„Das Projekt ist ein ur-journalistisches“

Ihre Webisodes dauern kaum länger als das Eintippen eines Tweets: In "140 Sekunden" erzählen Journalist Tim Klimes und Filmemacher Robin Greene die Geschichten hinter spannenden Twitter-Botschaften. Auch die User sind nach dem Crowdsourcing-Prinzip aufgefordert, ihre Lieblings-Tweets einzusenden. Eine schöne Idee, die kürzlich mit dem deutschen Webvideopreis honoriert wurde. Im Gespräch mit MEEDIA erzählt Klimes, warum er das Twitter-Image verbessern will und sein Projekt ein "ur-journalistisches" ist.

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Wie entstand die Idee zu "140 Sekunden"?
Als Twitter hierzulande im medialen Mainstream angekommen war, habe ich beinahe nur Schlechtes darüber gelesen: Wie banal der Dienst sei, wie nutzlos. Ich habe das nicht verstanden: Mich hat Twitter wahnsinnig unterhalten. Wie oft habe ich Tweets gelesen, die mich zum Schmunzeln gebracht, verwundert oder geärgert haben. Irgendwann hatte ich das Bedürfnis, irgendetwas gegen das schlechte Image zu stellen und zu beweisen, dass hinter 140 Zeichen mehr stecken kann. Die Idee war dann relativ schnell geboren – immerhin ist sie denkbar simpel. Im Grunde ist das Projekt ein ur-journalistisches: Menschen mit interessanten Geschichten aufstöbern und sie selbst erzählen lassen. Einzig das Medium über das die Geschichten generiert werden ist neu: Twitter.

Sind 140 Sekunden nicht etwas kurz um eine Geschichte zu erzählen?
Es ist eine sportliche Länge, sagen wir es so. Aber darin liegt auch der Reiz. Je straffer eine Geschichte aufgebaut ist, je prägnanter man sie rüberbringt, desto leichter ist sie auch zu konsumieren. Die Zeitbeschränkung tut dem Format gut, würde ich sagen.

Wie aufwendig ist es eine Episode zu produzieren?

Die erste Recherche läuft im Grunde nebenbei, da ich sowieso oft bei Twitter rumhänge – da fallen einem viele Tweets sozusagen zwangsläufig auf. Als ich Deefs Tweet für die erste Folge ausgewählt hatte, haben wir beide länger miteinander telefoniert, und er hat mir die Geschichte hinter seinem Tweet ("Du gehst ans Telefon und die New York Times ist dran …") erzählt. Dann haben Robin Greene und ich uns mit ihm getroffen und knapp eineinhalb Stunden gedreht, der Schnitt dauerte dann einen Tag. Ohne eine wirkliche empirische Erhebung zu haben, kann ich wohl sagen, dass eine Folge an netto zwei Arbeitstagen produziert sein kann.
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Am 1. Februar 2011 ging die Serie online, schon drei Wochen später gab es den Webvideopreis. Ein Motivationsschub?
Und wie. Wir hatten nicht damit gerechnet, mit diesem jungen Projekt gleich den Webvideopreis zu gewinnen. Der Preis ist ein tolles Zeichen, nicht nur für uns, sondern für das ganze Genre. Er wertet Webvideos auf, was schon lange überfällig war. Wir müssen alle nur unsere eigenen Browserfenster anschauen – Webvideos machen einen Riesenanteil des täglichen Surfens aus. Die Jury des Webvideopreises hat in ihrer Begründung gesagt, sie wolle uns ermutigen, mit dem Format weiterzumachen. Das lassen wir uns nicht zwei Mal sagen.

Wie finanzieren Sie Ihr Projekt?
Robin und ich haben das Projekt gemeinsam mit der AVE Fernsehproduktion [u.a. "on3-südwild", Anm. d. Red.] gestartet, für die wir beide arbeiten. Die AVE unterstützt das Projekt, und wir können auf ihre Ressourcen zurückgreifen. Für alles, was über die normale Produktion hinausgeht, brauchen wir allerdings Unterstützung. Wir experimentieren in diesem Projekt deshalb mit Crowdsourcing. Das heißt konkret: Wenn wir für einen Dreh durch Deutschland reisen müssen, werden wir das in Zukunft auf unserer Seite posten – und auf einen Couchsurfer hoffen, auf dessen Couch wir surfen können, oder einen Mitfahrer, der uns mitfahren lässt.

Wollen Sie auch irgendwann Geld damit verdienen?
Natürlich wollen wir irgendwann damit Geld verdienen, aber jetzt wollen wir aus dem Projekt vor allem lernen: Wie interagiert man bestmöglich mit einer Community? Funktioniert das Crowdsourcing-Prinzip, das wir gerade ausprobieren? Heißt: Schicken genügend User ihre Lieblings-Tweets ein? Haben sie Lust uns bei den Drehs zu unterstützen? Wollen sie wirklich teilhaben – oder letztendlich nur konsumieren? Wir setzen bei den "140 Sekunden" auf totale Transparenz. Im Optimalfall können unsere User die Entstehung einer Folge von der ersten bis zur letzten Sekunden begleiten. Das probieren wir jetzt aus. Am 01. März startete das erste Voting mit den Tweets, die bislang eingeschickt wurden.

Angenommen Ihnen ständen alle Mittel zur Verfügung. Welchem Tweet würden Sie gerne nachgehen?
Da gibt es viele, aber einer meiner Favoriten wäre definitiv der mutmaßlich erste Tweet überhaupt: Twitter-Mitgründer Jack Dorsey twitterte am 21. März 2006: "just setting up my twttr". Der Tweet ist sozusagen Voraussetzung für das, was wir heute machen. Ein paar Drehtage in der kalifornischen Twitter-Zentrale würden mir schon ganz gut gefallen.

Auf eurer Website, auf der Ihr die Menschen zum Mitmachen aufruft, steht, "Sascha Lobo hat immer Recht"…
Natürlich hat Sascha Lobo immer Recht.

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