„Tatort“-Stopp: Deutscher wird Sündenbock

Am 17. April hätte der erste Luzerner "Tatort" ausgestrahlt werden sollen, mit dem "CSI"-Star Sofia Milos und Stefan Gubser als Kommissar Flückiger. Doch der Sendetermin wurde verschoben, weil das Schweizer Fernsehen (SF) ihn für "qualitativ ungenügend" hält. Auf MEEDIA-Anfrage sagte der zuständige Regisseur Markus Imboden: "Ich habe das aus der Presse erfahren. Dieses Vorgehen wirkt für mich wie ein großes Missverständnis." Pikant: Der Drehbuchautor ist ein Deutscher.

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Der "Tatort" mit dem Titel "Wunschdenken" war vom ehemaligen SF-Kulturchef Rainer M. Schaper bereits abgesegnet. Seine Nachfolgerin, Nathalie Wappler, kippte diese Entscheidung jedoch wieder. Sie sagte gegenüber Tagesanzeiger.ch, die Leistung der Hauptdarstellerin Sofia Milos, die lange in "CSI: Miami" zu sehen war, lasse zu wünschen übrig. Zudem fehle es der Folge an Witz, Spannung und Lokalkolorit. Man werde den "Tatort" überarbeiten müssen. Die Sache mutet jedoch merkwürdig an, da die Besetzung der Kommissar-Rollen immer eine Senderentscheidung ist – genau so wie die Produktion vom Sender verantwortet wird und nicht vom Regisseur oder dem Autor.

Was genau er ändern muss, weiß Regisseur Imboden noch nicht. Wie er die Leistung von Sofia Milos kommentiert, lässt jedoch erahnen, dass auch er mit der Besetzung nicht glücklich war: "Sie hat so gespielt, wie man es erwarten konnte und wie man es auch bei ‚CSI: Miami‘ sieht. Das sind zwei unterschiedliche Genre. ‚Tatort‘ basiert auf Realismus, ‚CSI: Miami‘ ist Fiktion. Sofia Milos kommt es immer ein bisschen auf Glamour an."

Imboden kann die Kritik an seinem Film dennoch nicht nachvollziehen. "Ich kenne meine Arbeit und habe genug Erfahrung, um zu beurteilen, dass sie gut ist." Der 55-Jährige ist unter anderem Grimme-Preis-Träger. Auch der Vorwurf, die Stadt Luzern werde nicht im richtigen Licht präsentiert, hält er für "an den Haaren herbeigezogen. Wer den Film schaut, sieht, dass Luzern eine schöne Stadt ist."

Dass Imboden noch einmal ran muss, stehe aber fest, verlautet aus SF-Kreisen. "Schweizer sind langsam", sagt der Regisseur. "Also bis die Änderungen durch sind, dauert es noch. Mir wurde aber versprochen, heute oder morgen zu hören, was dem SF nicht passt."

Die Kritik am "Tatort: Wunschdenken" geht auch am deutschen Drehbuchautor Nils-Morten Osburg nicht vorbei. Osburg ist kein Unbekannter in der Schweizer Filmlandschaft. Mit dem Schweizer Regisseur Urs Egger produzierte er unter anderem den ZDF-Film "Tod eines Keilers" und unterhält viele Kontakte zu Medienschaffenden des Alpenlandes. "Die Nachricht war ein Schock für mich", sagt er gegenüber MEEDIA. "’Tatort: Wunschdenken‘ ist sicherlich kein Meisterwerk geworden, aber absolut akzeptabel."

Dass die neue SF-Kulturchefin den "Tatort" zurückgewunken hat, sei "ein ziemlich komischer Vorgang", der vielleicht sogar "politisch motiviert" sei. "Es ist doch ein langer Prozess, bis ein Film produziert ist. Warum kommt die Kritik erst jetzt?", fragt er. Grundsätzlich habe der Wahl-Münchener kein Problem damit, wenn Drehbücher geändert würden. "Dieser Eingriff in die künstlerische Freiheit ist normal und auch in Ordnung. Aber dass die Sache jetzt auf einer Riesen-Bühne breitgetreten wird, ist ziemlich unschön." Als deutscher Drehbuchautor fühle er sich von den Schweizer Medien jedoch zum "Sündenbock" gemacht. Es hätten genug Schweizer an der Produktion mitgewirkt, um den Lokalkolorit zur Geltung zu bringen. "Ansonsten muss es eine bessere Absprache zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer geben."

Für den 17. April steht nun ein deutscher "Tatort" in den Startlöchern. Zu welchem Zeitpunkt "Wunschdenken" ausgestrahlt wird, ist noch unklar.

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