Zeit vs. Focus: Vergleich der Atom-Ausgaben

Der Spiegel war zu schnell: Bereits am Samstag stoppten die Hamburger die Druckmaschinen und hoben die drohende Atom-Katastrophe auf den Titel. Am heutigen Mittwoch folgen nun die Zeit mit einer vorgezogenen und der Focus mit einer erweiterten Ausgabe. Ein erster Vergleich zeigt: Die Zeit setzt auf Ratio und der Focus auf einen eher emotionalen Ansatz. Beide Blätter funktionieren. Wohingegen die Münchner sogar die Chance nutzten, sich als ernsthafter Stern-Konkurrent zu empfehlen.

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Bereits der Aufbau, den das Nachrichtenmagazin und die Wochenzeitung wählen, sind höchst unterschiedlich. Der Focus hat sein aktuelles Heft einfach noch einmal gedruckt und mit 50 neuen Seiten zur Tragödie ausgestattet. Die Zeit dagegen spielt das Thema als Schwerpunkt in der gesamten Ausgabe. Bei den Hamburgern beschäftigt sich die Politik, das Dossier, die Wirtschaft und auch das Feuilleton mit der Atom- und Tsunami-Katastrophe. Beide Titel setzen dabei jedoch erstaunlich wenig auf Korrespondenten-Berichte.

Der überarbeitete Focus-Titel und der akutelle Zeit-Aufmacher

Die Zeit:
In Magenta-Lettern fordert die Zeit auf gelbem Hintergrund "Keine Lügen mehr". Der Titel verlangt zudem einen neuen Blick auf die Welt. "Frei von Propaganda – auch von parteipolitischer Instrumentalisierung." Auffallend am Cover ist, dass die Chefredaktion auf der ersten Seite auf Bilder der Katastrophe verzichtet. Lediglich das Foto einer Mutter mit ihrem Kind ist klein eingeklinkt. Erstaunlich: Die beiden sind nur ein Ausschnitt aus einem größeren Foto, mit dem der Focus seinen Sonderdruck aufmacht.

Die Aufmachergeschichte von Bernd Ulrich beschäftigt sich mit "Japans Lehre für die Welt". Die Seite zwei gehört dann ganz den Herausgebern der Wochenzeitung. In einem großen Interview wird Helmut Schmidt zu der Katastrophe befragt, und Theo Sommer erinnert an einen Roman von Sakyo Komatsu, der bereits vor 40 Jahren in seinem Science-Fiction-Roman "Japan Sinks" den Untergang Nippons beschrieb. Auch die dritte Seite gehört noch der Titelgeschichte.

Das Zeit-Dossier fordert ein Ende der Atomkraft

Das Dossier bezieht diesmal eine klare Position: Unter der Headline "Schluss, aus" führt Fritz Vorholz aus, dass Atomkraftwerke nicht sicher sind und es auch niemals sein werden. Sein Fazit: "Es gibt nur eine Lösung: Abschalten!" Im Wirtschaftsteil stellt sich der RWE-Vorstandschef Jürgen Großmann den Fragen der Zeit. Ganz gegen den Trend erklärt er, warum er weiter für Kernenergie und gegen einen schnellen Atomausstieg ist.

Im Feuilleton beschäftigt sich Florian Illies mit der "Macht der Bilder". Er meint: "Weil die Welt gesehen hat, wie ein Atomkraftwerk explodiert, ist der Glaube an die Beherrschbarkeit der Technik zerstört. Das Bild im Kopf ist zu stark."

In allen Ressorts gibt es noch weitere Storys über die Tragödie. Erstaunlich ist aber, dass sich der Chefredakteur Giovanni di Lorenzo diesmal nicht in einem Leitartikel zu Wort meldet – anders als sein Focus-Kollege.

Focus
Im Gegensatz zur Zeit setzt der Focus bei seinem Cover voll auf Emotion und Atomangst. Das Bild zeigt eine Frau und ihr Kind, wie sie von einem Sicherheitsbeamten im Schutzanzug mit einem Geigerzähler untersucht werden. Es ist das bislang wohl bekannteste menschelnde Foto der Katastrophe. Die Zeile der Münchner lautet schlicht: "Der Atom Schock". Gleich im Editorial kommt Weimer zu dem Schluss: "Nach den Ereignissen in Fukushima wird die Akzeptanz der Atomenergie so weit schwinden, dass wir uns schon deshalb davon verabschieden können. Die Frage ist nicht mehr, ob, sondern nur noch wann."

Focus macht auf Stern und startet seine Titelgeschcihte mit einer langen Bilderstrecke

Auf insgesamt 50 Seiten beschäftigt sich die Redaktion mit dem Thema. Den Anfang macht erst einmal eine zwölfseitige Fotostrecke und eine Story über die stoische Ruhe, mit der die Japaner die Katastrophe über sich ergehen lassen. Später folgt eine gutes Stück über die "Physikerin" Angela Merkel und viele weitere innenpolitische Texte zur Atomkraft.

Die alte Focus-Kernkompetenz: In Schaubildern die Welt erklären

Hier ist eindeutig die Handschrift des neuen Chefredakteurs Wolfram Weimer zu sehen. Mehr Debatte, weniger Nutzwert. In diesem Fall ist das schade, denn mit der alten Focus-Kernkompetenz die Welt in Schaubildern zu erklären, hätte man sich der Tragödie sehr informativ nähern können. Die paar Info-Seiten, die im Focus stecken, überzeugen nämlich.

Fazit:
Bei der Zeit spielt der Vorgang und das Elend der Katastrophe keine große Rolle. Stattdessen setzen die Hamburger ausschließlich auf eine eher distanzierte Analyse. Die Texte sind vorzüglich und reich an Erkenntnisgewinn. Trotzdem vermisst man – gerade in Krisenzeiten – die menschliche Komponente. Ein persönlicherer Blick auf das Schicksal einzelner Betroffener macht für den Leser eine solche Tragödie oftmals besser fassbar.

Auch der Focus löst sich nach einen Drittel seiner Sonderstrecke von der Tragödie und beschäftigt sich überwiegend mit den innenpolitischen Auswirkungen. Dabei verlieren die Münchner ihre Erklärkompetenz. Das ist schade, denn genau an diesem Punkt hätte die Redaktion noch punkten können.

Mit seinem Mix aus emotionaler Bildstrecke, Nutzerwert- und Service-Happen so wie viel innenpolitischer Debatte, empfiehlt sich der Focus auf einmal als ernsthafter Stern-Rivale. Möglicherweise hätte es das Team um Wolfram Weimer einfacher, wenn man mit dem neuen Heftkonzept langfristig mit dem G+J-Magazin konkurrieren würde, als anstatt mit dem aktuell als übermächtig erscheinenden Spiegel.

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