Falsche Freunde: das überschätzte Netzwerk

Für fast zwei Wochen starrten die Medien und unzählige Politik-Berater gespannt auf die Wachstumsraten der Pro-Guttenberg-Bewegung bei Facebook. Es entstand der Eindruck, als ob sich in dem Social Network eine riesige Protestbewegung bilden würde. Nach den Flop-Demos vom Wochenende wissen wir: Wenn es um echtes politisches Engagement geht, entpuppen sich die über 580.000 Facebook-Fans zu 99 Prozent als falsche Freunde. Neun Thesen, warum Facebook die Fans nicht auf die Straße bringt.

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Facebook bringt in Deutschland (fast) niemand auf die Straße
In Deutschland blieb am Wochenende die Facebook-Revolution aus. Nur wenige Menschen folgten dem Aufruf der riesigen Pro-Guttenberg-Gruppen bei Facebook. De facto standen auf den Marktplätzen mehr Kritiker als Fans des Politikers. Die logische Schlussfolgerung: Facebook bringt in Deutschland (fast) niemanden auf die Straße – zumindest, wenn es um konservative Themen geht. Bei eher linken Anliegen dürfte der Aktivierungs-Schnitt ein wenig besser sein.

Die Nutzer liken den Hype
Nicht umsonst sprechen die Web- und Werbe-Experten von einer viraler Verbreitung. Wie ein Virus können sich im Netz Hypes in rasender Geschwindigkeit ausbreiten. Ob das Opossum Heidi, Felix Magath oder Karl-Theodor zu Guttenberg: Es lässt sich kaum vorhersagen, wie in den sozialen Netzwerken Trends entstehen. Ab einer gewissen Masse und bei der richtigen Verbreitungsgeschwindigkeit lässt sich dann aber fast genau voraussagen, dass sich der Hype mit irren Wachstumskurven entwickelt. Das Erstaunliche: Der Trend wird zum Selbstläufer. Heißt: Die Leuten liken den Hype, nicht aber die Person oder die Philosophie, die dahinter steht.

Es geht um ein popkulturelles Statement
Die Freunde von Guttenberg sind keine Anhänger eines politischen Programms, sondern Fans eines politischen Popstars. Die Aktion ist mehr "Justin Bieber, als politisches Statement", analysiert Sascha Lobo gegenüber MEEDIA. Mit einem Klick auf den "Like"-Button geben die Nutzer ein undifferenziertes Bekenntnis zu Guttenberg ab, mehr aber nicht. Auf die Straße gehen sich deshalb noch lange nicht.

Facebook schafft ein Zugehörigkeitsgefühl, mehr aber noch nicht
Auch wenn die Guttenberg-Fans nicht auf die Straße gehen, schafft die Facebook-Gruppe trotzdem ein gewisses Zugehörigkeitsgefühl. Das zu nutzen, dürfte künftig ein knifflige, aber entscheidende Aufgabe für Politik- und Wahlkampf-Manager werden. Denn…

…Facebook funktioniert stark vertrauensbildend
Mit Hilfe des Netzwerkes lässt sich für ein Produkt oder eine Person ein positives Wohlfühl-Image schaffen. Wichtige Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Person oder das Produkt auch mit den Menschen kommuniziert. Genau das ist bei der Pro-Guttenberg-Gruppe nicht passiert.

Bei Facebook geht es nur um Kommunikation
Genauso wie beim Bloggen, geht auch in den sozialen Netzen vor allem um Kommunikation. Marken und Personen müssen mit ihren Fans reden. Ansonsten haben kurzfristige Hypes keine Chance, sich zu festigen und zu einem vertrauensvollen Verhältnis zwischen Marke und Nutzer zu werden. Für die Pro-Guttenberg-Gruppen heißt das: Solange das Idol der Fans, der CSU-Politiker selbst, nicht anfängt, zu seinen Anhängern via Facebook zu sprechen und zuzuhören, wird sich die Masse auch nicht anständig aktivieren lassen.

Freundeszahlen zählen nicht
PR-Agenturen, Redaktionen und Chefredakteure lieben Statistiken über die schiere Zahl der Facebook-Freunde. Nur leider sagen diese gar nichts aus. Nur weil jemand irgendwann einmal den "Like"-Button klickte, ist er noch lange kein zahlender Kunde oder aktiver Anhänger einer Marke, eines Titels oder einer Person.

Auf die richtigen Freunde kommt es an
Gerade im Internet zählt die Masse nicht so sehr, wie ein einzelner Experte: Denn Nachrichten, Botschaften und Meinungen verbreiten sich im Web immer dann am besten, wenn sie von einflussreichen Leuten weitergegeben werden. Ein typisches Beispiel ist Michael Spreng. Der Politik-Berater und Blogger ist längst einer der einflussreichsten politischen Kommentatoren in Deutschland, weil viele Journalisten sein Blog lesen. Am nächsten Morgen finden sich seine Einschätzungen in vielen Leitartikeln wieder.

Facebook-Hypes lassen sich nicht steuern
Wenn sich die Guttenberg-Anhänger wie Justin Bieber-Fans verhalten, ist klar, dass sie sich nicht wie eine normale politische Gruppe steuern lassen. Wie man mit solch einer Menge von Facebook-Freunden umgeht, wie man sie beschäftigt und sie bei Laune hält, ist für die meisten Admins noch völliges Neuland. Es scheint jedoch festzustehen, dass man nur einen geringen Prozentsatz der Fans tatsächlich aktivieren und steuern kann. Der Rest entpuppt sich nur allzu häufig als falsche Freunde.

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