Japan-News: der Boom der Live-Ticker

Bislang konnte das Web wenige neue journalistische Erzählformen etablieren. Live-Ticker sind eine Ausnahme. Ob Bild.de oder Spiegel Online: Kaum ein News-Portal kommt in seiner Berichterstattung zur Japan-Katastrophe noch ohne aus. "In Nachrichtentickern können wir gerade bei einer hektischen Nachrichtenlage am schnellsten abbilden, was auf der Welt passiert", erklärt Süddeutsche.de-Chefredakteur Stefan Plöchinger. Es besteht aber die Gefahr, dass die Erzählform historische Ereignisse zu Sport-Events degradiert.

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Seinen großen Durchbruch verdankt die Darstellungsform der Wirtschaftkrise. Mit den fallenden Kursen und der extrem wechselhaften Nachrichtenlage fingen die großen Online-Redaktionen verstärkt an, auf die Ticker-Technik zurückzugreifen, die bis dahin vor allem in der Sportberichterstattung zum Einsatz kam. Ob Bundesliga, Boxen oder Formel 1-Rennen: Zu jedem wichtigen Sport-Event bietet jede Nachrichten-Seite seit Jahren schon Live-Berichte.

Seine offizielle Aufnahme in den Kreis der anerkannten Journalisten-Techniken erhielt die Erzählform im vergangenen Jahr, als das Ticker-Team von 11Freunde.de einen Henri Nannen Preis dafür bekam.

"Wir nutzen diese Art der Darstellung dann, wenn sie uns journalistisch sinnvoll erscheint – wenn also Ereignisse sich dermaßen schnell weiterentwickeln, dass eine vollständige Zusammenfassung in einer anderen Form gar nicht möglich ist", erklärt Daniel Böcking, Mitglied der Bild.de-Chefredaktion, gegenüber MEEDIA. "Dennoch ist es uns wichtig, dass auch bei einem Live-Ticker, wie bei einem klassischen Artikel, die wichtigsten Ereignisse und bestätigten Meldungen im Einstieg zusammengefasst sind. Schließlich ist es immer unser Anspruch, auch zu gewichten und Orientierung zu liefern – und auch die Leser zu informieren, die nicht von Anfang bis Ende die Geschehnisse in Echtzeit verfolgen können."

Für Plöchinger ist ein guter Newsticker, sofern er verständlich geschrieben ist und sich mit Hilfe des Zwei-Quellen-Prinzip absichert, ganz nah an dem, was ein Nachrichten-Portal tun muss: " Den Menschen erklären, was gerade wichtig ist."

Die Nutzer scheinen die neue Erzählform rege zu nutzen: "In einer Situation wie jetzt, in der sich die Ereignisse überschlagen, ist diese Form für ein Live-Medium nicht nur angemessen, sondern geboten – und wird deshalb von Lesern überaus gern genutzt", verrät der Online-Chef der SZ.

Die chronologische Ordnung hilft tatsächlich ungemein. Denn durch die Konstruktion der meisten Nachrichten-Portale ist es nicht immer leicht auf den neuesten Stand zu bleiben. Die Web-Chefredakteure setzen nicht den aktuellsten, sondern die vermeintlich wichtigsten Artikel nach oben. Für Menschen, die allerdings die neusten Entwicklungen auf einen Blick haben wollen, werden von den klassischen News-Angeboten deshalb nicht passend bedient. Ticker schaffen hier Abhilfe.

Nicht ganz klar ist allerdings, wie sich die neue Erzählform auf den Traffic auswirkt. Denn die Nutzer müssen im Idealfall nicht mehr die Seite verlassen, sondern aktualisieren nur noch ihren Browser. Das erhöht die Verweildauer auf die Angebote, kann sich aber negativ auf die wichtige Kennzahl der Visits auswirken.

Sowohl Plöchinger wie auch Böcking widersprechen dem Gerücht, dass Ticker zudem den wirtschaftlichen Vorteil hätten, dass sie helfen, redaktionelle Manpower einzusparen. Denn durch das Verfassen von knappen chronologischen Einträgen würde man sich – zumindest in der Theorie – das Verfassen eines eigenen längeren Artikels zu jeder neuen Entwicklung sparen.

Zudem sind sich die beiden Web-Macher einig, dass sie die Ticker-Produktion, anders als bei Sport-Events, niemals an externe Agenturen ausgliedern würden. "Auf keinen Fall. Wir haben es hier mit einem hochpolitischen Ereignis zu tun, bei dem jede grundsätzliche Einschätzung stimmen muss: Haben wir diese oder jene Meldung gegengecheckt? Welches Bild von der Katastrophe können wir zeigen, welches nicht? Schreiben wir jetzt von GAU oder Super-GAU?", fragt Plöchiner rhetorisch. "Wenn da Falsches auf der Seite steht, muss es schon Ihr eigener Fehler sein, nicht der eines externen Anbieters."

Der beste Beweis dafür, dass sich eine neue journalistische Form durchgesetzt hat, ist, wenn es erste Persiflagen gibt. So tickerte Marcus Jauer vor rund einer Woche fünf wichtige historische Ereignisse für die Frankfurter Allgemeinen Zeitung nach. Seine großartigen Texte begleiten minutiös unter anderen Christi Geburt und Luthers Zusammentreffen mit der Universität Worm.

Auch die Titanic versuchte sich an dem Thema und schrieb einen – im Nachhinein – völlig deplazierten Liveticker-Liveticker. Der Versuch der Satiriker sich über das Erdbeben in Japan lustig zu machen, ging völlig nach Hinten los. Beispiel-Eintrag: "08.45 Uhr Berlin Die Schlagzeile ‚Küsten-Bukkake in Japan! Hier die geilsten Bilder‘ wird verworfen, weil die Bilder noch nicht geil genug sind. Verzweiflung breitet sich aus."

Die neue Erzählform biete sich jedoch nicht für jede Form von Echtzeit-Event an. "Sie haben vielleicht gemerkt, dass ich nicht ‚Live-Ticker‘ sage – ich finde ‚Nachrichten-Ticker‘ in diesem katastrophalen Fall angemessener. Eine andere Seite schrieb von den ‚besten Bildern‘ des Desasters. Das ist nicht meine Wortwahl", sagt Plöchinger. "Ansonsten: Live dabei sein zu wollen, muss sich aus dem Ereignis begründen. Welchen Erkenntnisgewinn bringt ein Beerdigungs-Live-Ticker? Doch sicher einen geringeren als ein Atomkrisen-Ticker."
Trotzdem gibt auch schon genügend Beispiele, bei denen live von Beisetzungen und Trauerfeiern, ähnlich wie bei einem Fußball-Match, berichtet wurde.

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