Wutattacke … und der SWR kuscht vor Klopp

Keine Satire, die Klopp-Wut war echt: Am Morgen konnten die Fans noch rätseln, ob die "Seuchenvogel"-Beschimpfung des BVB-Trainers gegenüber dem SWR-Reporter Stephan Mai ein Spaß war oder nicht. Jetzt ist klar, der Coach war wirklich böse, und das "Leck' mich am Arsch!" in Richtung des Journalisten realer Groll. Doch statt sich mit dem Trainer anzulegen, verschickt der verantwortliche Sender eine butterweiche Pressemitteilung, in der man sich auch - nur leicht verklausuliert - entschuldigt.

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Das Erstaunliche: Es ist völlig unklar, wofür sich der Sender überhaupt entschuldigen sollte. Denn in Wahrheit hat der Trainer den Reporter beleidigt. Der SWR hat offenbar ein Problem damit, dass das kurze, aber heftige Gespräch zwischen Mai und dem ehemaligen Mainz-Coach nur ein kleiner Ausschnitt aus einem längeren Beitrag ist.
"Nach Kontakt zwischen Reporter und Redaktion entstand die Idee, den für das ‚Flutlicht‘ vorgesehenen Spielbericht in Form einer ‚Beziehungsgeschichte‘ zu erzählen, vorgetragen mit Augenzwinkern. Aus Rechtegründen (Spielbilder) ist es leider nicht möglich, den vierminütigen Film im Online-Angebot des Südwestrundfunks anzubieten", erklärt der Sender. "Inzwischen ist das kurze und heftige Zusammentreffen von Trainer und Reporter isoliert im Netz abrufbar und hat eine Dynamik entwickelt (Bild vom 15. Februar 2011: ‚Klopp: TV-Zoff mit seinem Seuchenvogel‘), die mit der Absicht der Sportredaktion nichts mehr zu tun hat."
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Das umstrittene TV-Interview
Die Interview-Sequenz ist höchst unterhaltsam. So antwortet Klopp auf die Frage des Reporters, ob er ihm ein kurzes Interview nach dem Spiel geben könne: "Och, leck mich am Arsch! Du wirklich, ohne Witz! Dir ein Interview zu geben, da hab’ ich Bock wie auf Zahnweh." Dann scheint Klopp bereit zu einem Gespräch zu sein, überlegt es sich dann aber doch noch einmal anders, weil ihm einfällt, dass Mai ihn vor dem Spiel ausgelacht hatte.
Hintergrund: Mai ist Reporter bei der SWR-Fußball-Sendung "Flutlicht". Seit 1993 begleitet der Sportjournalist schon den Werdegang des ehemaligen Mainzer und nun Dortmunder Trainers. Laut Bild.de soll Klopp noch nie – genau seit 50 Spielen – ein Match gewonnen haben, wenn Mai mit dem Mikro in der Hand am Spielfeldrand stand. Sollte das stimmen, müsste Bayern-Präsident Uli Hoeneß den TV-Reporter sofort kaufen und zu jeder BVB-Partie schicken. Dann hätten die Bayern wieder ernsthafte Meisterschafts-Chancen.
Die Beziehung vom Mainzer Trainer zu Mai ist schon länger kompliziert. Am vorletzten Spieltag der Zweitligasaison 2003/2004 galt Mainz als großer Aufstiegsfavorit und verlor das entscheidende Spiel in Regensburg. "Schon damals führte Jürgen Klopp das unbefriedigende Ergebnis auf die Anwesenheit des SWR-Reporters zurück – allerdings noch auf eine ironisierende Weise", erklärt der Südwestfunk. "Seitdem fällt es dem angesehenen Trainer schwer, dem SWR-Mitarbeiter bei Auswärtsspielen entspannt zu begegnen. Das mag damit zusammenhängen, dass auch im Jahr 2011 in der emotionalen Welt des Fußballs noch vereinzelt Aberglaube eine nicht unerhebliche Rolle zu spielen scheint."
Mit dieser Argumentation offenbart der SWR, ein gewisses Verständnis für Klopp zu haben und scheint nun selbst erschreckt, welch weite Kreise sein Interview zieht. Anders ist nicht zu erklären, wie der Leiter der SWR-Sportredaktion in Rheinland-Pfalz, Claus-Dieter Gerke, versucht, verbal zurückzurudern und der Situation ihre Brisanz zu nehmen. "Wir kennen und schätzen Jürgen Klopp schon lange. Und ich persönlich wünsche ihm auch den Meistertitel. Ich wünsche ihm aber auch, dass er das Thema auf die leichte Schulter nehmen kann, auf die es gehört."
Tatsächlich könnte der Imageschaden für den sympathischen TV-Profi Klopp recht groß werden. Vom BVB-Coach ist dafür bekannt, dass er am Spielfeldrand, in der Kabine oder auf dem Trainingsplatz laut und kräftig austeilen kann. Im Fernsehen kommt der Trainer jedoch vor allem locker und eloquent daher. Das Wut-Interview ist ein weiterer Kratzer an diesem Image. Bereits in der Hinrunde musste sich Klopp entschuldigen, weil er einem vierten Schiedsrichter fast eine Kopfnuss verpasst hätte.
Ein viel beschämerendes Licht werfen der Fall an sich sowie die Presseerklärung des SWR auf den Umgang der Medien mit den Fußballprofis und -managern. Im Kampf um die raren Interviews und Exklusivaussagen scheinen viele Reporter und Sendungsverantwortliche alle erdenklichen Opfer in Kauf zu nehmen, um sich den Zugang zu den Stars der Szene nicht zu verscherzen. Da ist oft Klartext out, und die Frage "Wie geht’s" gehört schon zu den kritischsten Anmerkungen. Im aktuellen Fall hätte der Sender seinen Reporter in Schutz nehmen und sich gegen die Beleidigung durch den (ja: insgesamt sehr sympatischen) Trainer Jürgen Klopp verwahren müssen. So, wie es hier gelaufen ist, werden Reporter am Spielfeldrand eher zum Freiwild für frustrierte Sportler und Funktionäre.
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