„Brandstifter“: Spiegel rechnet mit Bild ab

Mit einer überraschenden Titelgeschichte wartet der Spiegel an diesem Montag auf. Nicht Gaddafi oder Guttenberg finden sich auf dem Cover, sondern ein Format füllendes Logo der Bild-Zeitung, gezeichnet aus Streichholzköpfen, dazu die Headline: "Die Brandstifter". Thema der elfseitigen Story: Springers roter Riese trete als Leitmediums auf, schlüpfe dabei aber in die Rolle einer rechtspopulistischen Partei. So ungewöhnlich der Titel ist, so groß ist die Enttäuschung: Neues liest man nicht.

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"Im Namen des Volkes" ist der Report überschrieben, für den sich nicht weniger als sieben Spiegel-Autoren verantwortlich zeichnen. Und er bietet die Ansammlung der üblichen Fälle umstrittener Bild-Berichterstattung, wie sie auch bei einem Uni-Proseminar über Wesen und Arbeitsmethoden von Boulevardmedien abgehandelt werden könnten. Praktisch alle Beispiele hätten die Rechercheure auch beim Bildblog finden können, das Fehler und Verstöße des Blattes seit Jahren penibel auflistet. Es ist eine der Merkwürdigkeiten des Spiegel-Artikels, das das Bildblog nicht mit einem Wort erwähnt wird.
Erste Frage jedoch: Warum diese Titelstory gerade jetzt, wenn das Enthüllungsmoment, die schlagende Nachricht fehlt? Offenbar war die Geschichte schon lange geplant. Wie es heißt, hatte man beim Spiegel aus Rücksicht auf die beiden lange im Iran inhaftierten Bild am Sonntag-Reporter mit einer Veröffentlichung gezögert, um diplomatische Kollateralschäden zu vermeiden. Denn einer der zentralen Vorwürfe gegen die Bild im Artikel ist, dass diese eine diffuse Fremdenfeindlichkeit schüre. Begründet wird dies mit einer Reihe von Schlagzeilen sowie der Berichterstattung der Bild zur Verschuldung Griechenlands und der Euro-Krise ("Von uns griecht ihr nix").
Nun kann man einen solchen Standpunkt ja vertreten; es ist allerdings reichlich kontraproduktiv, wenn das eigene Medium in diesem Zusammenhang quasi einräumt, selbst für den Abdruck des stimmungsmachenden Sarrazin-Buches "Deutschland schafft sich ab" auch noch ein Honorar gezahlt zu haben. Genau das behauptet Bild-Chefredakteur Kai Diekmann im abgedruckten Interview. Um diese und andere Spiegel-kritische Passagen hatte es im Vorfeld offenbar einiges Autorisierung-Gerangel gegeben. Letztlich blieb die Aussage drin, womit der Spiegel seine Zahlung für die Sarrazin-Rechte zugibt. Immerhin das hat Nachrichtenwert…
Aufhänger und Einstieg des Artikels ist (natürlich) der Fall Guttenberg, bei dem sich die Bild kompromisslos auf die Seite des Ministers geschlagen hat. Das mag man nicht gut und nicht sehr journalistisch finden, aber die Parteinnahme des Blattes ist offen, leicht durchschaubar und so neu nicht: Die Financial Times Deutschland hat mit Wahlempfehlungen für Branchendiskussionen gesorgt, auch der Spiegel steht durchaus im Ruf, Kanzler zu machen und diese bei einem späteren Meinungswandel wieder niederzuschreiben. Dass der Politikexperte und frühere BamS-Chefredakteur Michael Spreng Bild (und übrigens auch die Bunte) als "Fanorgan" von zu Guttenberg einstuft, trifft wohl den Kern – scheint aber eher eine Geschmacksfrage als ein handfester Skandal.
Was findet sich sonst in der Spiegel-Story: eine archivschwangere Auflistung von Schlagzeilen, die das Blatt oder dessen Kritiker produzierten – von Böll und Wallraff bis Grass, vom Papst bis zum "Pipi-Prinzen", von Ottfried Fischers "Schmuddel-Vid eo", das einem Reporter eine Geldstrafe wegen Nötigung einbrachte, bis hin zu Diekmanns Kohl-Biografie oder der Geschichte, wie Grünen-Politikerin Claudia Roth gegen alle Widerstände eine Gegendarstellung durchdrückte. Oder aktuelle Beispiele wie das Herumlavieren der Bild-Chefs mit unterschiedlichen Ergebnissen von Guttenberg-Umfragen bei On- und Offline-Votings. Das ist alles durchaus nett zu lesen, aber weidlich bekannt und als Paket unter dem üblichen Anspruch einer Titelgeschichte des Magazins.
Entsprechend fallen auch die ersten Reaktionen aus. Der Journalist und Fachdozent Christian Jakubetz notiert in seinem Blog enttäuscht über die Coverstory: "Man liest Dinge, die jeden Tag bei ‚Bildblog‘ hinreichend dokumentiert sind und man wundert sich, wo eigentlich die eigene Rechercheleistung einer Truppe von Titel-Autoren bleibt. Der gesamte Titel liest sich wie eine Zusammenfassung der besten Bildblog-Geschichten der letzten zwei Jahre, garniert mit ein paar eigenen Einschätzungen und ein paar Hintergrundgesprächen…" Die Süddeutsche Zeitung konstatiert: "Die Harmonie der Nach-Augstein-Ära ist vorbei. Der Spiegel greift Bild, Deutschlands Boulevard-Blatt Nr. 1, wieder frontal an. Guttenberg und Sarrazin sei Dank. Doch irgendwie ist das auch verlogen."
Unterm Strich ist dies auch der springende Punkt. Nicht das, was in der Geschichte zu lesen ist, hat letztlich Relevanz, sondern dass sie in dieser Größe und Aufmachung erscheint. Die von der SZ benannte "Nach-Augstein-Ära" beim Spiegel war seit Mitte der 90er Jahre dadurch geprägt, dass es kaum kritische Artikel über Wettbewerber oder Konkurrenzverlage gab, der Burgfrieden zwischen Spiegel und Focus etwa ist geradezu legendär. Diese Rücksichtnahme scheint in der Branche nun zumindest umstritten. So hatte auch der stern im vergangenen Jahr Recherchemethoden angeprangert, die von einer Agentur im Auftrag der Bunten angewandt worden waren. Damals hielt man sich beim Spiegel eher raus. Und auch sonst stand die seit drei Jahren amtierende Chefredaktion durchaus auch für Diplomatie im Umgang mit anderen Verlagen. So erinnert man sich an ein bitterböses Manuskript mit dem Arbeits-Titel "Eine schrecklich nette Familie", das Schieflagen in einem großen deutschen Zeitschriftenhaus enthüllte. Der Artikel erschien nach Intervention des Alt-Verlegers nicht, stattdessen gab es im Spiegel ein Interview mit dem Verleger zu lesen, in dem er den Magazin-Journalisten bei kritischen Themen vorhalten durfte, die Fragen hätten kein Spiegel-Niveau.
Auch mit dem großen Bild-Report tut sich der Spiegel nicht unbedingt einen Gefallen. Neben den Unstimmigkeiten im eigenen Verhalten im Umgang mit der Sarrazin-Debatte geht die Redaktion auch aus dem Interview mit Bild-Chef Diekmann nicht gerade als Punktsieger hervor. Dass dieser auch hochkompetente professionelle Fragesteller in Erklärungsnot bringen kann, hatte er zuletzt im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung unter Beweis gestellt. Im aktuellen Spiegel ist nun ein Schlagabtausch zu lesen, bei dem der Redakteur mehrfach in die Defensive gerät.
Nun bleibt abzuwarten, wie die Leser den Titel aufnehmen werden – auch die in den Vorstandsetagen der Medienhäuser. Und beim zentralen Punkt des Bild-Engagements für Karl-Theodor zu Guttenberg ("Gut, dass er bleibt!") wird man sehen, ob der Minister unter dem zunehmenden Druck auch aus der eigenen Partei nicht doch in den nächsten Tagen aufgibt und zurücktritt. Dann wäre er nicht dank Bild-Hilfe "unstürzbar" (Spreng), und die Spiegel-Geschichte von der Allmacht des roten Riesen bekäme einen gehörigen Knacks. Für Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo ist zumindest das Timing unglücklich, denn ausgerechnet beim ersten von ihm allein verantworteten Titel kündigt der Spiegel den Branchen-Kodex der Vergangenheit auf – was sicher für alle dann leichter nachvollziehbar wäre, wenn die Recherchen mehr Brisantes zutage gefördert hätten.

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