Wie Udo Jürgens gegen Facebook ansingt

Der 76-jährige Udo Jürgens hat mit “Der ganz normale Wahnsinn” eine neue CD veröffentlicht, auf der er mit Google, Facebook und Twitter abrechnet. In dem Lied “Du bist durchschaut” geißelt Udo Jürgens (“Ich war noch niemals in New York”) vom Nacktscanner über Google Streetview bis hin zu Twitter das gesamte Instrumentarium der Post-Privacy-Ära. Textlich geht der Altmeister des gehobenen Schlagers dabei allerdings erstaunlich schlicht zu Werke.

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Im Weblog “Nice Bastard” des Münchner Journalisten Dorin Popa sind die wesentlichen Textzeilen von Udo Jürgens Anti-Web-Song dokumentiert. Thema "Nacktscanner an Flughäfen" – Udo Jürgens singt dazu: „Am Flugplatz wirst Du eingescannt, bis hin zum großen Zeh und Deine Kontodaten gibt es bald schon auf CD, fehlt nur noch dass bei Facebook Deine Leberwerte stehen.“ Der Schlager-Altmeister überspannt hier den Bogen vom namentlich nicht genannten Nacktscanner (“Flugplatz”, “großer Zeh”) über Steuersünder-CDs und vermischt eine Zeile weiter Facebook mit dem in Europa gar nicht zugänglichen Service Google Health (“Leberwerte”).

In diesem Hau-Ruck-Stil geht es weiter im Text: “Die Welt ist eine Google, da bleibt gar nichts mehr geheim, ob Wohnung, Haus, ob Garten, jeder schaut da (…) rein.” Hier wird offenbar Google Streetview auf Korn genommen. Ob sich Udo Jürgens bewusst ist, dass die schlaue Zeile “Die Welt ist eine Google” eigentlich vom Autoren Peter Glaser geprägt wurde und der sich deswegen auch schon mal ein Urheber-Scharmützel mit einem FAZ-Mann geliefert hat? Hat Udo Jürgens die Zeile womöglich gar gegoogelt? Nicht auszudenken!

Danach bekommt auch noch der Big-Brother-Staat mit seinen Überwachungskameras sein Fett weg. Und natürlich Twitter: “Ganz offenherzig twitterst du, gibst alles von dir preis, den größten Mist, den kleinsten Scheiß.“ Im Geiste meint man, hinter jeder neuen Zeile mit Brechstangen-Reim einen Karnevals-Tusch zu hören. Man muss sich mal den Spaß machen und den Liedtext von “Du bist durchschaut” im Duktus einer Büttenrede zu rezitieren – das funktioniert ganz ausgezeichnet – und spricht leider nicht für das Lied.

Udo Jürgens verrührt hier munter Dinge, die nicht zusammengehören, zu einem Plattitüden-Festival im Schlagerformat. Vermutlich soll das medienkritisch sein und an uralte Jürgens-Erfolge anknüpfen. Das Problem ist nur: zu seiner Hoch-Zeit in den 70er Jahren war Udo Jürgens bei Themen wie Gastarbeiter (“Griechischer Wein”) und Spießertum (“In diesem ehrenwerten Haus”) thematisch auf der Höhe der Zeit. Mit seinem Lied “Du bist durchschaut” spricht er dagegen diffuse Ressentiments einer Generation an, die sich von der neuen Technik überfordert fühlt. Das kann er ja machen, aber dass er seine Digital-Schelte textlich auf so erbärmlichem Niveau darreicht, das ist das eigentliche Ärgernis.
Update: Nette Ironie am Rande: Trotz seiner textlichen Ausfälle gegen Facebook und Co. verzichtet Udo Jürgens nicht darauf, bei Facebook mit einer eigenen Seite die Werbetrommel für seine CD zu rühren. (gefunden über einen Hinweis in den Kommentaren, besten Dank!) 

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