Spiegel vs. Bild: „Irgendwie auch verlogen“

Der Spiegel macht in seiner aktuellen Geschichte mit der Bild unter dem Titel “Die Brandstifter” auf. In den Blogs und den Medienressorts scheint die Blattkritik nicht zünden zu wollen. Die Geschichte enthülle nichts Großes und sei "irgendwie verlogen", meint Christopher Keil in der SZ. Steffen Grimberg resümiert in der taz, dass der Spiegel unter Georg Mascolo spürbar linker wird. Robin Meyer-Lucht spricht sogar von einer “enttäuschenden Spiegel-Melange aus Geschichtchen”.

Anzeige

Steffen Grimberg in der taz: "Vorbei die Zeiten, als sich zwischen den Hamburgern vom Spiegel und den neu-Berlinern von Bild unter ihrem langjährigen Chefredakteur Stefan Aust so manche Blattlinien kreuzten. Gemeinsam verkämpfte man sich erfolglos gegen die Rechtschreibreform, propagierte den Politikverdruss der breiten Masse und schrieb Angela Merkel hoch. Unter seinen neuen Chefredakteuren Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron wird der Spiegel wieder spürbar linker. Welcome back! (…) Spektakulär Neues erfährt man allerdings nicht im Spiegel-Titel. Claudia Roth (Grüne) und Ottfried Fischer (Bulle von Tölz) schildern nochmal, wie das Blatt jeweils mit ihnen Schlitten fuhr. Politisch motiviert war es bei der einen (Roth), schlicht spermatittengeil bei dem anderen (Fischer). Die Auffahrt des Karl Theodor zu Guttenberg in den Polit-Olymp und die Treue Abwehrschlacht seiner "Leibgarde" in der BildRedaktion wird zwar gewürdigt, doch die ist dem Springer-Blatt kaum allein vorzuwerfen: Auch die Welt steht im Zweifel in Treue fest zum jetzt doktortitellosen Freiherrn."

Christopher Keil in der Süddeutschen Zeitung: Die Titelgeschichte jetzt, die nichts Großes enthüllt, arbeitet sich stellenweise sehr an dem BildTrick ab, sich als Leitmedium zu gerieren – aber ein Leitmedium ist Bild nicht. Lesenswert ist die Cover-Geschichte dennoch, wenngleich Gerhard Henschel 2006 in seinem Buch Gossenreport. Betriebsgeheimnisse der Bild-Zeitung am eindrucksvollsten in der jüngeren Zeit die Folgen der Bild-Berichterstattung darstellt. Ob Bild ’nicht viel gelungener ist, als ein Gebildeter unter seinen Verächtern es je porträtieren oder karikieren könnte‘ hatte Rudolf Augstein angesichts des Böll-Abdrucks gefragt. Und hinzugefügt: Ob Bild nur Bild sei oder ob nicht auch in piekfeinen Blättern ‚ein mordlüsternes Stück Bild steckt (vom Spiegel gar nicht zu reden)‘: darüber könne ’nun gehakt und gerangelt werden‘. Die Spiegel-Aufmachung mit Bild zeigt jedenfalls, dass Medien, die Multiplikatoren für Themen und Stimmungen in einer Gesellschaft, nicht dort ihren blinden Fleck haben dürfen, wo sie mit sich selbst konfrontiert sind."

Robin Meyer-Lucht auf Carta: "Der Artikel besteht leider aus einer enttäuschenden Spiegel-Melange aus Geschichtchen, Befindlichkeiten, Analyse-Fragmenten und irgendwelchem Füllstoff: Wie genau passt die zu Guttenberg-Protektion durch Bild mit dem Rechtspopulismus-Vorwurf zusammen? Wie genau lief die diskursive Inszenierung der zu Guttenberg-Verteidigung in Bild? Wie lautet die rechtspopulistische Agenda von Bild? Wie hat sich die Medienlandschaft um Bild verändert, sodass Bild derart hervorsticht? All diese Fragen bleiben in der Spiegel-Geschichte im Ungefähren. Der Text wirkt wie eine hastig mit Bordmitteln zusammengeklaubte Ansammlung von längst Bekanntem. Auch ein Interview mit Bild-Chefredakteur Kai Diekmann vermag wenig Bemerkenswertes zu produzieren."

Lukas Heinser auf CoffeeAndTV: "Genau das war ja die Motivation von Stefan Niggemeier und Christoph Schultheis, als sie vor fast sieben Jahren BILDblog gegründet haben: zu zeigen, dass Bild eben “kein lustiges Quatschblatt” ist, wie Stefan es immer wieder ausgedrückt hat.
"

Christian Jakubetz auf JakBlog: "Was mich wundert: Man will also publizistisch einen Nachweis über die Gefährlichkeit der Bild liefern und deren Chefredakteur, einen bekanntermaßen brillanten Rhetoriker, ins Kreuzverhör nehmen. Und dann bringt man nicht mehr zusammen, als eine bessere Bildblog-Zusammenfassung (ohne den Namen Bildblog auch nur ein einziges Mal zu erwähnen). Zudem ein Interview, bei dem man den Eindruck nicht los wird, dass Diekmann es absolviert, ohne sich auch nur ein einziges Mal anstrengen zu müssen. In der Hausmitteilung nölt der Spiegel zwar, Diekmann habe lediglich routinierte Antworten gegeben, die man in leicht abgewandelter Form auch schon in anderen Interviews von ihm gelesen habe. Mag sein, umgekehrt trifft diese Aussage aber auch die Interviewer: Man hat leider auch nur Fragen gelesen, die Diekmann schon in etlichen anderen Interviews gestellt wurden. Dass Diekmann so nicht zu packen sein würde, hätte man eigentlich schon vorher wissen können."

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige