zu Guttenberg: “Der Lack ist endgültig ab”

Die anhaltenden Plagiatsvorwürfe gegen zu Guttenberg sind auch einen Tag nach den Recherchen der Süddeutschen Zeitung das beherrschende Thema in den Medien. Man diskutiert die Medienbranche die Tragweite seiner “Schlampereien”. Während DerWesten davon ausgeht, dass er nur “kleinere Schrammen davonträgt”, kritisiert die FinancialTimesDeutschland, dass Guttenberg sogar fremde Einschätzungen übernommen hat. Die F.A.Z. moniert: “Ein solcher Missgriff und Regelverstoß machen sprachlos.”

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DerWesten: "In der titelverliebten Wissenschaftsgemeinschaft mag es ein übles Vergehen sein, sich beim Abschreiben erwischen zu lassen. Guttenberg ist Politiker. Da gehört das kreative Hantieren mit wohlklingenden Textbausteinen (auch) aus anderer Leute Hirnwindungen fast schon zur Berufsbefähigung. Auf diesem Feld hat Guttenberg, ein Meister der Bedeutungsschwere vorgaukelnden Wortgirlande, es erstaunlich weit gebracht.
Adel verpflichtet – zu nichts. Das zeigen seine Umfragewerte. Sollte die Zahl nicht ausgewiesener Fremdzitate in seiner Promotion nicht ins Unanständige abgedriftet sein, wird der Hoffnungsträger auch diesmal zum Leidwesen mancher, die seiner häufigen Pseudo-Klugschwätzerei überdrüssig sind, nicht mehr als kleinere Schrammen davon tragen."

Welt: "Karl-Theodor zu Guttenberg ist bisher der Politiker, der sich in Stil und Substanz von so vielen anderen unterscheidet. Sein Nimbus beruht darauf, dass die Wähler glauben, Guttenberg lasse nirgendwo fünfe gerade sein. Er sei in Amt und Alltag ehrlich. Er habe den Anstand auch in kleinen Dingen. Er sei jemand, der niemanden übers Ohr haue, nur um auf den nächsten 50 Metern der Karriere zwei Meter vor dem Rivalen zu liegen. Wenn es einen Unionspolitiker gibt, dem man zutraut, in einer so oft beklagten Welt der gemeinen kleinen Regelverletzungen das Spiel der Übervorteilung anderer nicht mitzuspielen, dann ist es Guttenberg. Dieser Nimbus steht mit den Unregelmäßigkeiten in seiner Doktorarbeit auf dem Spiel."

Hamburger Abendblatt: "’Der Lack ist endgültig ab‘, sagte der SPD-Verteidigungspolitiker Rainer Arnold der Mitteldeutschen Zeitung. ‚So geht’s halt, wenn man sich zu sehr auf Hochglanz poliert.‘ Sollte Guttenberg der Doktortitel aberkannt werden, wäre er aus Sicht des SPD-Politikers auch als Minister nicht mehr zu halten. ‚Guttenbergs Glaubwürdigkeit wäre dann völlig zerstört‘, sagte Arnold. Koalitionspolitiker sprachen dagegen von einer ‚Schmutzkampagne‘ gegen den Minister. Der Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbands (DHV), Michael Hartmer, sieht angesichts der bisher geäußerten Vorwürfe gegen Guttenberg keine Grundlage für eine Aberkennung des Doktortitels. Er sagte der Financial Times Deutschland, bislang gebe es allenfalls Anlass für eine Rüge."

       

Spiegel Online: "Hat der Minister also eine seiner Reden in der Promotionsschrift zweitverwertet und dabei Jahre später übersehen, dass diese in weiten Teilen nicht von ihm selbst, sondern von den Wissenschaftlern des Bundestages verfasst worden war? Und sind irgendwo bei diesen vielen Verarbeitungsschritten die Fußnoten abhanden gekommen?
Vorstellbar wäre das zumindest. Aber helfen würde diese Erklärung zu Guttenberg kaum. Denn erstens gelten für akademische Arbeiten höchste Sorgfaltsregeln. Und zweitens gibt es etliche beanstandete Passagen in Teilen der Arbeit, die nicht im Zusammenhang mit ebenjener Fußnote stehen."

Rheinische Post: "Spätestens seit Uwe Barschel, dem unter obskuren Umständen ums Leben gekommenen früheren Kieler CDU-Ministerpräsidenten, ist das Ehrenwort in Deutschland ein heikler Punkt. Auch Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hat sein Ehrenwort gegeben. Und zwar, dass er seine Dissertation "selbstständig verfasst und keine anderen als die von mir angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt" hat. Diese ehrenwörtliche Erklärung könnte ihn nun in Bedrängnis bringen." 

Nürnberger Zeitung: "Kein Zweifel: Guttenberg hat geschlampert, was bei einem Werk von 475 Seiten – nein; nicht entschuldbar, aber vielleicht doch nachvollziehbar ist. Zumal in unserer Gesellschaft allmählich das Bewusstsein für geistiges Eigentum verschwindet. Durch die Einführung des Internets und den Zugriff auf ein sich ständig erweiterndes Datenreservoir sind wir alle versucht, über die Markier- und Kopierfunktion des Computers fremde Passagen in den eigenen Text einfließen zu lassen. Häufig fehlt schlichtweg das Problembewusstsein. Aber darf das einem Minister passieren?"

Bild: "Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet, Guttenberg habe auch aus einem ihrer Artikel von 1997 abgeschrieben! Auszüge aus einer Rede der Schweizer Ex-Nationalratspräsidentin Gret Haller sowie Passagen des Tübinger Jura-Professors Martin Nettesheim sollen ebenfalls nicht korrekt als Quelle zitiert worden sein, berichten Blick und Saarbrücker Zeitung. Was sagt der Minister selbst zu den Vorwürfen?"

Neue Presse: "Karl-Theodor zu Guttenberg  ist ein Meister der Selbstinszenierung. Doch jetzt ist herausgekommen: Der Mann hat Teile seiner Doktorarbeit abgekupfert. Der Verteidigungsminister geht zur Selbstverteidigung über, spricht von einem abstrusen Vorwurf. Doch das Plagiat ist offenbar erwiesen, ganze Absätze hat Guttenberg ohne Quellenangabe übernommen. Die Glaubwürdigkeit des Ministers, bisher eine seiner wichtigsten politischen Waffen, wird dadurch schwer beschädigt. Trotzdem mag es noch zu weit gehen, jetzt Guttenbergs Rücktritt zu fordern. Doch er ist blamiert bis auf die Knochen­ und den Doktortitel hoffentlich bald los."

Nordsee-Zeitung: "Hochnotpeinlich ist die Causa ‚Schummelminister‘. Gleichwohl ist sie nur ein Nebenkriegsschauplatz. Denn ob ein Dr. jur. zu Guttenberg die deutschen Soldaten aus dem Schlamassel in Afghanistan holt und die Wehr-Reform schultert oder ob es der Hofrat, der Baron von und zu oder einfach nur der Herr K.T. tut, dürfte den meisten Bürgern schnurzpiepegal sein. Der Doktor ist vielleicht weg, seine Arbeit kann zu Guttenberg aber auch ohne akademischen Grad erledigen. Muss ja nicht summa cum laude, also mit höchstem Lob geschehen. Einigermaßen passabel würde angesichts der Herkules-Aufgaben schon genügen."

Rhein-Neckar-Zeitung: "Karl-Theodor zu Guttenberg ist Politiker und kein Wissenschaftler. Insofern ist es eher unwahrscheinlich, dass die Wähler ihm sein womöglich nachlässiges Zitieren wirklich verübeln. Ein Minister stürzt eigentlich nicht über Vorfälle, die vom Gros der Bevölkerung als Petitessen wahrgenommen werden."

taz: "Zuständig für das Verfahren ist nun die Universität Bayreuth. Die dortige Kommission zur Selbstverantwortung in der Wissenschaft wollte sich schon an diesem Mittwoch auf einer turnusgemäßen Sitzung mit den Vorwürfen auseinandersetzen.
Die bisherigen Bayreuther Prüfer scheinen gegenüber zu Guttenberg aber eher nett gewesen zu sein. Schon die Vergabe der Bestnote für die Dissertation bezeichnet Fischer-Lescano als ’sehr schmeichelhaft‘. Nach seiner Bewertung bringe die Doktorarbeit nur "bescheidenen" Ertrag. Zu Guttenberg entfalte seinen Verfassungsbegriff ’nicht hinreichend‘ und bleibe weit hinter der wissenschaftlichen Diskussion zurück."

FinancialTimesDeutschland: "Die Autorin, bei der der Bundesverteidigungsminister mutmaßlich abgeschrieben hat, brachte den korrekten Umgang mit Zitaten auf eine schlichte Formel: Man setze einfach Anführungszeichen, einmal vorn, einmal hinten. Punkt. Karl-Theodor zu Guttenberg hat das offenbar unterlassen und muss sich nun zu Recht Vorwürfe anhören. Dass er nun herumlaviert, möglicherweise habe er in seiner Doktorarbeit hier oder da eine Fußnote vergessen oder falsch gesetzt, macht es nicht besser. Wer Texte über mehrere Passagen zitiert, setzt zwei Anführungszeichen. Sonst macht er sich des Plagiats schuldig. Noch peinlicher wird Guttenbergs Patzer dadurch, dass er selbst in den bewertenden Teilen der Arbeit, die ganz besonders nach einer Eigenleistung des Autors verlangen, fremde Einschätzungen übernommen hat."

Frankfurter Rundschau: "Guttenberg selbst spricht in seinem Vorwort, das ganz im selbstverliebt-verschwurbelten Duktus des Freiherrn daher kommt, von „beklagenswerter Eitelkeit“, die ihm neben professoraler Geduld und sanftem, aber unerbittlichen familiären Druck bewogen habe, seine Studien trotz freiberuflicher und später parlamentarischer Belastung fertigzustellen. Dass diese Eitelkeit ihn womöglich dazu verführt hat, sich mit Federn anderer zu schmücken, muss nun Professor Diethelm Klippel, ‚Ombudsmann für Selbstkontrolle in der Wissenschaft‘ der Universität Bayreuth, klären. Klippel selbst gehörte übrigens damals selbst zur Prüfungskommission − und befand, dass das Promotionsverfahren korrekt abgelaufen sei."

Süddeutsche Zeitung: "Karl-Theodor zu Guttenberg hat schon so manche vermeintliche Affäre überstanden. Doch egal, ob es um die Umstände der auf Befehl eines deutschen Obersts bombardierten Tanklaster bei Kundus oder die Vorgänge auf dem Segelschulschiff Gorch Fock ging – jedes Mal stand außer Zweifel, dass er ursächlich nichts mit den jeweiligen Vorkommnissen zu tun hatte. Die Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit aber ist neues Terrain für den beliebten Superminister. Erstmals muss er sich persönlich verantworten. Erstmals hat der CSU-Politiker Guttenberg das Problem, wie Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin sagt, "dass er die Verantwortung auf keinen anderen abschieben kann". Diese Geschichte könnte ihm also mehr schaden als die anderen Fälle, mit denen er sich bisher herumschlagen musste oder noch muss. Stolpert der beliebteste Politiker der Deutschen am Ende über die Vorwürfe des Plagiats?"

F.A.Z.: "Waren zu Guttenbergs Unterlassungen in seiner Doktorarbeit die Schlamperei des Vielbeschäftigten? Hat er vergessen, ob die ersten Absätze eines eigenen Buches aus eigenen Sätzen bestehen oder aus Zitaten? Ein solcher Missgriff und Regelverstoß machen sprachlos."

Focus: "Uni-Chef Bormann versucht jedoch den Fall zu entdramatisieren. Es handle sich um ein „ganz normales Vorgehen, die übliche Qualitätskontrolle einer Universität“, versichert der Präsident. Falls diese Kontrolle aber zu Ungunsten Guttenbergs ausfallen sollte, könnte das Verfahren auch für die Universität Bayreuth peinlich werden."

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