Privat-TV: im Gleichschritt mit der Konjunktur

Die Bilanz der RTL Group strahlt wie nie zuvor. Über eine Milliarde Euro operativen Gewinn, Traum-Rendite. “All Key-Indicators up”, sagte RTL-Boss Gerhard Zeiler beim Conference Call zur Bilanz von Europas größter TV-Gruppe. Das zur Schau getragene Selbstbewusstsein zeigt, dass die TV-Branche vor dem digitalen Wandel keine Angst mehr hat. Vom Internet scheint für die Fernsehmacher keine Gefahr auszugehen. Doch die Unsicherheit bleibt.

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:Bereits Mitte 2010 brachte es die RTL Group in einer Info-Broschüre auf den Punkt. “The Future of TV is…” stand auf dem Titel und wenn man die Seite umklappte las man: “…TV!” Eine deutliche Ansage an alle Propheten des digitalen Medien-Umsturzes. Während ähnliche Parolen (“Print is back!”) bei der Verlegerbranche immer noch ein bisschen klingen wie das Pfeifen im Walde, sind die markigen Sprüche der TV-Bosse mit Zahlen und Argumenten gut unterfüttert. “Es war ein fantastisches Jahr für die RTL Group”, sagte Zeiler bei der offiziellen Vorstellung der Zahlen für 2010 und man kann ihm da nicht widersprechen.

Aber was macht TV-Geschäft  eigentlich so immun gegen die Umwälzungen des Internet?

– TV ist ein Unterhaltungsmedium. Natürlich gibt es TV-Nachrichten, Dokumentationen etc. Aber Privat-TV ist zu allererst Unterhaltung. Nicht umsonst bezeichnet sich die RTL Group auch als “leading European Entertainment Network”. Und bei der Unterhaltung lässt sich die Masse der Zuschauer eben gerne berieseln. In einem Special zum Zustand der TV-Branche beschrieb der Economist Fernsehen im Mai 2010 als “The lazy Medium”. Eine Erkenntnis des britischen Magazins: Zwar habe sich die Erwartungshaltung vieler TV-Zuschauer geändert. In Umfragen komme stets heraus, dass zeitversetztes Fernsehen und On-Demand-Television groß im Kommen ist. Das tatsächliche Verhalten der Zuschauer ändere sich aber viel langsamer, als es die Lippen-Bekenntnisse in Umfragen vermuten lassen. “Die Leute wollen ‘Pop Idol’ (die britische Version von “Deutschland sucht den Superstar”, Anm. d. Red.) genau dann sehen, wenn es auch alle anderen sehen”, wird der BSkyB-Manager Mike Darcey vom Economist zitiert.

– TV hat einen unermesslichen Bewegtbild-Schatz. Selbst bei der Expansion des Geschäftsmodells TV ins Digitale hat die Fernsehbranche unbestreitbare Vorteile gegenüber Print-Medien. Immer mehr Menschen schauen Videos im Internet. Während sich Verlage schwer tun, qualitativ hochwertige Videos teuer selbst zu produzieren und zu vermarkten, sitzen TV-Sender schon auf einem Berg an Bewegtbild. Über Portale wie RTLnow.de oder Clipfish kann RTL ohne zu großen Aufwand eine Zweitverwertung seiner Programme betreiben. Da es sich bei den RTL-Kanälen fast nur um Free-TV handelt, müssen die Verantwortlichen sich auch keine großen Gedanken um Bezahl-Inhalte machen. Die Refinanzierung basiert ganz grundsätzlich auf Werbung. Und die läuft im TV besser denn je. Da besteht überhaupt kein Grund, im Netz mit Bezahl-Inhalten zu experimentieren. Man kann die On-Demand und Clip-Portale zusätzlich und flankierend vermarkten und entspannt zusehen, wie dort die Umsätze wachsen.

– TV-Nutzung steigt trotz oder wegen des digitalen Umbruchs immer weiter. Während Print-Auflagen bröckeln, steigt die durchschnittliche TV-Nutzung in der westlichen Welt immer weiter. Von 2000 bis 2009 stieg die tägliche Nutzung von linearen TV-Programmen in Europa um 19 Minuten von 203 auf 222 Minuten. Eine Erklärung mag sein, dass sich Internet-Nutzung und TV in Teilen hervorragend ergänzen. Immer mehr Menschen nutzen Social-Media-Angebote wie Twitter oder Facebook parallel zum TV, um das gerade Gesehene live zu kommentieren.

– TV schafft Ereignisse. Anders als Print-Medien ist Fernsehen immer noch in der Lage, einzelne Ereignisse zu schaffen, die eine große Zahl Menschen gleichzeitig interessieren. Zu allererst wären dies natürlich Sport-Ereignisse wie Olympische Spiele, Fußball-Welt- oder -Europameisterschaften. Aber auch Event-Reihen wie “Deutschland sucht den Superstar”, “Das Supertalent”  oder die Dschungel-Show “Ich bin ein Star – holt mich hier raus!” bei RTL. Diese Shows schaffen es trotz fortschreitender Individualisierung immer noch, den berühmten Lagerfeuer-Effekt hervorzurufen.

– TV ist emotional. Bewegte Fernsehbilder sind viel emotionaler als gedruckte Worte. Man kann erfolgreiche RTL-Formate wie “Bauer sucht Frau” oder “Schwiegertochter gesucht” sehr berechtigt dafür kritisieren, dass dort unbedarfte Menschen skrupellos manipuliert und vorgeführt werden. Man kann aber nicht bestreiten, dass die Macher hier sehr kenntnisreich auf der Klaviatur der Emotionen spielen. Es fällt schwer, sich von diesen Formaten nicht in den Bann ziehen zu lassen. Sogar wenn man weiß, dass es eigentlich falsch ist.

All dies sind gute Gründe dafür, warum die TV-Branche die Medienkrise so gut gemeistert hat und nun wieder voller Saft und Kraft weitermacht, als gäbe es keinen digitalen Wandel. Die aktuellen RTL-Zahlen zeigen aber auch dramatisch die geringe Prognosekraft, die heute in der Branche herrscht. Noch im Krisenjahr 2009 hat der viel gelobte RTL-Group-Chef Gerhard Zeiler das Ausmaß der nun erfolgten Erholung nicht vorhersehen können. Genausowenig traut er sich nun eine Aussage zur Zukunft zu. Eine verlässliche Vorhersage für das laufende Jahr 2011 seit nicht möglich, sagte Zeiler bei der Vorstellung der Zahlen und flüchtete sich in wolkig-unverbindliche Formulierungen. RTL bleibe vorsichtig optimistisch. Die Strategie sehe so aus, dass man im Kerngeschäft wachsen wolle, aber auch weiter spart und in neue Programme, Kanäle und New Media investiert.

Jederzeit kann ein singuläres Ereignis, eine Ölkrise, ein Terror-Anschlag, ein Bürgerkrieg in einem Öl-Zulieferer-Land, das ganze schöne Bilanzgebäude der Sender wieder zum wackeln bringen. Die TV-Konzerne fürchten heute nicht länger das Internet, sondern ein Absacken der Konjunktur. Und auf deren Entwicklung haben die TV-Bosse keinerlei Einfluss. Das ist, bei allen tollen Zahlen, der beunruhigende Sub-Text der aktuellen RTL-Bilanz.

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