Der Mann, der als Mädchen zum Star wurde

Eine Rezession ist in vielen Branchen Zeit für Innovation, aber in den Modemedien haben die mageren Jahre eher zu einer Polarisierung geführt. Herkömmliche Supermodels müssen schon lange mit Schauspielerinnen um lukrative Werbekampagnen und Cover kämpfen, aber in den vergangenen Monaten haben sich zwei weitere Konkurrenzgruppen gebildet: die "Normalos" (wie bei der Brigitte) – und die Androgynen, die Lieblinge der obersten Mode-Liga.

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Schauen Sie mal auf das Bild: hübsch, oder? Wenn Sie sich für Mode interessieren, dann kennen Sie das Geheimnis hinter diesen blonden Haaren. Wenn nicht, könnte dies zu einem unangenehmen Flashback an den Urlaub in Thailand führen, wo Sie eine junge Dame geknutscht haben, die sich aber leider als Ladyboy rausstellte. Wie konnte das nur passieren, geht’s noch lange in Ihrem Kopf rum, bei den feinen Gesichtszügen und zierlichem Gerippe? Tja.

Das Model auf dem Bild ist nämlich auch ein Junge. Andrej Pejic lebt Australier, sein Vater (Ökonom) ist Kroate, seine Mutter (Lehrerin) ist Serbin. Der 19-Jährige begann seine Model-Karriere für Herrenmode, wurde aber wegen seiner androgynen Züge kurzerhand neu klassifiziert und tauchte bei Jean-Paul Gaultiers Damenmodenschau auf – auch als seine Braut, dem traditionell letzten Outfit in Pariser Shows. Seitdem wurde der bisexuelle Pejic für hochmodische Titel fotografiert, unter anderem für die australische Vogue, und ist derzeit in den Werbekampagnen von Gaultier sowie Marc Jacobs zu sehen. Konkurrenz aus der Herrenabteilung haben die traditionellen Supermodels wahrscheinlich nicht kommen sehen.

Aber vielleicht ist Pejic auch gar keine echte Konkurrenz, sondern die Antwort auf die alten Spekulationen, dass die überwiegend homosexuellen Designer in Paris, Mailand und New York in erster Linie für sich selbst designen. Frauen mussten sich mit "Size Zero", der Minigröße Null, und wenig Kurven dem egozentrischen Schönheitsideal einiger Top-Designer anpassen. In Interviews streiten die Designer dies natürlich alle ab – besonders vehement, wenn sie in börsennotierten Modehäusern tätig sind, die auf weibliche Kunden und positive Presse im Namen des Aktienkurses angewiesen sind. Trotz aller Dementi muss man als Frau sagen: Weibliche Designer schneidern anders. Realistischer. Für Kurven. Vielleicht ist an den alten Spekulationen was dran, und vielleicht hat Pejic tatsächlich die Gebete einiger schwuler Designer wahr werden lassen.

Und der Einfluss der androgynen Ästhetik wird so schnell nicht nachlassen. In Großbritannien lief gerade eine Doku über die berühmte Model-Agentur Premier, zu deren größten Entdeckungen Naomi Campbell zählte. In einer Sendung erhält ein Booker eine Anfrage vom Luxuslabel Burberry: Man suche nach Models mit ein Hüftumfang von 78 cm. Hüfte, nicht Taille. Selbst in der Welt von 15-jährigen Gazellen ist das fast unmöglich. Ein Booker sagt, man könne schließlich nicht die Hüften der Mädchen abschaben. Allein der Gedanke spricht Bände für das Schönheitsideal in der Designerwelt, das weiterhin ihre Sample-Kollektionen in Größe 34 oder kleiner herstellt, egal wie viele sich offiziell gegen das ungesunde "Size 0"-Körperbild aussprechen.

Das Schuld-Spiel in der Mode geht so: Designer stellen von ihren Kollektionen Samples her, die zuerst auf den Laufstegen eingesetzt und dann für Fotostrecken an Zeitungen verliehen werden. Designer sagen, diese müssen so klein sein, weil die Models so dürr sind. Mode-Redakteure sagen, sie müssen dürre Models buchen, damit sie in die kleinen Samples passen, und Model-Agenturen sagen, sie müssen sich dem Bedarf nach dürren Models anpassen.

Während Pejic vielleicht mit seinen nicht vorhandenen Hüften in diese Samples passt, sprechen sich inzwischen Models selbst gegen das Körperideal in der Industrie aus. Vor dem Beginn der London Fashion Week sagte das langjährige Supermodel Erin O’Connor (33), sie passe schon lange nicht mehr in die Sample der Designer. O’Connor posierte in den letzten Jahren für die britische Bastion der Mittelstandes, Marks & Spencer.

Und in diesem Segment findet sich auch der Gegenpol zu Pejic, Gaultier & Co. Die Brigitte hat schon vor einem Jahr den professionellen Models abgesagt und benutzt "normale" Frauen. In Großbritannien hat das wöchentliche Modeheft Look begonnen, in jeder Ausgabe Models mit Kurven zu benutzen. Auch wenn es seitens der Model-Agenturen bislang noch relativ wenig Auswahl für Größe 40 gibt, heißt es seitens des IPC-Titels, dass viele Labels bereits dankbar mitspielen und auf Anfrage passende Samples bereitstellen.

Look ist jung, wild und konzentriert sich gnadenlos auf den billigen, schnellen Modemarkt. Labels wie Zara oder Topshop, die wöchentlich neue Kollektionen in ihren Läden haben und Designermode kompromisslos kopieren. Look und auch Brigitte sprechen reale Frauen an, die lieber was Günstigeres kaufen als monatelang auf eine Jacobs-Tasche sparen, nur weil sie von Pejic gemodelt wurde.

Welche Gesichter am besten verkaufen, ist nicht einfach zu erfahren. Der britische Condé Nast-Titel Love, der gerade eine hochmodische androgyne Ausgabe publizierte, hat keine Auflagenzahlen publiziert. Die Modelabels werden kaum ehrlich über ihre Kampagnen sprechen – in der Werbung ist kein Platz für Ehrlichkeit. Unterdessen brüsten sich aber Brigitte und Look mit angeblich positiven Resultaten. Ob tatsächlich dem historische Abwärtstrend im Zeitschriftenmarkt mittels reeller Models entgegengewirkt werden konnte, lässt sich diskutieren, schließlich haben es die "Normalos" bislang kaum auf die Titelbilder geschafft. Nur eins ist sicher: Frauen, die wie Frauen aussehen und damit dem "Size 0"-Wahn einen Erfolg entgegen stellen, setzen einen positiven Trend. Und das erfreut zumindest die PR-Abteilung des dahinter stehenden Verlages.

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