Ein Boulevard-Mann wird Focus-Online-Chef

Focus Online bekommt im Sommer einen neuen Chefredakteur. Daniel Steil übernimmt den Posten zum 1. Juli und folgt damit auf Jochen Wegner, der Focus Online im Herbst 2010 verlassen hat, um sich selbstständig zu machen. Die Personalie wurde von einem Focus-Sprecher bestätigt. Steil kommt von der Bild, wo er bisher für Sonderaufgaben zuständig war. Seine Verpflichtung könnte darauf hindeuten, dass sich Focus Online künftig stärker populären Themen widmen will.

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Der neue Focus-Online-Chefredakteur ist ein ausgewiesener Boulevard-Mann. So hat er unter anderem schon in der Position des Unterhaltungschefs bei Bild und bei der Schweizer Boulevardzeitung Blick aus dem Ringier Verlag gearbeitet. Steils Vorgänger bei Focus Online, Jochen Wegner, hat es nach Berlin gezogen. Dort will er mit dem Software-Entwickler und Millionär Marco Börries eine Plattform aufbauen, die die Publikation von journalistischen Inhalten auf neuen digitalen Endgeräten wie etwa dem iPad ermöglicht.
Wegner war gleichzeitig Chefredakteur und Geschäftsführer von Focus Online. Nach seinem Abgang wurden die Positionen wieder getrennt. Geschäftsführer von Focus Online, dem Finanzinfodienst Finanzen100.de und Nachrichten.de, ist Oliver Eckert.
Die letzte große Tat von Jochen Wegner war ein Relaunch von Focus Online im Juli vergangenes Jahr. Damit setzte er auf eine großzügigere Optik und wollte dem Online-Ableger des Focus optisch und inhaltlich zu mehr Relevanz verhelfen. Ähnlich wie Stern.de kämpft auch Focus Online dagegen an, nicht komplett von den davoneilenden Web-Angeboten Spiegel Online und Bild.de abgehängt zu werden.
In den Hitlisten der Online-IVW bilden SpOn und Bild.de mittlerweile eine eigene Top-Klasse. Im Januar kam Bild.de auf fast 152 Mio. redaktionelle Visits laut IVW, Spiegel Online auf rund 112 Mio. Danach kommt lange nichts. Auf Platz drei befindet sich dann Welt Online mit rund 28 Millionen redaktionellen Visits, gefolgt von Focus Online und Sueddeutsche.de mit jeweils rund 24 Millionen. Alle Versuche, Focus Online inhaltlich näher an die Top-Klasse heranzubringen, waren bisher vergeblich.
Wegner war als Focus-Online-Chefredakteur ein Mann, der fest in der Web-Szene verankert war. Er hat mehrere Bücher geschrieben und war Mitgründer des Online-Journalistennetzwerks jonet.org. Die Verpflichtung des Boulevard-Profis Daniel Steil könnte darauf hindeuten, dass Focus Online künftig mit deutlich populäreren Themen als bisher auf Reichweitenfang gehen könnte.
Wie das mit dem vom Burda-Vorstand Philipp Welte im vergangenen Jahr ausgerufenen Kurswechsel im Digitalgeschäft der Verlagsangebote zusammenpasst, muss man abwarten. Der hatte in einem Interview für Aufsehen gesorgt, in dem er Online als guten Vertriebs- und Marketingkanal, aber nur als "bedingt funktionierenden Werbekanal" bezeichnet hatte. Burda-Vorstandschef Paul-Bernhard Kallen hatte später ergänzt, man wolle "normalere Prozesse" aufsetzen, als dies in Familienunternehmen gemeinhin üblich sei. Gemeint war, dass bei Burda gerade auch im Digitalen künftig stärker auf die Kosten geschaut werde. Man darf gespannt sein, wie sich Focus Online vor diesem Hintergrund künftig entwickelt.

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