Winnenden und die Folgen des Amoklaufs

Zum zweiten Mal jährt sich am 11. März 2011 der Amoklauf von Winnenden, und die Wunden sind noch nicht geheilt. Das offenbart das Buch "Winnenden. Ein Amoklauf und seine Folgen". Geschrieben wurde es von Jochen Kalka, Chefredakteur des Branchendienstes W&V, der mit seiner Familie in der Kleinstadt lebt und seine Eindrücke über ein Jahr lang sammelte. Entstanden ist ein Buch, das reich an Perspektiven und fundierter Faktenlage ist und dabei einen Blick in die Gefühlswelt eines Vaters zulässt.

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Kalka hatte bereits drei Tage nach dem Amoklauf auf der W&V-Website seine Eindrücke gepostet. Als Bewohner von Winnenden und Vater zweier Töchter, die in der Nähe des Tatorts, der Albertville-Realschule, zur Schule gingen, erlebte er den Medienandrang vor Ort und schrieb sich den Ärger über die Sensationsberichterstattung der Kollegen von der Seele. Seine Artikel sorgten bundesweit für Aufsehen und hohe Klickzahlen auf wuv.de. Zudem schrieb er als Beobachter im engsten Umfeld einen Artikel für das Magazin der Süddeutschen Zeitung und den Journalist. Mit dem heute erscheinenden Buch legt der 46-Jährige erstmals eine subjektive Gesamtschau der Ereignisse um den Amoklauf Winnenden vor, der 2009 das Leben von 16 Menschen forderte.  
Der Autor beschreibt detailliert und einfühlsam, wie er das erste Jahr nach dem Amoklauf von Winnenden in der Stadt erlebt hat. Es sind Sätze, die er als Vater, Bürger und Nachbar verfasst hat – nie mit der Absicht, wie er im Nachwort anmerkt, daraus später einmal ein Buch zu machen. Die Notizen habe er anfangs nur für sich gemacht: "Vielleicht war es meine persönliche Art, das Ganze zu verarbeiten." Aus den persönlichen Eindrücken wurde immer mehr Recherche: in Gesetzen, bei der Polizei, bei Politikern. Neben den Vater, Bürger und Nachbarn als Buchautor trat der Journalist und Reporter. Daher ist es umso schwerer, sein Werk einem Genre zuzuordnen, weil es so viele Perspektiven und Eindrücke bietet, die nicht nur von einem Beobachter, sondern von einem Betroffenen stammen und dazu mit nüchternen Fakten angereichert wurden.
Das Buch beginnt mit dem 11. März 2009, der die Kleinstadt in Baden-Württemberg in Angst versetzt, als ein siebzehnjähriger ehemaliger Schüler der Albertville-Realschule in Winnenden 15 Menschen und sich selbst tötet. Kalka ist zu diesem Zeitpunkt in der W&V-Redaktion in München und drei Autostunden vom Tatort entfernt. Seine beiden Kinder sowie seine Frau befinden sich jedoch in unmittelbarer Nähe. Die Töchter sind bereits in der Schule, als sich seine Frau auf den Weg zur Arbeit macht. Präzise schildert Kalka, wie sie im Auto die Nachricht aus dem Radio erfährt und sie eine SMS von der damals elfjährigen Tochter erreicht: „Amoglauf an Schule. Mind 1 toter, 2 verletzt. Pass auf!“ Um sie herum: Krankenwagen, Polizeiwagen. Nichts geht mehr auf den Straßen um Winnenden. Die Mutter verzweifelt an dem Gedanken, dass sich ihr Kind in der Schule gegenüber der Albertville-Realschule aufhält. Kalka, den die Nachricht während einer Redaktionssitzung erreicht, reagiert wie gelähmt.
Es sind sehr persönliche Einblicke, die Kalka seinen Lesern gewährt. Diese werden weder durch Wortwahl beschönigt noch künstlich dramatisiert. Die Szenen und Dialoge sprechen für sich, beispielsweise als er das Ketchup-Päckchen in der Griffelmappe seiner Tochter entdeckt und sie ihn aufklärt: "Wenn wieder ein Amokläufer kommt, schmier ich mich mit Ketchup voll und stelle mich tot." Das bedarf keiner weiteren Einordnung. Genauso wenig, wie wenn Kalka beschreibt, dass seine Älteste seit dem Amoklauf ein Weihnachtsgeschenk nicht auspackt und es aufhebt, für den Fall, dass sie wieder einen traurigen Tag erlebt, an dem sie durch das Geschenk Trost findet.
Neben der Aufarbeitung der Ereignisse in der Familie und in der Stadt im Allgemeinen sowie der Sachlage zu den in Deutschland geltenden Waffengesetzen, widmet sich Kalka in seinem Buch auch der medialen Auseinandersetzung mit den Ereignissen von Winnenden und Wendlingen. So habe es nach seinen Recherchen Fernsehteams gegeben, die trauernde Schüler vor die Kamera holten und ihnen für ihre tränenreichen Schilderungen 20 bis 100 Euro gaben. Ungeniert hätte sich die Journaille an Winnenden und seinen Einwohnern vergangen, so eines seiner Resümees. Kritisch sind seine Töne auch gegenüber dem Spiegel, der ein Foto des Täters auf den Titel hob und für Empörung in der Stadt sorgte. Auch Focus und der Mediendienst DWDL werden für ihre Berichterstattung kritisiert. Besser wäre es, so Kalka in einer vermeintlichen Überreaktion, wenn Medien nicht über Amokläufe berichten und schweigen würden. Dass das keine Lösung ist, weiß auch er als versierter Medienmann.
Dass es auch den Verlagen an Empathie fehlte, musste Kalka in eigener Sache spüren. Er beschreibt, wie er von einem großen Verlag angesprochen wurde, ob er als Winnender Bürger ein Buch über die Ereignisse schreiben wolle. Als sich im Gespräch mit der Verlagssprecherin jedoch herausstellte, dass er nicht direkt betroffen sei, weil er keine Angehörigen verloren habe, rückte der Verlag von seinem Angebot ab. Zitat Verlagsfrau: "Ach so, Sie haben gar keine eigenen Kinder verloren … Dann tut es mir leid. Dann haben Sie Pech gehabt …"
Mit DVA hat sich dennoch ein Verlag gefunden, der das Manuskript des Journalisten auch ohne dessen unmittelbare Betroffenheit gedruckt hat. Es ist ein Buch, das auf authentische Weise aufwühlt und empört und vielleicht zum Nachdenken anregt, bei der Berichterstattung über den nächsten Amoklauf anders vorzugehen.   

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