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„Tatort“: Batus Kampf gegen die Organmafia

Ausgestattet mit Goldkettchen, Kunstlederjacke und Oberlippenbart wird Undercover-Cop Cenk Batu in eine skrupellose Organhändlerbande eingeschleust. Mitten in Deutschland werden wehrlose Kinder als Ersatzteillager für Reiche missbraucht. Im Gegensatz zu den Filmopfern will "Leben gegen Leben" dem Zuschauer trotz Horror-Geschichte nicht so recht an die Nieren gehen. Die moderne Erzählweise, die den Hamburger "Tatort" auch diesmal auszeichnet, geht auf Kosten der emotionalen Bindung.

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Kaum aus dem Türkeiurlaub zurück, muss der verdeckte Ermittler Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) auch schon in seine nächste Rolle schlüpfen. Versorgt mit einer neuen Scheinidentität ("Vater Serbe, aber früh gestorben, hier aufgewachsen, spricht nur deutsch"), schleust ihn LKA-Einsatzleiter Uwe Kohnau (Peter Jordan) als kleinkriminelles Mitglied in eine Organhändler-Bande ein, die zwischen Balkan und Deutschland agiert.

An die Drahtzieher im Hintergrund kommt Batu, der als Fahrer nur einfache Botengänge erledigt, zunächst nicht heran. Das ändert sich, als er vom kriminellen Mastermind Robert Feldmann (großartig fies gespielt von Stephan Bissmeier) den Auftrag bekommt, die 14-jährige Amelie (Michelle Barthel) abzuholen. Er soll das Straßenmädchen zur Schlachtbank liefern und bekommt damit die Chance, an die Hintermänner der Organmafia heranzukommen. Der Undercover-Cop steht vor eine Gewissenfrage: Kann er ein Leben gefährden, um weitere Opfer zu schützen? Batu muss einen Weg finden, Amelie auszuliefern, ohne die Aussteigerin, zu der er schnell eine Bindung aufbaut, zu verlieren.

In den ersten 30 Minuten wird mit klassischen Erzählformen gebrochen und kräftig vor- und zurückgeblendet. Willkommen in der Postmoderne. Einen tieferen Sinn hinter der durch die verschiedenen Zeitebenen entstehenden Verwirrung mag man jedoch nicht erkennen. Es wird von einer Szene zur nächsten durch die Hansestadt gehetzt. Die verknappte Erzählweise und die häufigen Ortswechsel bringen es, wie Regisseur Nils Willbrandt erklärt, mit sich, "dass man nicht, wie bei einem normalen Film, 80 Bilder erzählt, sondern 170 Bilder". Das bringt zwar Dynamik, lässt den 90-Minüter mitunter aber reichlich abgehackt wirken.

Die Sprunghaftigkeit macht es dem Zuschauer zudem unheimlich schwer, sich in den Fall einzufinden: Zu unzureichend werden – zu Gunsten der Formalität – Emotionen vermittelt. Die schnelle Montage sorgt dafür, dass Kurtulus‘ wie immer erstklassiges Spiel kaum zur Geltung kommen kann. In wenigen ruhigen Momenten – beispielsweise als Batu Amelie auf der Straße findet und anschließend verarztet – merkt man, welches Potential in dem komplizierten Beziehungsgefüge zwischen Batu und Amelie steckt. Da wäre noch mehr drin gewesen, gerade weil auch die 17-jährige Nachwuchsschauspielerin Barthel ihre Rolle des verstoßenen Mädchens, das niemandem mehr vertraut, mit Bravour meistert.

Auch der vierte Hamburger "Tatort" präsentiert sich, wenn auch allzu gewollt, innovativ und ist anders als die üblichen "Wo waren Sie eigentlich zwischen 21 und 23 Uhr?"-Krimis. Was beim zweiten Batu-Fall "Häuserkampf" deutlich besser funktioniert hat, nämlich einen rasanten Undercover-Thriller zu erzählen, gelingt hier leider nur in Ansätzen. "Leben gegen Leben" entwickelt schnell eine gewisse Dynamik, der aber etwas der Fluss fehlt. Unter der vermeintlich modernen Erzählung leiden Spannung und Mitgefühl, was dem "Tatort" – trotz erstklassigem Ensemble und schöner Optik – die mitreißenden Elemente raubt.

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