Jamie: neuer Küchenruf vom Baumwall

Stern-Gründer Henri Nannen machte den "Küchenruf" bei Gruner + Jahr wie in der Zeitschriftenwelt legendär. Jetzt erschallt ein neuer Küchenruf vom Baumwall - allerdings aus einer anderen Ecke: Mit Jamie ergänzt das Medienhaus sein Food-Portfolio (Essen & Trinken, Beef!, Chefkoch.de) um eine weitere Duftnote. Namens- und Lizenzgeber ist der Brite Jamie Oliver, der wohl bekannteste Koch der Welt und Bestseller-Garant auf dem deutschen Buchmarkt. Morgen erscheint Jamie zum ersten Mal.

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4,90 Euro kostet das 132 Seiten starke Magazin, das sich nahezu ausschließlich aus Übersetzungen von Texten der englischen Originalausgabe speist. Auf Seite 3 begrüßen gleich zwei Blattmacher die Leser: Neben Oliver, der in England sowohl als Autor, Editor-at-large wie auch als Verleger fungiert, ist dies der Gruner-Chefredakteur Wolfgang Robert Zahner, der das englische Mutterheft lobt: "Ein sehr schönes Heft, das seine (Olivers, d.Red.) Handschrift trägt."

Pasta, basta: Jamie Oliver setzt auf schnörkellose Landeskost

Nach Angaben von Gruner + Jahr spiegelt die Zeitschrift, die in England 80 bis 90 Tausend Hefte verkauft, "den Anspruch der urbanen Besser-Esser-Generation, die Kochen als Erlebnis unter Freunden zelebriert". Und dabei legt der Koch bei der Erarbeitung der Magazininhalte selbst Hand an und fungiert als Editor-at-Large: "Für die Artikel hat er sich selbst auf die Reise gemacht und kocht unterwegs mit Freunden. Er gibt dem Heft Gesicht und prägt es durch seine sehr persönlichen Tipps rund um die Themenbereiche Food und Lebensstil." Im Verlagshaus am Baumwall geht man den Neustart selbstbewusst an. 100.000 Stück wird die Druckauflage betragen, 50.000 verkaufte Hefte sind das Wunschziel.
Der Mittdreißiger Jamie Oliver ist ein Energiebündel, ein Hans Dampf an allen Töpfen. Neben zahllosen TV-Formaten, etlichen Kochbüchern und internationalen Verpflichtungen ist der inzwischen auch politisch aktiv und setzt sich in seiner Heimat und in den USA für gesunde Ernährung in allen Altersgruppen sowie artgerechte Tierhaltung ein. Passend dazu ist Jamie auf umweltfreundlichem Papier gedruckt. Als Koch ist er ebenso umtriebig, und vor allem davon erzählt er in seinen Magazintexten. "Auf nach Italien!" lautet das Motto des deutschen Magazin-Erstlings, womit man angesichts der Vorliebe des Volkes für Pasta und mediterrane Spezialitäten nicht viel falsch machen kann.

Wer Jamie liest, bekommt Rezepte inklusive Kulturführer

Nach dem Alleinstellungsmerkmal des Heftes braucht man nicht lange zu suchen. Jamie ist die Verquickung von genialer Kochkunst mit dem Bekenntnis zum Lifestyle und der Freude daran, sich fremde Regionen kulinarisch einzuverleiben. Wer Olivers Beschreibungen liest, erfährt viel mehr als bei einem "Man nehme"-Rezept. Der Brite taucht in die Esskulturen ein und erarbeitet sich seine Meisterschaft in der Fremde oft als Hiwi in den Küchen der Einheimischen. Das alles vollzieht er mit einer Leichtigkeit, die Nachahmer geradezu auf den Plan ruft – nicht das schlechteste Rezept für eine erfolgreiche Zeitschrift.
Darin liegt aber auch, wenn man es kritisch betrachten will, das Risiko eines solchen Magazinprojekts. Der Erfolg steht und fällt mit dem Protagonisten, dessen Image allerdings zumindest in Deutschland bislang ohne Makel ist. Zudem kann das Heft seine Herkunft nicht verleugnen und kommt schon optisch very british daher. So warnt G+J-Chefredakteur Zahner bereits im Editorial vor: Das von Oliver u.a. kredenzte "Lammhirn auf Toast" müsse ja nicht jeder deutsche Leser essen. Dafür ist die Hemmschwelle zum Mitmachen bei Jamie Oliver wie gewohnt extrem niedrig. "Jeder kann kochen" lautet seine Devise, und die gilt auch für die Rezepte in der Zeitschrift, die allerdings hier und da übersichtlicher angeordnet und umbrochen sein könnten.
Der Anzeigenmarkt scheint die Rezeptur noch mit Vorsicht zu genießen. Rund ein halbes Dutzend bezahlter Seiten finden sich in der Startausgabe. Doch das sagt in der traditionell eher zögerlichen Branche zunächst wenig. Wenn Jamies zweimonatlich erscheinende Magazinküche auch den deutschen Lesern schmeckt, dürfte der Vermarktungserfolg nicht lange auf sich warten lassen.

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