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Guttenberg-Hype: die Person als Programm

Eine Woche nach der Demission Karl-Theodor zu Guttenbergs bleiben Fragen nach Ursachen des Phänomens der Plagiats-Affäre: Wie kommt es, dass ein Mann, der als Verteidigungsminister im Rahmen seiner eigenen Verteidigung in den letzten Wochen paradoxe strategische Mängel offenbarte, öffentlich so sehr gestützt wird? Eine Antwort: Die deutsche Barack-Obama-Kopie war als Symbol einer Schmerztablette für viele Antwort auf die stumpfe, seelenlose Außenwirkung deutscher Politiker.

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In jenen alten Zeiten, die viele “die guten“ nennen, war die Welt noch übersichtlich: Vorhänge aus Metall trennten Gut von Böse. Man hatte ein politisches Zuhause. William Gates wuchs soft und micro als Kind in Seattle auf und Mark Zuckerberg war noch lange nicht in Produktion. Lange, bevor die Zeiten modern wurden, sah die deutsche Politik Identifikationsfiguren, die für Wählerorientierung wenig Fragen offen ließen. Man wusste, woran man war. Je nach politischer Haltung galten Franz-Josef Strauß als richtiger Drecksack, Herbert Wehner als verk(n)appter Kommunist und Agent des Klassenfeindes, Heinrich Lübke als präseniler Mittelspurfahrer, Willy Brandt als passioniert alkoholisierter Frauenfreund und Hoffnungsträger. Walter Scheel sang “Hoch auf dem gelben Wagen“, und wenn Helmut Kohl Hamburger frühstücken wollte, ging er nicht zu Mac-Irgendwas, sondern verspeiste seinen norddeutschen, rauchenden SPD-Vornamensvetter, um ihn als Kanzler zu beerben. Zwischen Stein und Turnschuh war Joschka Fischer noch ein kleines grünes Männchen, das seine Wut anderen direkt zur Verfügung stellte, anstatt als Berater in Aufsichtsräten herumzusitzen oder Memoiren zu schreiben. Wie immer man politisch orientiert war: entweder konnte man die Jungs von damals gut leiden, oder man konnte sie gut leiden sehen. Die USA war gut, Vietnam irgendwie schwierig und lange Haare als Emanzipations-Symbol mussten nicht bei Heidi Klum, sondern konnten bei APO-Demonstrationen in der Tagesschau betrachtet werden. Mit Günther Guillaume gab es noch richtige Agenten, die unseren Willy kaputtmachten und Westberliner brauchten deshalb kein Navi, weil sie sich stets nur bis an die Mauer verlaufen konnten. Irgendwie war die Welt so klar gebaut wie ein Stehplatz in der Ostkurve.
Die Zeiten haben sich geändert. Die Politiker auch. Jahre vor Facebook & Co. hatte die schleichende Virtualisierung politscher Persönlichkeit begonnen. Orientierung, Kontakt und Herzblut sind verloren gegangen. Aus den alten Helden und Drecksäcken ist eine profillose Riege von Tränen im Regen geworden. Auch in der politischen Aussage ist Trennschärfe verloren gegangen. Wer schon weiß denn – über Vorurteile und Plattitüden hinaus – wirklich genau, worin sich die Grundsatzkonzepte von FDP, SPD, CDU und Grünen unterscheiden? Wen interessiert das noch wirklich? Wer spürt denn unterhalb der Ebene gesprochener Worthülsen heute noch, wofür genau Parteien und Personen glaubwürdig stehen? Wen findet man denn heute in der Rolle führender Identifikationsfiguren:
Angela Merkel, als leb-, aber erbarmungslose, interne Machtpolitikerin mit dem Sympathiefaktor eines Rottweilers deutscher Politik. Das ursprünglich ungelenke Ost-Mädel, dass für Papa Helmut einst die Doppelquote erfüllte – Frau und Ossi. Sie lernte schnell von Kohl, wie genau man Macht ausübt. Mit physikalisch kühler Präzision zersäbelte sie erst den Meister selbst, als es Zeit war, und dann Repräsentanten des Widerspruchs in der CDU.  Man findet einen Guido Westerwelle, der atemlos in aller Tragik dem eigenen Erwachsen-Werden hinterherläuft. Man findet die Steinmeiers dieser Welt, die als Roland-Berger-Abziehbilder ebenso vorstellbar wären, wie hinter den Empfangstresen eines Bestattungsinstitutes oder eines gehobenen Herrenausstatters in der Eiffel.
Hinter einem Gregor Gysi als rhetorisch lebendigem Rumpelstilzchen bröckelt ein nie vorhandenes Charisma jener Linken, die immer müder gegen alles ins Feld ziehen, wofür ihre politischen Gegner selbst kaum noch kraftvoll eintreten. Oder einen Sigmar Gabriel, der im politischen Bordell der für eine Wahlperiode geliehenen Identitäten jederzeit mit einem Baseball-Schläger in der Hand als Türsteher durchgehen würde. Was für ein armseliges Bild der Top-Führungskräfte eines Landes. Eine Ansammlung von Funktionsträgern, die das gewisse Nichts ausstrahlen. Blasses, Austauschbares, Graues – stumpf ist Trumpf.
Mal ganz um Ernst: Hätten Sie ein Unternehmen und einen Management-Posten zu vergeben – würden Sie einen Brüderle, Rösler oder Niebel einstellen? Wofür genau? Würden Sie sich von einem Westerwelle in jenen ernsten, juristischen Konflikten vertreten lassen, in denen es auf Intelligenz, Strategie und die Fähigkeit zu kämpfen ankommt? Und würden Sie  Ihre Tochter mit einem Sigmar Gabriel oder Christian Lindner ins Kino gehen lassen? Könnten Sie aus dem Gedächtnis alle Partei-Generalsekretäre der letzten fünf Jahre aufsagen? Diejenigen, die mit “Nein!“ antworten mögen, können gefragt werden, warum genau eigentlich nicht. Aber ein Land kann und soll von ihnen als Top-Manager geführt werden. Das ist ebenso makaber wie paradox.
Schon lange kommt Lebendigkeit der Politik von außen: Das Plagiats-Thema von zu Guttenberg, Sarrazins Thesen, Stuttgart 21 lassen für kurze Zeit die Muppets-Show lebendig werden. Führung verkehrt herum. Ein Volk sucht seiner Politik Felder und Themen, die letztlich beweisen: Zwischen der sogenannten “ politischen Klasse“ und denen, für die sie da zu sein hätte ist abgerissen, was verbunden sein müsste. Beziehung und Kontakt sind verloren gegangen, und mit ihnen Glaubwürdigkeit, Hoffnung und Herzblut. Wenn Themen der Integration durch Thilo Sarrazin und nationales Selbstbewusstsein durch Jürgen Klinsmann und eine Fußball WM lebendig werden, haben politische Führungskräfte im Kern ihren Job nicht gemacht.  Und, weil sich wieder und wieder zu entfernen droht, was längst schon weg ist, springen alle, die austrahlungstechnisch kaum noch laufen können, gierig  auf die Züge und werden als politische Gesichtsverleiher von blassen Moderatoren in Talkshows herumgereicht wie Altpapier. “Dinner for one“  im Wochenzyklus.
Längst ist die wachsende Distanz zwischen Politik und Volk resignativ hingenommen. Die Wahlbeteiligungen zeigen, dass Vertrauen in und Glauben an gewählte Volksvertreter verloren gingen wie ein Taschentuch.
Der Kern von Führung ist: Niemand folgt nur Programmen, sondern grundsätzlich folgt man Personen. Doch auf der Suche nach Identifikation, auf der Suche nach jemandem, dem man auch als Wähler “treu sein“ kann, findet man statt emotional greifbarer Persönlichkeit -weit weg vom Leben- zunehmend austauschbare Robotergesichter funktionaler Politikmaschinen. Es ist kein Zufall, wenn bei der Wahl eines Bundespräsidenten Joachim Gauck parteiübergreifend breite Zustimmung fand. Identifikation ist keine rationale Frage. Die deutsche Politik ist gefühllos und kaum durchblutet. Sie leidet lange schon an einem Infarkt deutscher Politikerherzen.
Das ist das Spielfeld des Phänomens eines Karl-Theodor zu Guttenberg. Letztlich geht es ebenso wenig um Plagiate oder zu Guttenberg, wie es allein um ein Sarrazin-Buch, um einen Stuttgarter Sackbahnhof oder das Amt des Bundespräsidenten ging. All dies sind Symptome für den Tunnel am Ende des Lichts, für den Versuch eines immer neuen Auflehnens gegen das Ende von Berührbarkeit. Mit zu Guttenberg waren -wie in einer anderen Weise mit Gauck- undifferenzierte Hoffnungen verbunden. Beide standen in aller Unterschiedlichkeit für etwas, dass sie vom Bild professionell deformierter Unberührbarer unterschied. Das politische System züchtet seine Nachfolger  vordringlich nach Kriterien der Ähnlichkeit. So schleift sich auch bei den Jungen in der Regel schnell ab, was Anlass zur Hoffnung auf Lebendigkeit geboten hätte. Viele bleiben bis zur eigenen Unkenntlichkeit eher mit Partei und Karrierezielen verheiratet, als mit Volk und Wähler. Zu Guttenberg hat dies ein wenig anders gemacht. Das roch in seiner Außenwirkung leise nach der Spur eines oberfränkischen Obamas.
Wir Menschen wollen dieses “Yes, we can!“. Wir wollen Hoffnung haben und brauchen Bindung. Menschen lieben Popstars, weil sie Raum für Identifikation bieten. Und: Menschen lieben Fehler! Weil wir alle Fehler ohne Ende haben. Weil wir alle irgendwann einmal lügen und hoffen, dass wir nicht erwischt  werden. Deshalb die Welle um den Franken. Nur deshalb: der Mann war spürbar. Über alle Medien und Kanäle suchte der mediale Overkill sich seine Bühnen für Emotion: Für “Mit“ und “Gegen“, für Moral und Unmoral.  Die Bewegungen gingen weit hinaus über das, was in der Sache dem Thema angemessen war.
Aus der Distanz betrachtet wies Popsternchen zu Guttenberg eine Reihe von Führungsmängeln auf: Sein Umgang mit der Kundus- und der Gorch-Fock-Krise war Beleg massiver Defizite im Portfolio der Kernkompetenzen in Führungsrollen. Unabhängig von Moral und Ethik ist es aus rein fachlichen Gründen paradox, wenn jemand, der sich selbst in der Plagiats-Affäre derart lausig verteidigt an der Rolle als Bundeverteidigungsminister festhielte. Sein mit metallischer Stimme in der Ausstiegsrede bemühter Vergleich zwischen Plagiatsthemen und Afghanistan hatte darüber hinaus billigstes Butterfahrt-Niveau. Dennoch war er für manche deshalb Hoffnungsträger, weil er Identifikation und Projektion ermöglichte. Wähler wollen keine seelenlosen Maschinen und Menschen wollen von richtigen Menschen geführt werden. Wenn Politik verstanden hat, dann hat sie lernen können: Das Ende von Berührbarkeit ist auf Dauer nicht zu akzeptieren. Diese Entscheidung ist endgültig.
Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Wie wird es weiter gehen? Der Focus berichtet heute von möglichen Umzugsideen des Franken in die USA und von Angeboten einer amerikanischen Consulting-Company. Diese Entwicklung war vorhersehbar und ist logisch. Zu Guttenberg erhielte dort den letzten Schliff: Ganz in der Konsequenz der inneren Logik vieler amerikanischer Consulting – Häuser würde er funktionaler, routinierter und noch ein wenig kälter werden. Er würde lernen, die eigene Oberfläche zu polieren und hätte die nötige räumliche Distanz, die dem paradoxen Bild eines Ex-Verteidigungsministers in der Schusslinie entgegenwirken würde. Vielleicht schreibt er ein Buch -oder lässt es schreiben- und beginnt später mit etwas Abstand, bei den üblichen Verdächtigen präzise gesteuerte Interviews zu planen. Irgendwann, in Verbindung mit einem Kundenbesuch in Europa wird er in einer Talkshow auftreten und zeigen, was er in den USA gelernt hat. Das Format und sein Moderator werden mit Bedacht ausgewählt: Das Gespräch selbst wird retrospektiv die Demissions-Vorgänge berühren, aber letztlich Theodor als jemand zeigen, der gelernt hat, sich entwickelt hat und auf dem Boden dieser “schmerzlichen, aber wichtigen Erfahrung“ mit solider Distanz nach vorne schaut. Fragen nach der Rückkehr in die Politik wird er mit der amerikanischen Souveränität routinierter Oberflächlichkeit ebenso wenig klar beantworten, wie er diesen Weg für sich ausschließen wird.
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, und irgendwann vielleicht ist er auch politisch wieder da. Wie eine Powerpoint-Folie aus der Asche. Vielleicht ist dann aus der fränkischen Obama-Kopie eine professionelle Beraternase geworden. Mit ihm hätte die deutsche Politik einerseits ihre Schmerztablette bei andererseits demselben emotionalen Infarkt. Alles bliebe, wie es ist: nur auf höherem Niveau.

Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

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