Kneipenwitz beim unheiligen Schlagerabend

Der deutsche Musikpreis Echo feierte 20. Geburtstag. Für die Preisverleihung haben sich die Veranstalter tüchtig ins Zeug gelegt. Es gab wenige aber überzeugende Live-Auftritte und eine durch und durch professionelle Produktion. Die Stars des Abends waren der nette Schlager-Graf von Unheilig, Lena und eine überragende Annette Humpe. Als schlechte Wahl erwies sich Ina Müller als Moderatorin. Ihr derber Kneipen-Witz passte nicht zur Show.

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Die Musikproduzentin Annette Humpe, bzw. ihre aktuelle Band Ich + Ich durfte/musste gleich dreimal auf die Bühne. Ich + Ich wurden als Gruppe national und als bester Live-Act ausgezeichnet. Annette Humpe bekam dann noch den Echo für ihr Lebenswerk. Die Gruppe Selig sang ihren Über-Hit aus Ideal-Zeiten "Blaue Augen" und am Ende sang Frau Humpe dann tatsächlich selbst noch ihre musikalische Liebeserklärung an ihre Heimatstadt "Berlin", mit Ich+Ich-Sänger Adel Tawil, Max Rabe und Selig-Sänger Jan Plewka als Background-Chor. Das war charmant und musikalisch besser als vieles andere, was man sonst bei Preisverleihungen dargeboten bekommt.

Überhaupt, die Auftritte. Gegen Ende zeigte die Sängerin Adele, dass sie in einem Augenaufschlag mehr Stil, Charisma und Talent hat als viele Pop-Mäuse, die die Hitparaden bevölkern. Take That präsentierten sich einmal mehr als gereifte Männer-Bande, die den Sinn für gute Pop-Songs und extravagante Auftritte nicht verloren hat und dann Unheilig – der Graf macht so eine Art sanften Gothic-Schlager mit deutschen Texten, die bedeutsam klingen und doch relativ leicht verdaulich sind. Eine absolute Erfolgsmischung. Aber Mr. Unheilig ist halt einfach ein netter und cooler Typ, dem man nicht böse sein kann und auch seine manchmal doch sehr gefälligen Arrangements verzeiht.

Nicht verzeihen mochte man dem Eurovision-Darling Lena ihre Dankesrede. Da war so viel wirres Kleinmädchen-Getue und Preis-Geschmuse und Publikums-Rangeschmeiße dabei. Sorry Lena – das kaufen wir Dir nicht mehr ab. Vor allem als sie die Klein-Mädchen-Nummer beim zweiten Preis des Abends in genau derselben Manier nochmal durchzog. Dieser Auftritt ließ sich nur mit ausgedrehtem Ton ertragen.

Es gab dann noch eine gelungene kleine Hommage an den gestorbenen Peter Alexander und die Volksmusik-Proletarier von den Amigos durften sich auch einen Echo abholen, was für einen gewissen Skurrilitätsfaktor sorgte. Nicht vergessen: Der Echo wird wegen Verkaufserfolgen verliehen! Darum stritten bei der Wahl zum Album des Jahres auch Andrea Berg, Helene Fischer, Lena und Unheilig um den ersten Platz. Schlager verkauft halt noch wie geschnitten Brot und wird tendenziell weniger kostenlos runtergeladen. Die Fans der Amigos wissen vermutlich nicht, wie man Filesharing buchstabiert.

Alles in allem war der Echo natürlich zu lang geraten – aber das kann man der Veranstaltung nicht vorwerfen. Das liegt in der Natur solcher Verleihungen, die ganzen Preise müssen schließlich an den Mann, die Frau und die Band und ein bisschen gesungen werden muss auch noch. Was man aber kritisieren kann und muss ist die Wahl von Ina Müller als Moderatorin des Abends. Die Sängerin verspielte sich mit ihrem penetrant lauten und konsequent daneben liegenden Echo-Auftritt so manche Sympathie. Immer zu laut, den Mund aufreißend, schreiend ("Wie geil!", "Ich flipp aus!"), den Pegel immer im roten Bereich, wild grimassierend stampfte sie im Abendkleid durch die Verleihung. Das ging los mit dem bizarren Intro, bei dem Ina Müller "Rhythm is a dancer" sang und plötzlich HP Baxxter von Scooter und zahlreiche weitere Musik-Menschen wie Peter Maffay, Stefanie Heinzmann oder, urgh, "Die Atzen" auftraten.

Dass Frau Müller am Anfang und zwischendurch immer mal wieder selbst sang, sogar einmal selbst nominiert war, wollte ebenso wenig passen wie ihr Kneipen-Humor und die dick aufgetragene, übertrieben augenzwinkernde Lustigkeit. Ihr Co-Moderator, der MTV-Brillen- und glattgesichtige Gillette-Werbeträger Joko Winterscheidt , ist zwar auch kein neuer Thomas Gottschalk, aber er machte wenigstens nicht so ein Aufheben um sein bisschen Moderiererei.

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