Rätselraten nach dem Facebook-Fanflop

Eine halbe Million Online-Fans machen noch lange keine halbe Million realer Freunde: Während die Pro-Guttenberg-Welle im Sturmlauf Facebook eroberte, war auf den gestrigen Demonstrationen in 20 deutschen Großstädten nicht viel los. In Hamburg wurden tausend Protestler erwartet, es kamen jedoch nur 150. In Berlin, so die Welt, versammelten sich „zwei bis drei Dutzend junger Leute“, und man habe nicht gewusst, ob man an einer Demo für oder gegen Karl-Theodor zu Guttenberg teilgenommen habe. Eine Bilanz.

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Henryk M. Broder war für die Welt auf der Demonstration am Brandenburger Tor. Empfunden habe er sie als „lustiges Happening im Herzen der Hauptstadt“, aufgeführt von jungen Leuten, „die unter ‚politischer Kultur’ etwas ganz anderes verstehen als das, was ihnen täglich in der ‚Tagesschau’ geboten wird: Witz statt Empörung, Humor statt Moral, Subversion statt Parteilichkeit, Dada statt Donnerhall“. Einen so massiven Auftritt der urbanen Spaßguerilla habe Berlin lange nicht mehr erlebt.
In Hamburg sollte sie auf dem Gänsemarkt auflaufen, die Schar der Unterstützer des zurückgetretenen Verteidigungsministers. Über die Gruppe „Wir wollen Guttenberg zurück“ hatten sie sich via Facebook verabredet. Unter den rund 150 Demonstranten waren letztendlich mehr Guttenberg-Gegner als Unterstützer. Mit Plakaten wie „Bild + Guttenberg = Verdummung“ oder „Copy + Paste = Dr. Guttenberg“ taten sie ihre Meinung kund. Die Stimmung in der Menge war friedlich. Nach knapp einer Stunde brachen die Befürworter des CSU-Politikers ihre Zelte ab und zogen weiter, während die Gegner mit ihren Transparenten verharrten und den Gänsemarkt zu einer kleinen Partymeile machten.
Auch in Frankfurt und Köln blieb die Zahl der Fans mit etwa 80 Leuten weit hinter den Erwartungen zurück, schreibt Spiegel Online. Geplante Kundgebungen in Bremen, Hannover und Leipzig fielen mangels Interesse ganz aus.
Anders lief es laut Bild am Sonntag in Guttenberg, der oberfränkischen Heimatgemeinde des CSU-Politikers, ab. Dort seien mehrere tausend Unterstützer für ein Comeback des ehemaligen Verteidigungsministers auf die Straße gegangen. Vater Enoch zu Guttenberg sprach von einer „Menschenjagd“ auf seinen Sohn und hielt einen Kuchen mit der Aufschrift „Karl-Theodor, wir stehen zu Dir“ in den Händen.
Am Ende bleibt die Frage offen, wie es zu so einer Diskrepanz kommen kann. Eine halbe Million Menschen solidarisieren sich im Internet, also öffentlich, mit einem Politiker, sind dann aber nicht bereit, eine Stunde für ihn auf die Straße zu gehen. Wer klären kann, warum Facebook-Klick so leicht und das Demonstrieren so schwer fällt, kann vielleicht wirklich mal einen Sturmlauf lostreten.

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