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Japan: Spiegel stoppt Druck für Atom-Titel

Samstagmittag: Mitten im Druck des neuen Heftes stoppt der Spiegel die Maschinen und produziert eine neue Titelgeschichte. „Die Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima zwang die Spiegel-Redaktion zu einer ungewöhnlichen Operation“, heißt es in der Hausmitteilung. Statt mit dem Tsunami machen die Hamburger mit einem Bild der explodierenden Reaktorhülle von Fukushima 1 und der Zeile „Das Ende des Atomzeitalters“ auf. Der Focus reagierte nicht so fix und liegt mit dem „Tsunami-Drama“ am Kiosk.

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Die Zuspitzung der Situation im AKW von Fukushima kam für die Drucktermine des Münchner Nachrichtenmagazins wohl zu spät. Auch die Hamburger mussten mit ähnlichen Problemen kämpfen. Für einen Teil der Auflage kam der Druckstopp zu spät. So liegt heute an Tankstellen und Kiosken noch ein Spiegel, der eine brennende japanische Raffinerie zeigt. Die Zeile lautet: "Unser feindlicher Planet". Im Heft findet sich zudem noch eine Geschichte, die erzählt, "wie Reaktoren von Fukushima auf einen Super-Gau zusteuerten". Ob auch die Abonnenten noch den alten Titel bekommen, ist noch unklar.  
Wie der Spiegel noch schnell die neue Story ins Blatt bekam, wird im Editorial genau erklärt: „Am Samstagmittag wurden die Druckmaschinen gestoppt, die Druckzylinder mit der Titelgeschichte über die Tsunami-Katastrophe im Fernen Osten mussten durch einen frischen Satz mit einer noch dramatischeren Story ersetzt werden, der Geschichte über den ersten GAU nach dem Desaster von Tschernobyl vor 25 Jahren.“
Zur Produktion der neuen Strecke aktivierte Chefredakteur Georg Mascolo alle verfügbaren Kräfte. „Seit Freitag bahnte sich in Fukushima eine Katastrophe an, die Hamburger Spiegel-Zentrale alarmierte Korrespondenten in Asien, Amerika und Europa“, heißt es in der Hausmitteilung. „Als es im Atomkraftwerk dann am Samstag, 15.36 Uhr Ortszeit, zu einer Explosion kam, war Bangkok-Korrespondent Thilo Thielke, 43, bereits in Tokio gelandet und auf dem Weg in die vom Unglück betroffenen Gebiete.“
Mit den Informationen der Korrespondenten aktualisierten die Hamburger Kollegen Hans Hoyng, Cordula Meyer und Olaf Stampf dann die Titelgeschichte. Zumindest für Meyer sind Atom-Themen nicht fremd. Die 39-Jährige hatte zuletzt über die Renaissance der Kernenergie und Pannen beim Bau des AKWs im finnischen Olkiluoto berichtet. Sie glaubt, dass jetzt sämtliche Pläne für den Bau neuer Meiler in Europa und den USA hinfällig würden.
Genau in diese Richtung zielt auch die neue Titelgeschichte. Im Heft trägt sie die Headline: „Fukushima ist überall“. Die Autoren vergleichen die Kernschmelze in Japan, mit dem Super GAU von Tschernobyl. Sie kommen zu dem Schluss: "Die Havarie kann das Schicksal der Nuklearindustrie besiegeln". 
Interessant wird es sein zu beobachten, ob sich der Aufwand der Hamburger auch am Kiosk bezahlt macht. Der Spiegel könnte das Problem bekommen, dass sich bereits bis Montag die Nachrichtenlange derart dramatisiert, dass der neue Titel bereits überholt ist. Bei großen Katastrophen setzten die Menschen auf TV und Internet als Echtzeitmedien.

Wenn die Leser jedoch das Gefühl haben, dass der Spiegel mit seinem überarbeiten Aufmacher die Diskussion erweitern und bereichern kann, dann stehen die Chancen gut, dass die „ungewöhnliche Operation“ der Hamburger mit Top-Verkäufen und vielen interessierten Lesern belohnt wird. 

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