Wo bleibt die E-Book-Revolution?

Danke, Onkel Steve. Mit Deinem iPad hast Du mir nächtelange Lesemarathons bereitet, mit dem iPhone 4 habe ich mein Lieblingsbuch immer dabei. Amazon rief gestern die Revolution aus. Erstmals habe man mehr E-Books als Gedrucktes verkauft. Doch irgendwie hat die schöne, neue, digitale Bücherwelt noch lästige Eselsohren. iBooks lockt mich mit “Feuchtoasen” und Titeln wie “Vögelfrei”. Und Amazons Kindle-Shop will mir Kindermärchen vorsetzen. Ist das die Revolution?

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Danke, Onkel Steve. Mit Deinem iPad hast Du mir nächtelange Lesemarathons bereitet, mit dem iPhone 4 habe ich mein Lieblingsbuch immer dabei. Amazon rief gestern die Revolution aus. Erstmals habe man mehr E-Books als Gedrucktes verkauft. Doch irgendwie hat die schöne, neue, digitale Bücherwelt noch lästige Eselsohren. iBooks lockt mich mit “Feuchtoasen” und Titeln wie “Vögelfrei”. Und Amazons Kindle-Shop will mir Kindermärchen vorsetzen. Ist das die Revolution?

Haben Sie schon einmal einen Krimi über 1.800 Seiten gelesen? Nein? Ich schon. Auf dem iPhone. Genauer: auf dem neuen iPhone 4 (hier zum Praxistest). Stieg Larssons “Vergebung”. Was als reiner Test mit dem iPad startete, mündete in nächtelangen Lesemarathons. Die Vorteile liegen ja auf der Hand: Ich hab mein Buch immer dabei, es nimmt kaum Platz weg im Gegensatz zu seinen Hardcover-Kollegen, ich brauche kein Extralicht und hab ständig Nachschub, ohne auf den Postboten zu warten oder in die nächste Buchhandlung gehen zu müssen.

Doch bei so viel Technophilie blieb der ein oder andere Kampf mit Verfechtern des guten, alten Gedruckten nicht aus. Was habe ich mich vor meiner Mitbewohnerin rechtfertigen müssen. Bücher hätten Seele, man müsse sie aus dem Schrank nehmen können, riechen und rascheln hören. Man müsse sich die bedeutenden Stellen unterstreichen können. Tatsächlich dürfte die Erfolgsnachricht, die Amazon-Chef Jeffrey Bezos gestern verkündete, für Liebhaber des guten, alten Hardcovers nur schwer verdaubare Kost sein.

Erstmals mehr E-Books als Hardcover verkauft
Doch anscheinend bin ich kein Einzelfall. Digitale Bücher, sogenannte E-Books, gewinnen stark an Popularität, wie die aktuellen Zahlen des Versandhandels belegen. Firmengründer Bezos rief gleich schon einmal eine Revolution aus. Dieser Tag werde in die Geschichtsbücher eingehen, soll er gesagt haben. Der Grund für so viel Freude: Amazon hat in den vergangenen drei Monaten in den USA mehr E-Books für seinen Reader Kindle verkauft als Hardcover-Bücher, berichtet die New York Times. Auf 100 verkaufte Druck-Titel kamen 143 Kindle-Books.

In den vergangenen vier Wochen hätte der E-Book-Verkauf sogar noch einmal zugenommen. Das Absatzverhältnis betrug demnach 180 E-Books zu 100 Hardcover-Büchern – und das obwohl Amazon nur 630.000 Kindle-Books vertreibt. "Dieser Wandel ist wirklich erstaunlich, da wir gedruckte Bücher schon seit 15 Jahren verkaufen und E-Books für den Kindle erst seit 33 Monaten", sagt Amazon-CEO Jeffrey P. Bezos.

Neben den Verkäufen für den Kindle wuchs auch der E-Book-Markt in den USA insgesamt. Laut der Vereinigung der Amerikanischen Verleger hat sich die Zahl der abgesetzten Titel zwischen Mai 2009 und Mai 2010 vervierfacht.
Hauptgrund dafür ist, dass auch Besitzer von iPads und anderen mobilen E-Readern Kindle-Books herunterladen und auf ihren Geräten lesen können.

Bezos sieht die Preissenkung des Kindle als einen Grund für den höheren Absatz von Ebooks. Nachdem das Lesegerät auf rund 190 US-Dollar im Preis gesunken ist, scheint das Interesse zu wachsen. Der Kindle sei weiterhin der populärste Artikel im Sortiment. Das mag schon stimmen. Ein weiterer Grund dürfte aber auch sein, dass User nicht nur mit dem Kindle Amazonbücher kaufen und lesen können. Seit die Kindle-App im Appstore verfügbar ist, können die über 50 Millionen iPhone-Besitzer und die wachsende Zahl der iPad-User in den Genuss der digitalen Bücher kommen. Das dürfte ein weiterer Grund für das rasche Wachstum sein.

Reader nur als Wegbereiter einer Revolution
Doch allzu sicher dürfte sich Amazon seiner Monopolstellung in Zukunft nicht mehr sein. Zumindest auf dem US-Markt ist ordentlich Bewegung. Noch zu Jahresbeginn 2010 hatte der Online-Buchhändler angeblich rund 90 Prozent Marktanteil. Ende Juni verkündete dann aber Amerikas größter “Offline”-Buchhandel Barnes & Noble, man habe inzwischen 20 Prozent Marktanteil gewonnen. Der Konzern vertreibt mit dem Nook ebenfalls einen eigenen E-Reader. Mit Apples iBooks dürfte sich nach und nach ein weiterer starker Player auf dem Markt positionieren, der Amazon seine Vorherrschaft streitig machen könnte.

Denn mit iPhone, iPad und iPod Touch können User nicht nur E-Books herunterladen und lesen, sondern auch surfen, spielen oder Filme anschauen. Ein Ersatz für die Lesegeräte sind die Tablets zwar noch nicht. Dank sparsamer Technologie hält der Akku eines Kindles tagelang. Die elektronische Tinte unterscheidet sich nur wenig vom bedruckten Papier und schont das Auge. Und zumindest die Einstiegsmodelle sind mit 250 bis 300 Euro deutlich billiger.

Für Rüdiger Spies, Analyst beim Marktforscher IDC, sind Kindle und Co. allenfalls Platzhalter und Wegbereiter einer langsam anlaufenden Revolution auf dem Buchmarkt. E-Reader in der heutigen Form seien ein vorübergehendes Phänomen, wie früher die PDAs. Die digitalen Assistenten wären in den Neunzigern höchst populär gewesen bis die Handys ihre Funktion übernahmen und den Markt pulverisierten. Allenfalls als billiges Einstiegsgerät könnten die E-Reader in ein paar Jahren noch attraktiv sein. Trotzdem gehen Analysten davon aus, dass in der “alten Welt” elektronische Tinte dem gedruckten Buch noch lange nicht den Rang ablaufen wird. Amerikaner seien da weitaus technikaffiner.

Deutschsprachiges Angebot unterirdisch
Das mag nicht auf alle Europäer zutreffen. Ein Arbeitskollege von mir ging nach seinem Umzug in einen Wohnung sogar soweit, alle physikalischen Bücher aus den eigenen vier Wänden zu verbannen und künftig nur noch Bücher via Kindle zu konsumieren. So viel Simplifzierung geht mir dann doch zu weit. Vorerst. Schuld ist aber nicht die Technik oder mein Mitleid mit der Druckindustrie, sondern vielmehr das bisweilen miserable Angebot für deutsche User. Eine im September 2009 veröffentlichte Umfrage unter 318 deutschen Verlagen und Medienunternehmern zeichnete ein Bild der E-Bücher als "Umsatzzwerge mit Wachstumspotential". Fast 80 Prozent der deutschen Verlage machten damals weniger als ein Prozent ihres Umsatzes mit E-Büchern.

Kein Wunder! Haben Anbieter von E-Book-Plattformen doch mit den vielen deutschen Verlage und der Buchpreisbindung zu kämpfen. Noch ist über weite Strecken nicht klar, wie viel nun ein E-Book kosten müsse. Deswegen werden auch kaum deutschsprachige Bücher eingelesen. In den USA wird die Preisgestaltung hingegen den einzelnen Händlern überlassen. Amazon hat sich dem E-Book-Kampfpreis von nur 10 Dollar pro Buch verschrieben – deren gedruckten Version teilweise 20 Dollar kosten. Deswegen bleibt das Angebot an deutschen E-Books auch demnächst noch “überschaubar”.

Zumindest in Deutschland. Apples iBooks beschränken sich hierzulande auf Bestseller und Bücher mit schlüpfrigen Titeln wie “Feuchtoasen”, “100 Tage Sex” oder “Vögelfrei”. Die Strenge, die der Konzern aus Cupertino bei der Zulassung von Programmen in den App-Store an den Tag legt, lässt er zumindest beim Aufbau seiner Bibliothek missen. Vom deutschen Kindle-Store ganz zu schweigen: Die Auswahl ist lächerlich gering und beschränkt sich hauptsächlich auf Märchen. Na, danke!

Ich frage mich, wann Verlage endlich abseits von Magazinen wie “Wired” oder “Popular Mechanics” die volle Bandbreite eines leistungsfähigen Tablets nutzen. Die App “Alice in Wonderland” hat gezeigt, wie aufregend und mehrwertig man Bücher für das iPad gestalten kann. Und mit dem iPhone 4 hat Apple ein Smartphone auf dem Markt gebracht, das mit seinem extrem scharfen Display dem gedruckten Buch und E-Readern wie dem Kindle locker das Wasser reichen kann. Meine Lieblingsbücher einzuscannen, durch die Texterkennung zu jagen, um sie dann als Pdfs auf meinem Smartphone lesen zu können, kann doch nicht wirklich im Sinne des Erfinders sein, oder?

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