Guttenberg und der Glaubwürdigkeits-Strick

Mit einer bemerkenswerten Mischung aus Polit-Talent, Selbstinszenierungsdrang und Doofheit liefert Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg dem hiesigen Medienbetrieb und seinen zahlreichen Gegnern Futter fürs ganze Jahr. Auf die Spitze getrieben wird die mediale Guttenberg-Hysterie derzeit mit der aktuellen Copy-and-Paste-Debatte. Seine Gegner im eigenen Lager und in der Opposition könnten sich aber zu früh freuen.

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Der Aufstieg von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zum Polit-Superstar verlief im Eil-Tempo. Nun arbeitet das herrschende Politik-Mittelmaß mit Hilfe der versammelten Medienschar emsig daran, seinen Absturz ebenso flugs über die Bühne zu bringen. Zu Guttenberg ist so schnell aufgestiegen wie ein Sieger in einer “Deutschland sucht den Superstar”-Castingshow. Nun soll er bitteschön auch genauso schnell wieder verschwinden wie Mehrzad und Co.

Worum geht es bei der aktuellen Debatte, die sämtliche Medien heißlaufen lässt? Zu Guttenberg soll für seine Doktorarbeit wesentliche Teile wörtlich aus anderen Texten übernommen haben, ohne dies zu kennzeichnen. Besonders die FAZ war in einer Art heiligem Zorn erregt, als man in der Redaktion feststellte, dass zu Guttenberg seine Doktorarbeits-Einleitung offenbar aus der FAZ abgeschrieben hat. Sofort wurde eine “Eilmeldung” fabriziert, die gewissen Stellen wurden mit Textmarkern bearbeitet und Dokumentationen angefertigt. Zeitweise konnte man den Eindruck gewinnen, die Hitler-Tagebücher seien wieder aufgetaucht und der Dritte Weltkrieg ausgebrochen. Gleichzeitig.

Die Süddeutsche Zeitung suhlte sich in der Zwischenzeit in Exklusiv-Duselei, denn der bis dahin weithin unbekannte Guttenberg-Dissertations-Enthüllungs-Professor Andreas Fischer-Lescano hatte die SZ als Zentralorgan auserkoren. Im Laufe des Donnerstages sprang Spiegel Online mit Macht auf die Geschichte, telefonierte alle Abschreibe-Opfer von zu Guttenberg ab, erstellte Protokolle und reichte eine umfangreiche und detaillierte Text-Analyse der Guttenberg’schen Doktorarbeit nach. Der Herdentrieb nahm seinen Lauf.

Irgendwann im Laufe des Tages konnte auch zu Guttenbergs Leib-und-Magen-Blatt Bild die Affäre nicht länger ignorieren, hängte aber viele Fragezeichen dran. Der Doktorvater des Verteidigungsministers wurde als Kronzeuge der Verteidigung herbeizitiert. Außerdem verortet Bild die Vorwürfe geschickt in der “linken Szene”. Chef-Ankläger Prof. Fischer-Lescano hat immerhin eine “Denkwerkstatt” mitbegründet, in der u.a. Attac-Leute, Linke und, am schlimmsten, die Wahlversprechen-Brecherin Frau Ypsilanti von der SPD hocken. Außerdem bietet Bild den unvermeidlichen Franz-Josef Wagner mit einer erfrischend schlichten Zusammenfassung von Volkes Stimme auf: “Macht keinen guten Mann kaputt. Scheiß auf den Doktor.” Das dürften viele aus dem umworbenen Wahlvolk unterschreiben können.

Die Medien dagegen versteigen im Wettbewerb und die "witzigste" Gutti-Schlagzeile. Die Financial Times Deutschland dichtet “Freiherr zu Copy and Paste” inklusive Fußnote auf dem Titel. Die FAZ bietet ein schönes Foto des Schwanzlurchs Axolotl als Reminiszenz an die Plagiatsaffäre um das Buch “Axolotl Roadkill” vom vergangenen Jahr auf und die meisten anderen Blätter beschränken sich darauf, den “Dr.” in der Überschrift rauszukehren. Dabei wird ein großer Teil der Bevölkerung gar nicht gewusst haben, dass zu Guttenberg promoviert hat. In seinen Kreisen gehört der Doktorhut aber einfach dazu. Im Bundestag findet man wahrscheinlich mehr Doktoren, als in einem x-beliebigen Kreiskrankenhaus.

Dass die Doktorarbeit zu Guttenbergs mutmaßlich stinklangweilig (wie viele Doktorarbeiten) ist und wahrscheinlich auch kaum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn bietet: geschenkt. Dass er es hier und da mit dem Zitieren nicht ganz so genau genommen hat… wer selbst mal an der Uni war weiß, dass das eher die Regel als die Ausnahme ist. Dass zu Guttenberg aber augenscheinlich sogar die Einleitung seiner Arbeit einfach rüberkopiert hat (aus der FAZ!), das ist schon bemerkenswert dummdreist.

In ihrer allzu offensichtlichen Freude, dem Polit-Superstar aus Franken daraus endlich einen Glaubwürdigkeits-Strick drehen zu können, übersieht die Anti-Guttenberg-Fraktion in allen Lagern freilich, dass es dem Wahlvolk wahrscheinlich wirklich herzlich Wurst ist, was in zu Guttenbergs Doktorarbeit steht und was er wo abgeschrieben hat und was nicht. Letztlich geht es auch diesmal wieder um die heilige Kuh “Glaubwürdigkeit”. Schon bei der Kundus-Affäre versuchte die Opposition, zu Guttenberg dadurch treffen, indem man seine “Glaubwürdigkeit” attackierte. Hat er Parlament, Volk und Generäle belogen? Hat er Informationen zurückgehalten? Ist der Mann noch “glaubwürdig”? Die “Glaubwürdigkeit”, bzw. deren herbeigeredeter Mangel, taucht in fast allen Artikeln auch zur aktuellen Schummel-Debatte wieder auf. Sie ist ein weicher Faktor, diese “Glaubwürdigkeit”. Zu Guttenberg gilt vielen Menschen als “glaubwürdig”, weil er ein offenes Wort pflegt, weil er die Lage in Afghanistan, anders als seine Vorgänger, undiplomatisch als Krieg bezeichnet hat. Auch seine Frau spielt da eine Rolle. Ihre Engagement gegen sexuelle Belästigung von Kindern und Jugendlichen im Netz u.a. in der umstrittenen Sendung “Tatort Internet” wurde von vielen Medien scharf kritisiert und hinterfragt. Ihrer “Glaubwürdigkeit” hat die viele Kritik nicht geschadet – eher im Gegenteil.

Im Prinzip geht die Argumentationskette der Guttenberg-Kritiker ungefähr so: Der zu Guttenberg hat bei seiner Doktorarbeit abgeschrieben, also ist er nicht glaubwürdig, also ist er kein guter Mensch, also soll er auch nicht länger Verteidigungsminister sein und schon gar nicht irgendwann womöglich noch mächtiger werden, weil er doch schon mal bei seiner Doktorarbeit….usw. Diese Argumentationskette ist schon reichlich dünn.

Zu Guttenberg hat die Plagiatsvorwürfe knapp zurückgewiesen und ist erstmal zur Truppe nach Afghanistan geflogen. Das Signal: Er hat Wichtigeres zu tun. Das dürfte auch so rüberkommen. Wenn er cool bleibt und die Sache aussitzt, kann die Schummel-Affäre ohne politische Blessuren an ihm vorübergehen. Seine Gegner könnte sich mit der allzu geifernd inszenierten Jagd auf den Polit-Star sogar einen Bärendienst erweisen und sein Ansehen in der Bevölkerung noch steigern. Jede Bewegung erzeugt eine Gegenbewegung. Politik- und Medienbetrieb machen gerade gewaltigen Druck gegen zu Guttenberg – von der Kundus-Affäre über die Gorch-Fock-Affäre bis zur brandneuen Schummel-Affäre. Alle diese bisherigen Affären berühren aber nicht die Substanz von zu Guttenbergs Arbeit, sondern greifen nur indirekt seine “Glaubwürdigkeit” an. Die Gegenbewegung zu dieser Welle kommt dann aus den Reihen von Wahlvolk und Publikum.

Wenn der Mann untergeht, dann nicht im aktuellen Schlagzeilen-Sturm, sondern in seiner eigenen Hybris. Der Einzige, der zu Guttenberg derzeit wirklich gefährlich werden kann, ist er selbst.

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