Die Bunte und das (un)autorisierte Interview

Ein Exklusiv-Coup der Bunten könnte für das People-Magazin zum Problem werden. In der aktuellen Ausgabe berichtet das Blatt auf dem Titel über den Sohn eines Politikers und Bestsellerautors. Es ist die Story vom verlorenen Sohn, der von Hartz IV lebt und kaum Kontakt zum Vater hat, der sich im Smoking beim Balltanz mit Gattin ablichten lässt. Und sie könnte teuer werden: Medienanwalt Christian Schertz hat die Illustrierte im Namen der Beteiligten bereits zur Unterlassung aufgefordert.

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Wie es in Berliner Medienkreisen heißt, soll der 30-Jährige, der dem Reporter des Magazins ein Interview gab, psychisch labil sein und deshalb angeblich sogar einen amtlich bestellten Vormund haben. Wenn das stimmt, wäre die Tatsache, dass er dem Reporter der Bunten offenbar freiwillig ein Interview in seiner Plattenbauwohnung gegeben hat, aus rechtlicher Sicht kaum als Legitimation für die Veröffentlichung des Artikels mit Foto und Klarnamen anzusehen: ein scheinbar aus freien Stücken gegebenes und freigegebenes Interview könnte sich am Ende als unautorisiert herausstellen.
Entsprechend verhalten war am Erscheinungstag auch das Echo auf die Enthüllungsstory der Münchner: Lediglich ein verlinkter Artikel fand sich am Donnerstag dazu bei Google News – ein Berliner Boulevardblatt hatte die Geschichte unter Berufung auf die Zeitschrift aufgegriffen. Doch beim Klick auf die Headline war der Text schnell nicht mehr zu lesen. Statt um die "Wahrheit über … Sohn" geht es dort um die "Jagd auf den doppelten Hammer", eine Werbung für ein lokales Online-Game der Zeitung. Am Freitag zogen einige weitere Medien nach, darunter die alternative Tageszeitung und die Frankfurter Rundschau, deren online verfügbarer Artikel ebenfalls alsbald nicht mehr verlinkt war.
Offensichtlich hatte Schertz, der einigen Medien bereits im Vorfeld der Veröffentlichung bei einer Übernahme mit rechtlichen Konsequenzen gedroht haben soll, direkt nach Erscheinen Unterlassungsbegehren ins Haus geschickt. Bei der Bunten will man dem dort ebenfalls geltend gemachten Anspruch allerdings vorerst nicht nachkommen. Wie aus dem Umfeld des Magazins verlautet, sei unklar, ob der Berliner Anwalt überhaupt legitimiert ist, den Sohn des Ex-Politikers zu vertreten. Dieser hatte offenbar eine auf ein "Betreuungsbüro" lautende Vollmacht vorgelegt.
Viele Blattmacher der Hauptstadt ließen nach Informationen von MEEDIA nach intensiver interner Diskussion die Finger von dem Thema, weil sie presse-ethische Bedenken hatten, die Geschichte eines labilen Menschen für ein Massenpublikum aufzubereiten. Dabei war der Anreiz, die Story zu bringen, nicht gering: So hatte sich der Vater des interviewten Sohnes öffentlich wiederholt kritisch über sozial Schwache geäußert und damit eine öffentliche Diskussion losgetreten. Dass sein eigener Sohn nun nach Darstellung der Bunten von Hartz IV lebt, mag Teil des geschützten Privatlebens Prominenter sein, wie Medienanwälte gern argumentieren, oder auch nicht – dies wird von Blattmachern wie Juristen höchst unterschiedlich bewertet und ist Bestandteil einer seit Jahren schwelenden Debatte über die Grenzen des Rechts auf Berichterstattung.
Der springende Punkt im aktuellen Fall ist jedoch die Frage, ob hier – wie Anwalt Schertz argumentiert – eine "Ausnahmesituation ausgenutzt" worden ist, in der das Magazin sich das Interview verschaffte. Aus dem Umfeld der Bunten verlautet dagegen, man habe sich in der Sache nichts vorzuwerfen. Dem Vernehmen nach war das mehr als einstündige Interview bereits am 31. Januar geführt worden, Fotoshooting in der Wohnung des Politiker-Sohnes inklusive. Doch erst nach der Veröffentlichung sei das Anwaltsschreiben eingegangen. Auch von einer möglichen psychischen Instabilität des Betroffenen will beim Magazin niemand etwas gewusst haben, dazu habe es "null Hinweise" gegeben. Im Gegenteil: Der Sohn habe einen klaren Eindruck gemacht und sehr genau abgewogen, was er im Interview sagen wollte. Zudem gebe es ein öffentliches Interesse daran, dass der Vater sich öffentlich an Klischees abarbeitet, während er im engsten familiären Umfeld mit der Realität der Hartz IV-Empfänger konfrontiert sei.
Auf Anfrage von MEEDIA wollte sich Bunte-Autor Tobias Lobe, der das Interview führte, zu Detailfragen nicht äußern. Er ließ aber mitteilen: "Die Geschichte ist absolut korrekt zustande gekommen. Wir stehen dazu." Es ist davon auszugehen, dass Anwalt Schertz, der wie zu hören ist sowohl den Vater wie den Sohn vertritt, vor Gericht gehen wird, um seinen Unterlassungsanspruch durchzusetzen, und auch der Presserat könnte sich noch für diesen Fall interessieren.
Nachtrag, 25.02., 17.45 Uhr: Bei einem Schnell-Check am frühen Freitagabend zeigt sich, dass neben der FR Online auch der WAZ-Webauftritt DerWesten.de einen Artikel mit dem in der Bunten genannten Klarnamen offline gestellt hatte. Focus Online, Bunte.de, die Website des Berliner Kurier sowie taz.de blieben bei ihrer Darstellung der Geschichte. Gegenüber MEEDIA erklärte Anwalt Christian Schertz unterdessen, dass er Medien im Rahmen eines "presserechtlichen Informationsschreibens" aufgefordert habe, die Berichterstattung von Bunte nicht zu übernehmen. Dies sei in den "meisten Fällen" auch geschehen. Und Schertz kündigt an: "Gegen alle, die sich nicht daran halten, werde ich rechtlich vorgehen."

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