„Die Zeit wäre eine blonde, energische Frau“

Dass Helmut Schmidt bei der Zeit als Herausgeber anheuerte, ist maßgeblich Theo Sommer zu verdanken. Auch wenn es anfangs ein bisschen gedauert habe, bis man sich aneinander gewöhnt hatte, war es "ein Höhepunkt, dass Schmidt und die Redaktion zusammengewachsen sind", sagt Sommer im zweiten Teil des MEEDIA-Interviews. Zudem spricht der Editor-at-Large über die Zusammenarbeit mit Rudolf Augstein und Henri Nannen im Hamburger Pressehaus und wie die Zeit aussähe, wenn sie eine Person wäre.

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Kommen wir auf Ihre Triumphe zu sprechen.
Höhepunkt war natürlich, mit vereinten Kräften den Verleger Gerd Bucerius und Helmut Schmidt davon zu überzeugen, nach seiner Abwahl 1982 als Herausgeber zu uns zu kommen. Ich hatte ihn bei einer Konferenz 1963 kennengelernt, als er gerade an seinem Buch "Verteidigung oder Vergeltung" saß. Wir hatten danach immer wieder Gesprächskontakt zu dem Thema. 1969 holte er mich für ein knappes Jahr als Planungschef ins Verteidigungsministerium. Der Kontakt blieb auch während seiner Kanzlerzeit bestehen. Unsere Wege kreuzten sich dann, als Bucerius auf die Idee kam, ihn zur Zeit zu holen. Er schwankte aber eine Zeitlang in seiner Entschlossenheit, weil er sich fragte, ob er es sich leisten kann, einen SPD-Mann zur Zeit zu holen, ohne das alle Welt denkt, wir liefern das Blatt jetzt der Sozialdemokratie aus. Damals gab es auch heftige Debatten in der Redaktion, sie wurden zugunsten von Schmidts Eintritt entschieden.
Wie lief die Zusammenarbeit mit Helmut Schmidt anfangs ab?
Sie müssen sich das so vorstellen: Da saß der Altbundeskanzler plötzlich neben Alt-Spontis, die ein Jahr zuvor noch gegen seinen Nachrüstungsbeschluss im Bonner Hofgarten demonstriert hatten. Das hat ein bisschen gedauert, bis wir uns aneinander gewöhnt hatten. Es war ein Höhepunkt, dass Schmidt und die Redaktion zusammengewachsen sind, so dass heute Giovanni di Lorenzo sagt, wir können gar nicht genug Schmidt im Blatt haben. 
Wie stark ist das Schmidt-Engagement heute noch?
Helmut Schmidt kommt noch immer mehrere Tage in der Woche in sein Büro im 6. Stock des Pressehauses.
Sie haben die Dönhoff-, Bucerius-, Nannen- und Augstein-Ära miterlebt. Was hat man von den dreien gelernt?
Von Marion Dönhoff konnte man Haltung lernen. Von Bucerius und seiner bohrenden Neugierde konnte man lernen, nicht nur großartig und großkotzig vor sich hin zu formulieren, sondern sich seiner Fakten zu versichern. Von Augstein konnte man lernen, was man durch Investigation und Recherche erfahren hatte, in Provokation zu verwandeln. Von Nannen konnte man lernen, einen Text über ein schwieriges Thema so zu formulieren, dass ihn die eigene Oma verstehen kann. Es war schon ein großes, beglückendes Erlebnis, diese Großen unserer Zunft alle nicht nur kennenzulernen, sondern auch mit ihnen zu arbeiten, und zwar in wöchentlichen und oft täglichen Kontakt.
Als ich zur Zeit kam ins Pressehaus am Speersort, da war dies wirklich das Pressehaus in Hamburg. In diesem Gebäude saßen der Spiegel, die Zeit, der stern, die Morgenpost und das Echo, das zur Morgenpost gehörte. Außerdem noch Wild und Hund. Wir sind uns täglich im Paternoster begegnet, wir haben in den umliegenden Kneipen mittags Kotelett gegessen. Adenauer nannte uns – Zeit, stern und Spiegel – "die Hamburger Kumpanei". Und alle drei waren ganz anders als das andere Pressehaus in Hamburg: das Springer Haus. Das war eine Zeit, in der alle drei aufblühten und die Auflage stieg, weil es erst wenige Fernsehstationen und keine Computer gab. Es war für uns als gedrucktes Blatt viel einfacher als es heute ist. Daher ziehe ich heute den Hut vor denen, die es jetzt machen und gut machen.
Die Zeit ist auch heute noch sehr erfolgreich. Im vierten Quartal 2010 der IVW wurde wieder eine Rekordmarke geknackt: 504.256 Exemplare wurden verkauft. Was ist das Erfolgsrezept?
Wir haben es verstanden, den Teil des Publikums wieder an uns zu fesseln, der noch Gedrucktes lesen kann und möchte. Und wir haben es verstanden, dies in einer Weise zu tun, die Anklang findet bei allen Generationen. Die Zeit ist kein Senioren-Blatt, sie ist aber auch kein Jugend-Blatt, obwohl wir mehr studentische Leser haben als die FAZ. Und Die Zeit geht mit der Zeit. Es ist ja nicht so, dass die Zeit sich früher nicht geändert hätte. Als ich Chefredakteur war, hatten wir drei bis vier was man heute Relaunches nennt. Es änderte sich die Grafik, wir haben Fotos ins Blatt gehoben, erst schwarz-weiß, dann Farbe. Dazu wurden neue Ressorts eingeführt.
Viele rechnen einen Großteil des Erfolgs Chefredakteur Giovanni di Lorenzo zu. Zu Recht?
Er hat eine ungemein verbindliche aber auch verbindende Art. Er kann die Redaktion von 130 Mitarbeitern – alles selbstständige, eigenwillige Köpfe – immer wieder zusammenführen. Das erfordert großes Geschick. Natürlich hilft ihm seine Fernsehpräsenz. Viele erleben ihn auf dem Schirm quasi hautnah und denken sich: "Wenn der eine Zeitung macht, das Produkt möchte ich lesen." Ich glaube, es kommt dem Blatt sehr zugute, dass er diese Fernsehauftritte macht. Im Übrigen hat sich die Rolle des Chefredakteurs auch sehr verändert. Er muss heute viel mehr mit dem Verlag zusammenarbeiten, über Marketing-Strategien beraten und auch immer wieder öffentliche Auftritte absolvierten, um das Blatt im Blickfeld des Publikums zu halten.
Was würden Sie Anwärtern auf den Journalismus heute raten?
Ich würde immer sagen, was ich immer schon jungen Interessierten gesagt habe: Studiert etwas Ordentliches, möglichst nicht Kommunikations- oder Medienwissenschaften, sondern irgendetwas, ob das Jura oder Geschichte, Soziologie oder Astrophysik ist. Ein Fach, in dem man lernt zu recherchieren und sich seiner Fakten zu vergewissern. Und dann fangt, wenn es irgendwie geht, bei einer Lokalredaktion an. Ich war selber zwei Jahre lang Redakteur bei der Rems-Zeitung in Schwäbisch Gmünd. Ich habe dort viel gelernt, beispielsweise wie man einen Haushaltsplan liest. Wenn Sie dann plötzlich in einer anderen Position sind und einen Bundes- statt eines Gemeindehaushaltes lesen müssen, dann merken Sie, dass das dieselbe Schematik ist. Außerdem lernen Sie, sich auf ihre Fakten zu verlassen, beispielsweise wenn Sie über eine Sitzung der Dachdeckerinnung schreiben. Denn wenn man etwas Falsches schreibt, dann stehen am nächsten Morgen die Dachdecker mit dicken Knüppeln vor der Tür. Das habe ich erlebt. In Lokalredaktionen lernt man, Bodenhaftung zu gewinnen und mit Menschen umzugehen.
Sie beobachten seit Jahrzehnten das politische Geschehen weltweit. Welche Nachricht würden Sie gerne noch vermelden?
Ich bin jetzt im 54. Jahr bei der Zeit. Ich habe angefangen als außenpolitischer Redakteur. Ich würde gerne noch einmal an viele der Orte zurückkehren, die ich damals journalistisch beschrieben habe. Zum Beispiel Vietnam, die Insel Quemoy, Korea, Kaschmir, Moskau oder auch an den Sinai. Ich möchte schauen, was sich dort entwickelt hat, und erfühlen, was neu ist: Was ist das Erbe der Vergangenheit und was verspricht da Hoffnung für die Zukunft? Das sind ganz persönliche Wünsche. Auch in die neuen Bundesländer würde ich gerne nochmal reisen. Einige Kollegen und ich waren die ersten Journalisten, die in die DDR gereist sind, und ich überlege gerade, die Reise noch einmal zu machen.
Herausgeber Josef Joffe hat in seiner Gratulation an Sie geschrieben, dass Sie "Mister Zeit" wären. Wenn die Zeit eine Person wäre: Wie würde sie aussehen, und wie wäre ihr Charakter?
Das ist eine Fangfrage. Ich würde mir die Zeit immer als eine blonde, schlanke, energische, zugleich des Lächelns und des Lachens fähige, nachdenkliche Frau in ihren Enddreißigern vorstellen. Ungefähr so, wie ich die Gräfin Dönhoff kennengelernt habe, als ich hier anfing.

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