzuwerfen habe, wenn ich unter jeden Bedingungen alles getan habe, um eine gute Sendung zu machen, dann bin ich zufrieden. Natürlich spielt die Quote eine Rolle – weil ich gerne Fernsehen mache und gerne Zuschauer erreichen will.
Wozu wollten Sie denn ins Fernsehen?
Ach, ich bin ja von Switch Reloaded parodiert worden und irgendwie entstand der Eindruck, ich hätte unbedingt ins Fernsehen gewollt. Das stimmt auch – aber aus ganz anderen Gründen. Kennen Sie Hademar Bankhofer?
Wer kennt ihn nicht. Andererseits möchte ich Sie auch nicht anlügen…
Er war regelmäßig im Frühstücksfernsehen zum Thema Gesundheit und Ernährung.
Der Österreicher mit dem Seidenhalstuch?
Genau. Mehr so nach dem Motto: wenn Ihr Erkältung habt, müsst Ihr Erdnüsse essen. So etwas habe ich mir immer für die Schuldnerberatung gewünscht: alle 14 Tage fünf Minuten, um zu erklären zu dürfen: Was ist ein Mahnbescheid? Was macht ein Gerichtsvollzieher? Öffentlichkeit für ein wichtiges Thema. Einen Platz dafür. Es ging mir nie um persönliche Bekanntheit, um Star-Rummel, oder Ähnliches. Es ging um das Thema. Deshalb auch meine jahrelange Arbeit in der Prävention – lange vor TV. Weil es wichtig ist. Nicht, weil ich wichtig sein wollte. Als die Produktionsgesellschaft mit dem Format kam, habe ich gedacht: das ist zwar etwas anderes, aber es ist fast, was Du wolltest. Dass es dann diese Dimensionen annahm, war zu Beginn ja nicht abzusehen.
Nehmen Sie Einfluss auf die Auswahl der Protagonisten für Ihre Sendungen?
Natürlich. Wir bekommen wäschekörbeweise Post. Ich sage es Ihnen an einem Beispiel: Es gibt in Deutschland ein paar Millionen alleinerziehende Mütter, die alle Hilfe dringend nötig hätten. Wenn “Raus aus den Schulden“ sich aber nur um alleinerziehende Mütter kümmern würde, wäre im Krimi der Mörder immer der Gärtner, und nach drei Folgen ließe das Interesse nach, weil man eh wüsste, wie es ausgeht. Das Thema ist mir zu wichtig, um es langweilig zu gestalten. Deswegen suchen wir nach einem breiten Querschnitt. Der mischt sich nach Spannungsgrad aber auch nach Fragen, ob die Situation eines Klienten repräsentativ für eine andere große Gruppe der Gesellschaft steht.
Was fehlt denn noch in der Breite des Klienten-Querschnittes?
Polizisten. Die haben einen hohen Verschuldungsgrad. Die Polizei hat ja eigene Schuldnerberater. Ich habe sie vor acht, neun Jahren dabei unterstützt, sie auszubilden. Polizisten erhalten ja als Beamte auf Lebenszeit Kredite ohne Ende. Wenn da noch die eine oder andere Schimanski-Attitüde dazukommt, ist schnell mal der BMW bestellt, ohne dass er wirklich bezahlt werden kann. Nun sind ja Beamte grundsätzlich zum einwandfreien Lebenswandel verpflichtet. Kommt es zu Unregelmäßigkeiten und disziplinarischen Krisen, wandert man vielleicht vom Außendienst in die Schreibstube. Man verdient dann weniger, kann Raten nicht bezahlen und gerät in eine deutliche Schieflage. Ich hatte schon potentielle Klienten für das Format. Die Dienstherren allerdings verboten die öffentliche Präsenz.
Sie selbst gelten ja als Typ.
Heutzutage gibt es ja viele Menschen, die immer uniformer werden. Mir liegt das nicht. Manchmal ist meine Zunge schneller als mein Verstand. Dazu kann ich stehen. Ich bin ehrlich und sage gerne die Wahrheit. Von mir könnte man durchaus einen Gebrauchtwagen kaufen. Wahrscheinlich merkt man mir an, dass ich mich nicht verbiege, und für einige habe ich vielleicht auch Aspekte einer Vaterfigur, die sie zuhause vermissen mussten. Gut, nun könnten Sie noch schreiben…charamant, gutaussehend….
Es gefällt mir, dass Sie meine Ehrlichkeit auch ein wenig auf die Probe stellen möchten. Suchen Sie sich Ihre Krawatten fürs Format eigentlich selbst aus?
Es gibt viele, die ich mir selbst kaufe, aber die Haupt-Medienberaterin ist schon meine Frau.
Es scheint so, als hätten Sie in den Sendungen zunehmend therapeutische Neigungen entwickelt. Wegen drohender Langeweile oder der Quote?
Nein. Das hat einerseits damit zu tun, dass ich meinen Stil erst finden musste. Und auf der anderen Seite damit, dass ich mit wachsendem Erfolg auch persönlich mehr Einfluss nehmen konnte. Als ich mit “Raus aus den Schulden“ begann, hatte ich ja nicht sehr viel Fernseh-Erfahrung. Ich wusste ja nicht, dass man für die Aufzeichnung einer Begrüßung unter Umständen zwei Stunden brauchen kann: erst klingelt einer mit der Fahrrad-Klingel, dann fliegt ein Hubschrauber über den Drehort. Und auch mit den Autoren musste ich meine Erfahrungen machen und vertreten, wofür ich stehe. Wenn ich alles gemacht hätte, was man  immer wieder mal von mir in der langen Zeit verlangt hat, dann würde ich heute als Gerippe an irgendeiner Ampel liegen und darauf warten, dass man mich abholt. Beim Fernsehen fängt es mit der größten Lüge an: “Das dauert nur zwanzig Minuten!“ und hört auf mit: “Wir kümmern uns darum.“ Da braucht man schon den Mut zu einer eigenen Position im Team.
Rauchen Sie weniger als zu Beginn der Staffel?
Ach, ich glaube nicht, dass ich weniger rauche. Vielleicht zeigt man es weniger. Das Rauchen ist ja auch ein dramaturgisches Element in der Staffel und besetzt symbolisch Situationen, in denen ich mich ärgere, Abstand brauche oder eben auch einfach nicht mehr weiter weiß.
Haben Sie nach Abschluss Ihres Engagements bei den TV-Klienten irgendwelche Informationen, ob die das dauerhaft besser hinbekommen, nachdem Zwegat da war?
Ja. Einmal werden Klienten ja auch nachbetreut. Und es  kommt auch vor, dass ich sie noch einmal besuche oder Telefonate für sie führe. Das geschieht dann ohne Format, Sendung und Kamera. Manchmal gibt es Entwicklungen nach Abschluss einer Sendung, die mir überhaupt nicht gefallen. Ich habe gerade einen ehemaligen Fall, in welchem Fristen der Banken auslaufen und der Klient psychologische Hilfe braucht. Da werde ich mit den Banken telefonieren und mit einer Psychologin das Thema noch einmal aufgreifen. Insgesamt ist unsere Beratung übrigens sehr nachhaltig. Ich habe pro Fall 6-10 Drehtage, und ich fahre auch 12 Tage hin, wenn es einmal sein muss, ohne dafür mehr Geld zu bekommen. Diese Drehzeit geht ca. 3-4 Monate. Und während der Drehs führe ich begleitend eine ganze Reihe von Gesprächen mit den Klienten, die gar nicht aufgenommen werden.
Wie stehen Sie zu den Phänomenen der neuen Zeit: Facebook, Web, usw.?
Vieles verstehe ich nicht, manches will ich nicht verstehen. Da hat jemand 137 Facebook-Freunde und steht bei der Beerdigung eines Angehörigen alleine am Grab. Ich lege auch nur begrenzt Wert darauf, ob jemand, der 10.000 Kilometer entfernt ist, zu Banalitäten meiner Meinung ist. Schauen Sie, es gibt Menschen, die haben ihren Führerschein verloren und sind unfähig, sich die gesetzlichen Bestimmungen aus dem Internet herunterzuladen. Aber sie schaffen es, die Akt- oder Tätowier-Fotos von sich und ihrer Freundin ins Netz zu stellen. Ich halte vieles für Quatsch und Geschäftemacherei. Vieles wird eigentlich immer anonymer. Es sieht nur offener aus. Ich bin kein Freund davon. Und ich bin für manches schlicht und einfach zu alt.
Wie muss man sich Ihren Alltag vorstellen?
Morgens um 4.30 Uhr klingelt der Wecker. Inzwischen habe ich mich an diese unchristliche Zeit gewöhnt. Um 6.30 Uhr stehe ich am Flughafen und fliege in die jeweilige Stadt der Klienten. Je nach Einsatzort bin ich gegen 22 Uhr wieder zuhause in Berlin oder im Hotel, wenn ich mehrere Klienten-Drehs miteinander verbinden kann. Das geht so fünf, häufig sechs Tage in der Woche. Das ist anstrengend. In letzter Zeit verschlafe ich den Sonntag häufig…..
Da bleibt privat wenig Zeit. Haben Sie Hobbies?
Ich hätte Hobbies, wenn ich die Zeit hätte: Von Doppelkopf bis Schach. Ich gucke gerne Fußball. Früher war ich als Hertha-Fan auch bei Hertha-Spielen. Ich lese gerne und schaue gerne Indianer-Filme. Ich bin ja mit Winnetou groß geworden.
Schauen Sie Dschungelcamp und DSDS?
Eher nicht so. Dr. House ist momentan mein Favorit, was Fernsehen angeht.
Wie viele Stunden schlafen Sie durchschnittlich nachts?
Etwa fünf.
Welche relativ größte Ungerechtigkeit haben Sie denn in Ihrem Leben selbst begangen?
Ich habe einmal meinen Hund gerufen, er lief über die Straße und hätte überfahren werden können. Wenn Sie mit Ihrer Frage meinen, ob es etwas gibt, was ich hätte anders machen können und sehr bedauere: Da gibt es eine Situation. Ich hatte einen sehr guten Freund. Wir haben regelmäßig zusammen Schach gespielt und dabei das eine oder andere Bier getrunken. Er trank nie Schnaps. An einem Samstag bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1986 schauten wir Fußball und spielten zusammen bis morgens um drei. Er hatte Schnaps da. Das war ungewöhnlich, nie trank er Schnaps, während wir spielten. Ich habe es nicht begriffen, habe aber auch nicht gefragt. Ich ging morgens, weil er mir zu betrunken war. Am Montag drauf rief mich seine Sekretärin an. Er hatte sich in dieser Nacht vor einen Zug geworfen. Ich habe das viele Jahre mit mir herumgetragen, warum ich so blöd war und das nicht mitbekommen habe.
So ganz wird man das nie los.
Das stimmt.
Sie sind noch im Vorstand eines Vereines.
Ja, ich bin Vorstand in zwei Vereinen. In meinem Verein bin ich auch Arbeitgeber für Mitarbeiter, das ist eine schöne Aufgabe. Ich bin prinzipiell kein Vereinsmeier, aber die beiden Funktionen nehme ich gern war.
Hätten Sie selbst nie gerne Kinder gehabt?
Ach, ich habe damals irgendwie den Zeitpunkt verpasst. Dann hat es sich nie ergeben, und inzwischen habe ich keine Lust mehr dazu. Ich möchte nicht wie Jean Pütz mit 74 in hohem Alter noch Vater werden.
Kennen Sie Angst? Wovor?
Klar! Angst vor Schmerzen zum Beispiel. Ich wäre mit 26 Jahren nach einer Knie-Operation fast an einer Thrombose und Lungen-Embolie gestorben. Als 15-Jähriger war ich einmal Olympia-Hoffnung: Ich war Berliner Schülermeister im Speerwurf, Dritter im Hürdenlauf und ein guter Mehrkämpfer. Fußball habe ich auch gespielt. Mit 16 kamen die Mädchen und die Zigaretten. Ich habe noch viel Freizeitsport gemacht, das Thema Knie war dann ein Sport-Unfall. Damals war die OP-Technik noch nicht so weit, die Überlebensquote lag bei 13 Prozent. Ich habe Glück gehabt.
Haben Sie einen Traum für Ihr restliches Leben?
Au ja! Erstens, dass ich mit meiner Frau ganz lange zusammenbleibe. Möglichst bis zum Ende. Und dann träume ich noch von einem Tierheim: Ich würde gerne in Berlin oder dem Umland ein Tierheim eröffnen. Einen Gnadenhof für Tiere, die sonst nirgendwo mehr einen Platz finden. Ich hatte zwei Hunde in meinem Leben, aktuell haben wir eine Katze. Ich hatte ja einmal das Glück, bei Herrn Jauch relativ viel Geld zu gewinnen beim Promi-Quiz. Wir haben uns sehr viel Mühe mit der Verteilung gegeben. So ein Tierheim war immer ein Traum meiner letzten Jahre, wofür ich das Geld auch gerne eingesetzt hätte.
Haben Sie jemals über Ihren Tod nachgedacht? Wie möchten Sie sterben?
Es ist nun nicht so, dass ich damit beginne, Todesanzeigen zu lesen. Als junger Mann lebt man ja als hätte man ewig Zeit. In letzter Zeit denke ich öfter darüber nach, weil die Einschläge näher kommen. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich gerne langes Siechtum vermeiden wollen und lieber tot vom Hocker fallen. Ich würde aber nicht wollen, dass es morgen so weit ist.
Bis dahin müssen noch ein paar Folgen “Raus aus den Schulden“ und ein Tierheim auf die Straße gebracht werden. Vielen Dank für das Gespräch!
Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige