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Phone-Hacking gefährdet Murdoch-Pläne

Bei News Corp brennen ständig einzelne Buschfeuer, aber der Phone-Hacking-Skandal um Murdochs britisches Boulevard-Blatt News of the World kommt denkbar ungünstig. Denn der Medien-Tycoon plant gerade die komplett-Übernahme des Pay-TV-Senders BSkyB. Diese Saga hat weite Kreise bis hin zur Downing Street und Polizei gezogen. Damit wird die Frage immer lauter, ob dieser Konzern noch mehr Einfluss in der britischen Medienlandschaft verdient. Die Entscheidung soll diese Woche fallen.

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Bei News Corp brennen ständig einzelne Buschfeuer, aber der Phone-Hacking Skandal um Murdochs britisches Boulevard-Blatt News of the World kommt denkbar ungünstig. Denn der Medien-Tycoon plant gerade die komplett-Übernahme des Pay-TV-Senders BSkyB. Diese Saga hat weite Kreise bis hin zur Downing Street und Polizei gezogen. Damit wird die Frage immer lauter, ob dieser Konzern noch mehr Einfluss in der britischen Medienlandschaft verdient. Die Entscheidung soll diese Woche fallen.

Die komplette Übernahme des Bezahlsenders BSkyB wäre der größte Deal in der Geschichte von News Corp. BSkyB hat 10 Millionen Kunden, betreibt Sender wie Sky News, Sky Sport und Sky Atlantic, und machte im letzten Jahr einen Profit von 855 Millionen Pfund (rund eine Milliarde Euro). Derzeit würde der Deal 7,5 Milliarden Pfund (rund 8,8 Milliarden Euro) kosten, womit fast die gesamten Barreserven von News Corp aufgebraucht wären. Aber der andauernde Skandal um Murdochs Klatschblatt News of the World brennt so lichterloh, dass der Deal möglicherweise von öffentlicher Seite auf die lange Bank geschoben wird. Damit ist das Bargeld von News Corp reserviert und kann nicht anderweitig investiert werden, auch wenn die Transaktion nie zustande kommt – so Murdoch-Biograph Michael Wolff in Mediaweek.

Die News of the World (NotW) ist die Sonntagsausgabe der Sun, und jede Woche kommt ein neuer Schlager aus der Gosse des Journalismus. Die Themenkreise Drogen/Alkohol, Mord/Totschlag sowie Fußballspieler-Sex werden mit zuverlässiger Regelmäßigkeit bearbeitet. Die Zeitung hat dafür ein ganzes Team hervorragender „Journalisten“, die zusammen mit freien Privatdetektiven im Namen der Pressefreiheit jeden Trick benutzen, um Auflagenrekorde zu garantieren. Der „Fake Sheikh“, Mazher Mahmood, zählt zu den Aushängeschildern mit etlichen Titelseiten. Im letzten Jahr fiel Prinz Andrews Ex-Frau Sarah Ferguson auf ihn rein: Mahmood posierte als Geschäftsmann, der ihren Ex kennen lernen wollte. Fergie verlangte 500.000 Pfund für die Bekanntmachung – und landete konsequent im NotW-Fettnapf.

Die Fake Sheikh-Methode war zwar erfolgreich, aber warum sollten Reporter ihren Schreibtisch verlassen: Phone-Hacking scheint, so die Anschuldigung, an der Tagesordnung gewesen zu sein. Einfach das Handy eines Promis anrufen, in die Mailbox einwählen und Nachrichten abhören – eine Goldgrube für die nächsten Aufmacher. Offenbar wurde die Privatsphäre von Hunderten von Persönlichkeiten kompromittiert, darunter die Schauspielerin Sienna Miller, der ehemalige stellvertretende Premierminister John Prescott und der Komiker Steve Coogan. Ein Richter sprach bereits von „industriellen Ausmaßen“.

Der Mann für diese Fälle war Glenn Mulclaire, ein Privatdetektiv, der pro Jahr 100.000 Pfund (rund 118.000 Euro) bei Murdochs Zeitung verdiente – bis 2007, als er für sechs Monate wegen Phone-Hackings ins Gefängnis musste. Zusammen mit dem Adelskorrespondenten der NotW, Clive Goodman, hatte er Telefone von Angestellten des Buckingham Palace angezapft. Goodman musste ebenfalls in den Knast, aber die Zeitung beteuerte immer, dass die beiden Einzeltäter waren.

Diese Ausrede wird immer blasser. Im Januar wurde Nachrichtenchef Ian Edmondson suspendiert angesichts des Vorwurfs, er habe Sienna Millers Telefon angezapft. Der ehemalige Chefredakteur der NotW, Andy Coulson, der nach dem Urteil gegen Mulclaire in 2007 zurücktrat und zum Pressesprecher von David Cameron wurde, musste Downing Street wieder verlassen, nachdem ihm Mitwissen der illegalen Tätigkeiten seiner alten Redaktion vorgeworfen wurde. Coulson hat diese Anschuldigungen immer abgewiesen.
Neben Coulson wird die Londoner Polizei, die Metropolitan Police (Met), angeklagt, diesen Fall nicht ausreichend untersucht zu haben. Opfer wurden nicht kontaktiert, obwohl die Polizei die Namen aus Mulclaires Notizen hatten. Und selbst als einige Stars nachfragten, ob ihre Details in den Akten auftauchten, bekamen sie nicht immer die korrekte Auskunft. Angeblich gab es so viele Namen, dass man nicht jeden identifizieren konnte. Die Welle von Beschwerden und Klagen nimmt nicht ab (eine schöne Grafik zum Thema gibt es hier).

Für Rupert Murdoch haben die Phone-Hacking Enthüllungen einen großen Schatten auf seine Pläne für BSkyB geworfen, der bis zur Downing Street reicht. Murdoch ist bekannt für seine konservative politische Einstellung und seine Nähe zu unserer derzeitigen Regierung. Vielleicht war es kein Wunder, dass sein Zögling Andy Coulson zum Pressesprecher in No. 10 wurde. David Cameron selbst wurde scharf dafür kritisiert, dass er sich mit Murdochs Sohn James über Weihnachten privat traf – auf dem Landsitz von Rebekah Brooks, der Chefin von News Corps Zeitungssparte News International.

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Einige Tage zuvor hatte erst Cameron die Entscheidung über den BSkyB-Deal an seinen treuen Medienminister Jeremy Hunt gegeben. Bis dahin war der liberal-demokratische Wirtschaftsminister Vince Cable dafür zuständig gewesen. Der gilt als schwierig. In einem bizarren neuen Twist fiel Cable Undercover-Reporterinnen des Daily Telegraph zum Opfer. Er habe Murdoch den Krieg erklärt , sagte er vor versteckter Kamera. Ethisch fraglich, inhaltlich durchaus eine Meldung wert, aber der Telegraph veröffentlichte die Zitate nicht. Stattdessen wurden Cable’s Worte anonym an einen BBC-Korrespondenten weitergegeben, der postwendend einen Blog-Eintrag daraus machte.

Die Telegraph Media Group ist gegen den BSkyB-Takeover und wendete sich in seltener Solidarität mit seinen Konkurrenten Daily Mail, Daily Mirror, Guardian sowie der BBC und Channel 4 an Cable, um den Deal aus Gründen der Medienpluralität im Lande zu blockieren. Dem Minister danach zu schaden wäre nicht in ihrem Sinn gewesen. Daher wurde das Blatt unter Tony Gallagher beschuldigt, die Kommentare bewusst zurückgehalten zu haben. Die Investigationsfirma Kroll soll nun herausfinden, was genau passierte. Laut deren Vorab-Report wurde bislang kein Täter in der Redaktion gefunden.

Nun muss Jeremy Hunt entscheiden, ob er Murdochs geplantem Kauf zustimmt oder die Entscheidung an die Medienregulierungsbehörde Ofcom weitergibt. Das würde einen Entschluss um einige Monate verzögern, und bis dahin könnte der Preis für Murdoch schon wieder nach oben gehen.

Angesichts des Phone-Hacking Skandals ist die Volksstimmung negativ. Ständig wird neues Öl auf die Flammen gegossen: Enthüllungen über Abendessen von News International-Managern mit leitenden Polizisten während der Ermittlungen, eine Verleumdungsklage des Anwalts einiger Hacking-Opfer gegen die Polizei, dazu die Meldung, dass James Murdoch in 2008 dem Hacking-Opfer Gordon Taylor (Vorstand der Professional Footballers Association) außergerichtlich eine Entschädigung von 700.000 Pfund (826.000 Euro) zahlte und damit von den Praktiken wusste.

Für Hunt oder Ofcom muss sich die Frage stellen, ob man diesem Konzern noch mehr Einfluss auf die britische Medienszene geben soll. Mulclaire war offensichtlich kein Einzeltäter, noch ist die Ignoranz von journalistischen Standards kein Einzelfall im Hause News Corp – siehe Fox News in den USA. Um die Zustimmung zur Übernahme von BSkyB zu bekommen, hat der Medienmogul vorgeschlagen, Sky News und die News International Zeitungen voneinander unabhängig zu leiten.

Bei so viel Ärger kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag (11. März) kann man dem Australier nicht verübeln, dass er seine Familie um sich scharen und deren Einfluss im Unternehmen sichern will. Und was sagt mehr über Familienliebe aus, als ein fetter Deal: Letzte Woche kaufte er die Fernseh-Produktionsfirma Shine seiner Tochter Elizabeth für 415 Millionen Pfund (489 Millionen Euro) in Aktien ab. Nun sind drei von vier Murdoch-Kindern im News Corp-Vorstand. James ist für das Geschäft in Asien und Europa zuständig, Lachlan macht die Zeitungen in Australien, und angesichts der TV-Affinität wird Elizabeth wohl das Fernsehprogramm gestalten. Damit wäre sie für den profitabelsten Teil von News Corp verantwortlich.

Hoffnung auf ein friedliches Familientreffen auf der Chef-Etage macht das aber trotzdem wenig. Elizabeths Ehemann ist Matthew Freud, Urgrossenkel von Sigmund Freud, einflussreicher PR-Macher und ausgesprochener Kritiker von Fox News. Sollte Murdoch Senior den Zuschlag bekommen und Befürchtungen einiger Medienbeoachter wahr werden lassen, dass Sky News zum europäischen Fox News verkommt, wird das nächste Familienfest weniger harmonisch aussehen. Aber David Cameron ist auch mit Freud befreundet – er wird sicher weiter gern vorbeischauen.

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