Japan: der Boom der Wissenschaftsblogs

Selbst alte Medienweisheiten gelten in unseren Social-Media-Zeiten nur noch bedingt. Früher war klar: Bei politischen Krisen oder Naturkatastrophen informieren sich die Leser bei den großen – vermeintlich vertrauensvolleren – Medienmarken. Längst steigt aber auch die Nutzung von Wissenschaftsblogs, die verständlich schreiben und via Google leicht zu finden sind. Gerade zur Japan-Katastrophe bieten die Forscher-Blogs einen gelungen Mix aus Fachinformation und einer fundierten Kritik an der Qualität der Berichterstattung.

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Ein gelungenes Beispiel für ein Blog, das sich mit dem drohenden Super-GAU im Atomkraftwerk von Fukushima beschäftigt, ist Physikblog.eu. In einem langen Text erklären die Autoren André Goerres und Andreas Herten “die Probleme bei Fukushima I”. In ihrer Einleitung schreiben sie: “Das Problem an der ganze Chose: Ereignisse und damit Meldungen überschlagen sich, Emotionen sind im Spiel und das ganze wird mit einer Prise Fehlinformationen gewürzt. Heraus kommt ein Brei aus gefährlichem Halbwissen und politischen Meinungen, die eine sachliche Diskussion erschweren.” Mit ihrem Text wollen sie helfen, die Debatte wieder zu versachlichen.

Genau das gehört auch zum Anliegen von Burdas Wisschenschafts-Netzwerk ScienceBlogs.de. Die Leser suchen bei den Experten weniger aktuelle Nachrichten, sondern eine fundierte Einordnung. "Gerade bei so einem komplexen Thema wie Kernkraft und deren Sicherheit geht es nicht nur um Meldungen, sondern vor allem um Einschätzungen – der Risiken, aber auch der tatsächlichen Vorgänge, die sich oft hinter einer technischen ‚Wand‘ abspielen’", erklärt Jürgen Schönstein von der Blog-Plattform gegenüber MEEDIA. "Hier sind Wissenschaftsblogs im Vorteil, da dort erstens kompetente Fachleute, wie zum Beispiel Physiker wie Jörg Rings, schreiben – und zweitens auch eine kompetentere Leserschaft sich kritischer mit diesen Informationen auseinandersetzt." In der Summe soll der Leser wesentlich mehr Details erhalten, "als er sie in den klassischen Medien finden könnte".

Ein Blick auf die meistgelesenen Texte der Plattform zeigt, dass vor allem die Beiträge, die sich mit der Rolle der Medien während der Japan-Katastrophe befassen, gerne gelesen werden. Laut Schönstein bewerten die Blogger den Job der meisten Redakteure und Korrespondenten "vorsichtig bis skeptisch". Denn: "Wissenschaftler wissen aus Erfahrung, dass Publikumsmedien bei der Darstellung komplexer Sachverhalte zu Vereinfachungen und Generalisierungen neigen". Im konkreten Fall richtete sich die größte Kritik der Autoren allerdings Fixierung auf die nukleare Bedrohung, "neben der die humanitäre Katastrophe – und letztere verdient den Namen wirklich – scheinbar übersehen wurde". Ein gutes Beispiel für diese Diskussion ist Georg Hoffmanns Stück über die "Redaktionsschmelze".

Auch das Blog-Netzwerk des Verlags Spektrum der Wissenschaft, SciLogs, beschäftigt sich mit Japan. Die Heidelberger haben sogar eine klasse Übersichtsseite gebaut, die alle zum Thema erschienen Texte sammelt.

Das gesteigerte Nutzer-Interesse an den Wissenschaftsblogs lässt sich auch am Traffic ablesen – zumindest bei den ScienceBlogs. Laut Google Ad-Planer erreichte die deutsche Seite des US-amerikansichen Netzwerkes im Februar 170.000 Unique Visitors. Diese Zahlen dürften im März kräftig überschritten werden. "In den Tagen unmittelbar nach der Katastrophe stiegen unsere Zugriffszahlen, verglichen mit unserem bisherigen Rekord, um runde 50 Prozent", verrät der Redaktions-Chef. Jedoch "im Vergleich zum normalen Betrieb" erhöhten sich die Besuche "sogar mehr als 80 Prozent".

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