„Tatort“: Lindholms Kick mit dem Hooligan

Homophobie und Fußball: Was in der Realität noch immer ein Tabuthema ist, versucht der Hannoveraner "Tatort" in der Episode "Mord in der ersten Liga" aufzubrechen. Charlotte Lindholm sucht in der Kickerszene nach dem Mörder eines Hannover 96-Spielers und stößt dabei bis tief in die Untergründe des Hooligan-Milieus vor. Der spannende Krimi basiert auf einer Anregung von DFB-Boss Theo Zwanziger. Auch diesmal gilt die alte Ermittler-Regel: Der nächste Fall ist immer der schwerste.

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Für Kevin Faber (Stephan Waak) ist es der letzte Abpfiff: Der Hannover 96-Spieler wird nach dem Spiel gegen den Hamburger SV tot am Ufer des Maschsees gefunden. Seine Verletzungen zeigen: Er wurde erschlagen. Für 96-Fan Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) ein Schock, schließlich saß sie wenige Stunden zuvor noch mit ihrem Sohn im Stadion, der sogar ein Autogramm seines Lieblingsspielers ergattern konnte.
Schnell stehen folgende Fragen im Raum: Könnten sich Hooligans an Faber gerächt haben, weil er sie in einem Interview kritisiert und ein mögliches Stadionverbot angesprochen hat? War es ein Mannschaftskollege, der neidisch auf seine anstehende Karriere als Nationalspieler war? Oder führte Faber gar ein Doppelleben zwischen Verlobter und schwulem Lebenspartner, und der Mord war eine Tat aus Eifersucht? Letzteres wäre für einen Krimi, der das gesellschaftliche Tabu des homosexuellen Sportlers brechen will, die beste Geschichte. Oder nicht?
Bei Lindholms Ermittlungen wird die ganze Palette an Schwulen-Klischees bedient: Da hängt die Aidsschleife am Schlüsselband, in der Wohnung stehen Plastiken von Männeroberkörpern, im CD-Player läuft Marianne Rosenberg und, wie originell, die Kondome liegen unter dem Bett. Damit scheint die sexuelle Neigung der Protagonisten aufs Deutlichste dargestellt. Auch der letzte Zuschauer wird jetzt verstanden haben, dass es Lindholm hier mit Schwulen zu tun hat.
Diese Überzogenheit ist das einzige, was an "Mord in der ersten Liga" (Buch: Harald Göckeritz) nervt. Regisseur Nils Willbrandt liefert wunderbare Bilder in echter Stadionatmosphäre. Schließlich wurde live beim Nordderby gegen den HSV gedreht. Auch zu den Katakomben erhielt sein Team Zugang. Diese Aufnahmen sind nicht nur authentisch, sondern zeugen auch von Professionalität im Umgang mit dem Thema des Krimis, das auf DFB-Präsident Theo Zwanziger zurückgeht. Er hatte Furtwängler bei einer Veranstaltung angesprochen und vorgeschlagen, doch mal was mit Fußball und Homophobie zu machen.
Und so werden auch von Lindholm die Fragen ausgesprochen, die sich nicht nur die Welt des runden Leders stellt: Warum darf ein Fußballer nicht schwul sein? Warum ist das noch immer ein Problem in Zeiten eines homosexuellen Außenministers und Oberbürgermeisters? Doch Antworten darauf findet der "Tatort" aus Hannover nicht. Auch wenn sich ein Spieler, der wunderbar von Luk Pfaff gespielte Ben Nenbrook, in der Episode auf einer Pressekonferenz outet, danach wieder auf den Rasen darf und sich keinen Pfiffen oder bösen Spruchbändern der Fans ausgesetzt sieht. Alles so wie immer. Ein Happyend mit zujubelnden Anhängern war wohl selbst den Filmemachern zu unrealistisch.
Dafür darf der Zuschauer bei Lindholms lodernder Liebelei mit dem vermeintlichen Hooligan "Robben" (Benjamin Sadler) mitfiebern. Zwischen Chatforen und Massenschlägerei knistert es zwischen den beiden, aber keiner will es in seinem Stolz/seiner Stärke zugeben. Ob die Liaison in die Verlängerung geht, ist bis jetzt nicht bekannt.
Fazit: "Mord in der ersten Liga" ist ein dicht erzählter, nicht an Spannung übertriebener, provokanter Krimi, der jedoch mehr ansprechen will als er unterbringen kann. Schließlich gilt auch hier: Der Ball ist rund und ein „Tatort“ dauert 90 Minuten.

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