TV-Atom-Geplänkel mit einsamem Höhepunkt

Talk-Redaktionen haben es derzeit leicht und schwer. Leicht, weil nach den Unruhen in Arabien und der Guttenbergschen Plagiatsaffäre mit der Atom-Katastrophe in Japan bereits das dritte dominierende Thema in Folge auf der Tagesordnung steht. Schwer, weil man sich um die besten Gäste zum gleichen Thema balgen muss. Gestern diskutierte Frank Plasberg bei “Hart aber fair” die  Atom-Angst. Eine Sendung mit viel Geplänkel und einem einsamen Höhepunkt.

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“Hart aber fair” ist meist dann am besten, wenn es um Verbraucherthemen geht. Was bringt die Gesundheitsreform? Wieviel Fleisch darf/soll man essen? Wieviel Härte braucht Erziehung? Bei solchen Fragen läuft Moderator Frank Plasberg als ironischer Oberlehrer regelmäßig zur Hochform auf. Beim Thema Atom-Angst dagegen wirkten die Straßenumfragen, die Zuschauer-Beteiligung und die Einspielfilme seltsam deplatziert. Vielleicht auch darum, weil die Diskussion in Deutschland mittlerweile groteske und ganz und gar irrationale Züge angenommen hat. Und auch Plasberg hatte so seine Probleme. Als er den Pfad der gepflegten Political Correctness kurz verließ und von einem möglichen Tsunami bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg sprach, musste er sich gleich von einem sauertöpfischen Jürgen Trittin rhetorisch maßregeln lassen.

Hinzu kam, dass Plasbergs Redaktion nur eine eher blasse Gästerunde zusammentrommeln konnte. FDP-Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel war wahrscheinlich nur eingeladen, weil er verfügbar war. Mit dem Grünen Jürgen Trittin hatte Plasberg immerhin einen ehemaligen Umweltminister in der Runde. Der aktuelle Minister, Norbert Röttgen, ist in der Thematik sicher der bessere Gesprächspartner, der hatte aber schon für den Maybrit-Illner-Talk an diesem Donnerstag zugesagt.

Völlig überflüssig war die Ärztin und Anti-Atomkraft-Aktivistin Ursula Völker, die mit großen Augen naive Allgemeinplätze im Stil von “Jetzt sollten wirklich mal alle bessere Menschen werden” absonderte. Und der ehemalige Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi verbreitete das, was man wohl gepflegte Langeweile nennt. Und so plätscherte die Atom-Diskussion dahin, ohne Recht in Fahrt zu kommen. Aber halt! An einer Stelle bekam die Sendung plötzlich eine ganz neue und sogar erhellende Qualität. Als Plasberg die lahme Runde hinter sich ließ und ein Einzelgespräch mit Lars-Olov Höglund begann. Der ehemalige Chef der Konstruktionsabteilung des Stromkonzerns Vattenfall berichtete kompetent und freundlich, in der Sache aber ungeschminkt und knallhart von den technischen Problemen und Unzulänglichkeiten bei der Konstruktion und der Instandhaltung von Atomkraftwerken.

So sprach Höglund das Problem an, dass es heute kaum noch Techniker gibt, die sich mit den Spezifikationen der veralteten Reaktoren auskennen. Plausibel leitete er her, dass es ganz und gar unwirtschaftlich und sogar unmöglich sei, ein altes Atomkraftwerk aus den 70er Jahren auf den aktuellen Sicherheitsstand zu bringen. Plasberg assistierte mit einem gelungenen Einspielfilm, der die Parallele zwischen dem VW-Käfer und dem Atomkraftwerk Biblis zog, das in den 70er Jahren gebaut wurde, als der Käfer noch bei VW in Deutschland produziert wurde. Einen alten Käfer kann man eben nicht auf den Sicherheitstand eines modernen Autos bringen. Es geht nicht und es lohnt sich auch nicht. Für Atomkraftwerke gelte dasselbe.

Höglund ließ auch keinen Zweifel daran aufkommen, dass die 50 japanischen Mitarbeiter, die noch versuchen, den fast völlig zerstörten Unglücks-Reaktor in Fukushima in einer Verzweiflungstat zu retten, dem Tode geweiht sind. Der ehemalige Vattenfall-Mann zog das nüchterne Fazit, dass ihm und allen anderen Technikern in seiner aktiven Zeit schnell klar gewesen sei, dass Atomkraft keine auf Dauer beherrschbare Technik ist.

Das bedröppelte Gesicht, das Ralf Güldner, der Präsident des Atom-Lobby-Verbands Deutsches Atomforum, bei den Einlassungen Höglunds machte, war aussagekräftiger als der ganze Rest dieser “Hart aber fair”-Sendung. Allein für diesen Gesichtsausdruck hatte sich das Einschalten dann doch gelohnt.
Hier sehen Sie die "Hart aber fair"-Sendung als Web-TV.

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