“Als Schüler hatte ich in Mathe eine Fünf“

Peter Zwegat (61) ist seit Jahren Deutschlands bekanntester Schuldenberater. In Berlin traf er sich mit Christopher Lesko, um in einem sehr persönlichen Gespräch über sein Leben vor und während des Fernsehen-Formats zu sprechen. Im ersten Teil des Gespräches spricht er über Kindheit, Flucht in den Westen und seinen langen Weg zum Fernsehen. Zwegat erzählt von Bescheidenheit und Demut als Wert und beschreibt seine Geschichte als wichtiges Fundament für die Haltung innerhalb der heutigen TV-Rolle.

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Ihre Managerin Liane Scholze sagte im Gespräch, Sie gäben nicht gerne Online-Interviews. Nun habe ich gerufen und hier sind Sie, um mit mir zu sprechen. Warum?
Weil ich das eine oder andere von Ihnen gelesen habe und es spannend fand. Ihre Artikel und Interviews hätte ich aber auch gerne in renommierten Zeitungen und Zeitschriften gelesen. Ich brauche mich ja auch vor niemandem zu verstecken. Insofern habe ich ja auch nichts zu befürchten.
Vielen Dank für das Kompliment. Herr Zwegat, können Sie mir in ein paar Sätzen beschreiben, wer genau hier vor mir sitzt?
Ich versuche es mal: Vor Ihnen sitzt ein nicht mehr ganz so junger Mensch, der seine Geschichte hat. Der niemandem mehr etwas beweisen muss und trotz der einen oder anderen Veränderung, die das Fernsehen mit sich gebracht hat, sich nicht verbiegen lassen wird.
Welche Frage sollte ich Ihnen innerhalb unseres Gespräches auf gar keinen Fall stellen, und wie hieße Ihre Antwort darauf?
Ach, wissen Sie (lachend). Niemand beantwortet Fragen gerne, wenn Antworten nachteilig verstanden werden können. Vielleicht gibt es Fragen, die mir zu privat und zu vertraulich für die Öffentlichkeit sind. Machen wir einen Versuch.
Sie sind als ältester Sohn im Ostberliner Pankow geboren und in Weißensee aufgewachsen. Ihre Familie flüchtete in den Westen, als Sie 10 waren. Haben Sie Erinnerungen an diese Zeit?
Ich bin als Sohn eines Volkspolizisten im Osterberliner katholischen Krankenhaus Maria Heimsuchung am Aschermittwoch geboren. Allein an diesem Satz sehen Sie, dass das -in dieser Kombination- ein auch unglücklicher Start ins Leben war.
Zwegatsche Sparsamkeit müsste bei Antworten hier für mich nicht zwingend sein. Spendieren Sie noch ein paar Sätze dazu.
Die katholische Kirche und ihre Organisationen waren vom damaligen Regime nicht gut gelitten. Und Volkspolizisten wurden vom Volk der DDR nicht gemocht. Mein Vater war zwar von Hause aus gelernter Dreher.  Trotzdem musste er nach dem Dienst als Volkspolizist meine Mutter damals ab und an in VOPO- Uniform im Krankenhaus besuchen. Das war ihm unangenehm und dem Krankenhaus auch. Mit dem Aschermittwoch an einem Tag geboren zu werden, an dem “alles vorbei“ ist, hat für die damalige Situation gepasst, wie die Faust aufs Auge. Der ganze Spaß ist nun 61 Jahre her.
Und die Flucht?
Unsere Verhältnisse waren ja ärmlich.  Mein Vater hatte 125 Ostmark in der Woche verdient, das war für eine Familie mit drei Kindern wirklich wenig Geld. Später dann hat er als Grenzgänger im Westen gearbeitet, da hatten wir etwas mehr Geld. Ich kann mich noch genau an den Tag  unserer Flucht erinnern. Mein Vater kam von der Arbeit, Hektik brach aus. Wir gingen noch einmal Schuhe kaufen. Ich hatte für die Flucht zwei identische  Kordhosen übereinander an. Meine Mutter hatte große Sorge, dass die Schuhverkäuferin dies sah und misstrauisch wurde,  und sie zuppelte mir im Laden die Hosen zurecht, damit das verborgen werden konnte.  Es gab übrigens nur eklig grüne Jungs-Schuhe, aber immerhin hatte ich ein neues Paar für den Westen.  Das war direkt an der U-Bahn Schönhauser, und wir sind dann mit der U-Bahn bis zur S-Bahn und dann ab nach Westberlin bis ins Aufnahmelager Marienfelde. Zu dieser Zeit machten sich viele Familien auf ihren Weg nach Westen. Fast täglich fehlten ja damals Lehrer und Kinder in der Schule, weil sie sich auf den kurzen Weg nach Westen gemacht hatten. Hundertausende verschwanden so pro Monat.  Das führte ein Jahr nach unserer Flucht zum Mauerbau.
Viel später hätte die Entscheidung Ihrer Eltern nicht fallen dürfen…
Stimmt. Ein Jahr später im Westen hatten wir Besuch aus Ostberlin von Freunden. Ihr Sohn Peter war genauso alt wie ich. Die wollten damals mit dem Schritt ihrer Flucht noch ein wenig warten. Meine Eltern bedrängten sie denselben Schritt zu tun, aber sie wollten warten, um sich etwas Geld für den Westen  zu sparen. Sie sind dann wieder nach Ostberlin zurück. Vier Stunden später war die Grenze dicht.
Sie hatten zwei jüngere Geschwister. Die Rolle als ältestes Kind ist in vielen Familien damit verbunden, die Ungezwungenheit eigener Kindheit zugunsten früher Verantwortung aufzugeben. Wie war das bei Ihnen zuhause?
Es war genauso, wie Sie gerade schilderten. Meine Mutter war häufig krank. Mir kam die Rolle des Aufpassers zu, der  schon in frühen Jahren leichtes Kochhandwerk erlernen musste. Rückblickend könnte man meinen, dass meine Mutter sich mehrfach das “goldene Kreuz der unterschiedlichen Ärztekammern“ verdient hätte. Es war halt so, mir hat das nicht geschadet.
Gibt es etwas, dass Sie von Ihren Eltern haben lernen können, das Ihnen für Ihr Leben hat helfen können?
Natürlich! Mut, Bescheidenheit, aber auch Beharrlichkeit und die Fürsorge für andere. Auch mit wenig auskommen zu können. Schauen Sie: damals gab es Schuhe auf Ratenzahlung. Die Raten waren noch nicht bezahlt, aber die Schuhe waren schon kaputt. Ich war ja nicht immer ein “pflegeleichtes Kind“, trat gegen Bälle, kletterte über Zäune und auf Bäume. Jede zu erkundende Ruine war meine. Für die Schuhe war das nicht immer vernünftig…
Wenn man so will,  haben Sie früh gelernt, was es bedeutet, den Mangel zu gestalten.
Ja. Wir waren 6-8 Wochen in drei Lagern. Weil mein Vater Arbeit hatte, haben wir dann ein Zimmer in einer „WG“ bekommen und letztlich bald  gegen den Willen des Vermieters eine 3-Zimmer-Wohnung in Charlottenburg. Wir Kinder haben immer Frühstück gehabt, eine Stulle mit zur Schule bekommen, und es war immer warmes Essen da. Freitags war es oft blöd. Das Wochengeld der Familie war aufgebraucht, und es gab zuhause häufig Milchreis. Den habe ich gehasst, da habe ich lieber nichts gegessen. Freitags war “Lohntüten-Ball“: die Arbeiter bekamen ihren Wochenlohn in einer Tüte. Da lauerte immer die Gefahr, dass Papa mit den Kollegen noch ein Bier trinken ging. Wir haben ihn manchmal von der Arbeit abgeholt. Wissen Sie, ich bin bis heute nicht verwöhnt und brauche keine teuren Zig-Gänge-Menüs. Sie könnten mir zehn Tage lang trockenen Reis hinstellen. Ich würde vielleicht nicht lachen dabei, aber ich würde ihn essen und denken: okay, der macht auch satt. Wissen Sie eigentlich, wie viele Streifen eine Tafel Schokolade hat?
Längs oder quer?
Gute Frage! Es gibt sechs Streifen längs und vier quer. Wenn in einer fünfköpfigen Familie nur eine Tafel Schokolade da ist und jeder einen Streifen bekommt, dann bleibt ein Streifen mit vier Kästchen übrig. Als Kinder mit diesem einen Streifen bei Papa und Mutti im Bett zu liegen und diesen letzten Streifen ganz langsam zu lutschen – das gibt es heute so kaum noch. Im Sinne Ihrer Frage war das natürlich Mangel. Aber es waren auch wunderschöne, warme Momente. Bescheidenheit oder Demut sind nicht gleich Verzicht. Das ist viel mehr.
Wie sind Sie als Ostberliner Flüchtlings-Göre in der Schule mit den Wessis klargekommen?
Das war anfangs schwierig. Zum damaligen Zeitpunkt hatten die Schulen in Ost und West andere Zyklen, die Schuljahre begannen unterschiedlich. Ich habe im Osten gerade mit Russisch angefangen, und die Westberliner Schüler hatten seit einem Dreiviertel-Jahr Englisch. Ich hatte an meinen Wissens-Defiziten lange zu knabbern. Im Osten z.B. bestand für uns der Biologie-Unterricht daraus, dass wir umgraben waren und „in die Kartoffeln“ gegangen sind, während im Westen über Paarhufer gelehrt wurde. Ich habe lange Zeit gebraucht, um die Lücken aufzuholen. Ich kann mich noch gut an das Kopfrechnen erinnern: Alle Schüler mussten aufstehen und erhielten Aufgaben. Wer richtig löste, durfte sich setzen. Ich blieb lange Zeit stehen…Natürlich hatte ich Schwierigkeiten mit meinen Mitschülern. Das änderte sich übrigens durch meine Leistungen im Sport-Unterricht. 
Sie haben sich dann die besondere Erotik einer Ausbildung zum Verwaltungsbeamten erschlossen. Was hat sie an diesem möglichen Berufsweg gereizt?
Gar nichts.
Das ist relativ wenig.
Ich war ja auf der Realschule, und ich war nicht besonders fleißig. Eher so ein Saisonarbeiter, der genau gerechnet hat, was er für die Versetzung noch gebraucht hat. Ich hatte in Französisch und in Mathe eine Fünf. Aber ich hatte kalkuliert, hatte in Physik, Chemie eine Zwei und in Sport eine Eins. Das reichte. Eigentlich wollte ich mein Abitur in einer Aufbaustufe machen. Das war unter anderem deshalb schwierig, weil ich in den letzten beiden Jahren Schuljahren Schulsprecher war und meine damalige Klassenlehrerin vier Jahre lang eher meine Feindin war. Diese Kurve habe ich also nicht bekommen. Damals hatten ja alle Mitschüler nach Lehrstellen gesucht: Die guten gingen zur BfA oder wurden Bankkaufmann. Ich glaube, als Schulsprecher war ich der einzige, der keine Lehrstelle hatte. Mein Lieblingslehrer riet mir dann, mich beim Bezirksamt um die Beamtenlaufbahn zu bewerben. So bin ich dann Beamter des mittleren, allgemeinen, nichttechnischen Dienstes der Verwaltung geworden.
Ein Traum.
Na ja…. Ich habe die Lehre gemacht, danach ein Jahr als Beamter gearbeitet und dann gedacht, dies könne es für den Rest meines Lebens nicht sein. Inzwischen waren meine Eltern auch geschieden. Meine Mutter war überhaupt nicht begeistert, als ich ihr mitteilte, ich würde als Beamter  kündigen.
Dann haben Sie Sozialpädagogik studiert. Wozu? Ich frage nach dem Sinn, nicht nach Gründen.
Wozu? Ach wissen Sie, natürlich ist das auch Prägung und Erfahrung. Natürlich bin ich mit meiner Geschichte in auch schwierigen Zeiten -später als Scheidungskind-  nicht zufällig in einem Beruf gelangt, der sich in einer anderen Rolle mit sozialen Themen beschäftigt. Ich bin zum Beispiel mit einem gehörlosen und stummen Onkel aufgewachsen, zu dem ich ein brüderliches Verhältnis hatte. Er war als Kriegskind geboren und zehn Jahre älter als ich Nachkriegskind. Er hatte die schlimmen Bombenangriffe mitbekommen. Wir lernten damals gleichzeitig sprechen: er in der Gehörlosen-Schule und ich in der normalen. Er passte auf mich auf und nahm mich mit zum Schwimmverein, und ich war für ihn Dolmetscher in der S-Bahn, wenn er nicht weiter wusste. Soweit der innere Teil des “Wozu“. Es gab auch berufliche Gründe: Ich arbeitete damals als “Stadtassistent zur Anstellung“ in der Küchenverwaltung eines Krankenhauses. Meine Aufgabe bestand darin, Butterstückchen pro Patient auf Bestellmengen hochzurechnen: 360 Patienten in einem Krankenhaus bekamen zum Frühstück jeweils 20 Gramm Butter. Das ging dann weiter mit Grünen Bohnen: Grüne Bohnen pro Patient und Mittagessen hochzurechnen auf Dosenbestellungen des Lebensmittel-Lagers. Es mag  junge Menschen geben, die in diesen Tätigkeiten ihre Erfüllung fanden. Ich gehörte nicht dazu.  Erbsenzählerei füllte mich nicht aus. Also, da kam vieles zusammen: Meine frühe Begegnung mit sozialen Themen in der eigenen Familie, meine Unzufriedenheit im Beruf. Da passte die Sozialarbeit wie die Faust aufs Auge, und es war ein Glück, dass die Fachhochschule für Sozialarbeit wegen des Nachwuchsmangels  das Fenster auch für Nicht-Abiturienten mit Berufserfahrung öffnete.
Sie haben dann in der Beratung von Menschen mit Schulden in Friedrichshain gearbeitet. Auch im Format ist ja das Thema “Schulden“ ein Ritt auf der Rasierklinge zwischen der Welt der Zahlen und dem Umgang mit Menschen. Wie entwickelte sich Ihr Bezug zum Thema?
Ich bin ja im Rahmen der Sozialarbeit durch sehr unterschiedliche Bereiche gegangen: Ich habe zwei Jahre am Mittelstufen-Zentrum Wilmersdorf die Einführung der Ganztages-Schule als Fachbereichsleiter begleitet. Bis ich merkte, dass vieles eher Aufbewahrung war, als dass ich meine pädagogischen Fähigkeiten hätte einbringen können. Danach hatte ich im Berliner Westend-Krankenhaus eine tolle Aufgabe: Ich habe Patienten mit künstlichen Nieren betreut. Diese Tätigkeit kam der späteren Rolle als Schulden-Berater eigentlich am Nächsten. Damals gab es einerseits geringe stationäre Kapazitäten und andererseits hohen Bedarf an Dialyse. Das Thema der sogenannten Heim-Dialyse begann, und Patienten erhielten ihre künstliche Niere  zuhause. Ich kümmerte mich um die Organisation, befragte Angehörige, überprüfte die Bedingungen, war der soziale Zuarbeiter für den Arzt. Ich brachte die Kinder der Familien in Kindergärten unter, damit Mütter sich um ihre kranken Männer kümmern konnten. Das war eine soziale und organisatorische Rundum-Betreuung. Bis hin zur Überprüfung des Wasserdruckes und der sanitären Einrichtungen von Patienten – Wohnungen im 4. Stock.

2005 ging Ihre TV-Präsenz los. Wie kam das?
Ich hatte ja schon lange in der Beratung von Schuldnern gearbeitet. Ich hatte sehr früh mit Prävention begonnen, ging regelmäßig in Schulklassen. Viele Probleme der Klienten sind hausgemacht. Ich dachte damals, man müsse früh mit Aufklärung, Informationen und Warnungen beginnen. Also tingelte ich unentgeltlich durch Schulklassen, informierte und sprach mit Schülern. Das sprach sich rum. Viele andere Kampagnen folgten: ich war der erste, der Postkarten oder eine Plakatserie zum Thema Schuldnerberatung auf die Straße brachte. Ich erfand eine Art “Bravo-Verschnitt-Comic-Serie“ zum Thema der Schulden. Die war ein richtiger Renner. Ich hielt Vorträge, und all dies sprach sich irgendwie herum. Zeitungen und das Fernsehen berichteten über mein Engagement. Ich hatte dann etliche Mini-Fernsehauftritte unterschiedlicher Art. 2005 hatte ich schon bei Vera am Mittag dreimal die Chance, einige “eigene“ Sendungen zu dem Thema zu machen. Vorher war ich mit anderen Experten innerhalb einer Sendung: Erst kam eine Psychologin zum Bettnässer- Thema, dann ein anderer Experte mit Diät-Tipps, dann Zwegat zum Thema Schulden. Die Schuldnerberatung hatte viele Anfragen und Reaktionen. Das führte dann zu drei Sendungen mit mir alleine. Irgendwann las ich zufällig eine Zeitungsannonce: für RTL wurde ein Schuldnerberater gesucht. Ich habe dann die Kassette mit den Aufzeichnungen meiner Sendungen hingeschickt. Im bundesweiten Casting blieben eine Frau und ich übrig. Fast wäre es danebengegangen, weil ich älter war als die Zielgruppe des Formats.
Alter biologisch und nicht auf Außenwirkung und Lebendigkeit zu beziehen, klingt nach der Haltung von Verwaltungsbeamten. Mit dem Argument gäbe es einen Bohlen auch nicht.
Zwischenzeitlich hatte mir ein Stylist im Casting eine alberne Brille aufgesetzt, die mich jünger machen sollte, aber ich habe schnell zu mir zurück gefunden. Es ist ja dann auch anders gekommen, nachdem man das Risiko eines damals neuen Formates lange geprüft hatte. Nachdem ich die Zusage hatte, stand ich von Mai 2005 bis August 2006 Standby. Ich hatte die Zusage gegeben, innerhalb von 48 Stunden reisefertig zu sein und die habe ich ein Jahr und drei Monate auch aufrecht erhalten, bis der Startschuss kam. Ab Januar ging das Format auf Sendung.
Lesen Sie morgen im zweiten Teil des Interviews mehr über Peter Zwegat und “Raus aus den Schulden“
Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

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