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Medienpreis-Posse um Schlachthof-Report

Landidylle geht anders: In diesem Jahr sollte zum zweiten Mal der mit 10.000 Euro dotierte Medienpreis Emsland verliehen werden. Doch die zwei Auserwählten, Tobias Böckermann (Neuen Osnabrücker Zeitung) und Sebastian Beck (Süddeutsche Zeitung), gehen wegen einer Provinz-Posse leer aus. Der Stiftungsrat hatte gemäkelt, dass ihre Bewerbungen nicht den Formalia entsprochen hätten. Weil die Texte sich kritisch mit der Region auseinandersetzten, vermutet die Mehrheit der Jury einen Boykott - und trat zurück.

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Der Medienpreis Emsland, der von der Johann Alexander Wisniewski-Stiftung herausgegeben wird, soll den Journalismus im und über das niedersächsische Emsland fördern. Dabei handelt es sich um den zweitgrößten deutschen Landkreis, der durch viel Weide und Weite ländlich geprägt ist. Zuletzt wurde der Preis 2003 vergeben. Auf der Homepage des Medienpreises heißt es, dass Beiträge aus Print, Hörfunk, Fernsehen oder Internet, die die Region außerhalb des Tagesgeschäfts thematisieren und ihre besonderen Eigenheiten herausarbeiten, von einer Jury prämiert werden.
In diesem Jahr zählte die fünfköpfige Jury, der neben einem Vertreter des Stiftungsrates drei Journalisten verschiedener Medien und ein Journalismus-Professor angehören,  insgesamt 47 Einsendungen. Davon prämierte das Gremium gleich zwei Texte für den Preis. Einer davon stammt aus der Süddeutschen Zeitung. Die Reportage von Sebastian Beck über die Hähnchenschlachtereifabrik Rothkötter, einem der großen Arbeitgeber im Emsland, sei laut Jury ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie Journalismus sein solle: "nicht belehrend, sondern im besten Sinne aufklärend". Den zweiten Text lieferte Tobias Böckermann, Redakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung, die im Emsland mit mehreren Regionalausgaben erscheint. Er hatte sich in einer Serie "Faszinatur Emsland" kritisch mit der Flora und Fauna der Region auseinandergesetzt. Dazu stellte die Jury fest, dass seine Beiträge am Beispiel des Emslandes wieder die Schutzbedürftigkeit der Lebensgrundlagen ins Bewusstsein rückten. Wichtiges Detail: Beide Texte wurden nicht von dem jeweiligen Urheber, sondern von Lesern eingereicht – ein Bewerbungsverfahren, was laut Homepage auch durchaus erwünscht ist, aber in der Praxis für Verwirrung zu sorgen scheint.
Denn aufgrund der fehlenden Unterlagen, wie einem tabellarischen Lebenslauf der Autoren und einem komplett ausgefüllten Anmeldebogen, scheiterte nun die endgültige Prämierung der zwei Journalisten laut Stiftungsrat. Auf eine Nachforderung verzichtete das Gremium hingegen – sehr zum Ärger von vier Jurymitglieder, die daraufhin von ihren Ämtern zurücktraten. Der Stiftungsrat habe offenkundig einen selbstverschuldeten Formfehler als Vorwand genommen, den benannten Preisträgern die Auszeichnung zu verweigern, teilte Ex-Jurymitglied Hermann Vinke, ehemaliger Hörfunk-Programmdirektor bei Radio Bremen, in einer Pressemitteilung mit. Er und die weiteren drei ehemaligen Jury-Mitglieder vermuten, dass die Auszeichnung nicht an die von ihnen nominierten Preisträger gehe, weil die Autoren sich kritisch in ihren Texten mit dem Emsland auseinander gesetzt hätten. Als Konsequenz traten die vier Mitglieder von ihren Ämtern zurück.
Jedoch scheint dies den Stiftungsrat nicht sonderlich zu imponieren. Man werde weiterhin an der Vergabe des Preises festhalten, auch wenn nur ein einziges Jurymitglied entscheide, ließ das Medienhaus Emsland laut Bürgerradio Ems-Vechte-Welle verlauten. Und weiter: Die vier Jurymitglieder würden mit ihrer Entscheidung alle anderen Bewerber abstrafen.
In München kann Sebastian Beck über das ganze Vorgehen nur lächeln. Bis Mittwoch wusste der SZ-Redakteur nicht mal von seiner Nominierung und wurde von dem Bürgerradio mit der verpassten Prämierung konfrontiert. "Ich freue mich über alle Preise, auch über diejenigen, die ich fast erhalten habe. Für dies Jahr habe ich mir eine ganzseitige Reportage über sommerliche Morgenstimmungen an der unteren Ems und die Balz der Rohrdommel vorgenommen. Ich glaube, das wird eine schöne Sache", sagte er gegenüber MEEDIA.
Ein Gutes hat die Geschichte trotz aller Wirrungen und Irrungen ja immerhin: Über das Emsland wird wieder geschrieben.

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