Der Verlag, der (fast) alles richtig macht

Medienkrise? Print-Niedergang? Gerade hat der Zeit-Verlag eine Rekord-Bilanz vorgelegt. Umsatz, Gewinn, Nebengeschäfte, Neue Medien - alles prächtig beim Zentralorgan des deutschen Bildungsbürgertums. Warum ist ausgerechnet die früher als “Alte Tante” verspottete Wochenzeitung Zeit so hip geworden? MEEDIA zeigt auf, warum die Zeit in ihren Aktivitäten so erstaunlich erfolgreich ist - und wo sie trotzdem noch Fehler macht.

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Die Wochenzeitung

Die wöchentliche, gedruckte Zeit ist immer noch das Kernprodukt des Zeit-Verlages und die grundsolide Basis für den Erfolg. Viele rechnen einen Großteil des Erfolgs dem aktuellen, charismatischen Chefredakteur Giovanni di Lorenzo zu – das ist gewiss berechtigt. Aber der Aufstieg der Zeit als Zeitung begann bereits unter seinen Vorgängern, dem Gespann Josef Joffe und Michael Naumann. Die beiden haben die Zeit gehörig entstaubt und vor allem, die traditionell starken Ressorts des Blattes konsequent ihr eigenes Ding machen lassen. Di Lorenzo war so klug, den individuellen Charakter der Redaktion nicht in festere Bahnen lenken zu wollen, sondern er hat weiter behutsam modernisiert und moderiert. Heute steht die Zeit wie kaum ein anderes Print-Organ für den Qualitätsanspruch der gedruckten Medien. Hier zeigt sich, dass der wirtschaftliche Erfolg auf inhaltliche Glaubwürdigkeit gründet. Jede Marke, egal wie edel und teuer, kann im gediegenen Zeit-Umfeld Werbung schalten Die Zeit kann es sich sogar leisten, den Platz links und rechts neben ihrem Titellogo als Werbeplatz zu verkaufen, ohne dass es ihrem Image schadet. So weit muss man kommen.

Das Ergebnis der kontinuierlichen Arbeit am redaktionellen Kernprodukt sind steigende Vertriebsumsätze (plus sechs Prozent) und steigende Werbeerlöse (plus acht Prozent). Natürlich hat die Zeit auch Glück. Ihr Erscheinungsrhythmus als Wochenzeitung kommt vielen Menschen entgegen. Studenten informieren sich zwar täglich online, zeigen sich aber gerne mit der Zeit auf dem Campus. Das Image des Intelligenzblattes strahlt auf Käufer und Leser ab. Besseres kann sich eine Medienmarke nicht wünschen. Wann hätte man z.B. zuletzt einen Studenten mit stolzgeschwellter Brust einen Focus oder auch den Stern vor sich hertragen sehen? Eben. Die Wochenzeitung ist zudem günstiger in der Anschaffung und belastet die Leser nicht durch ihre tägliche Erscheinungsweise. Sie bietet Orientierung über einen zwar längeren, aber noch gut überschaubaren Zeitraum. Früher stand eher die Frage im Raum: Wer braucht schon eine Wochenzeitung, die ist doch immer inaktuell? Heute dagegen fragt mancher: Wer braucht schon die Tageszeitung, die aktuellen News lese ich ohnehin im Internet?

Zeit Online

Auch Online ist die Zeit mittlerweile eine Erfolgsgeschichte. Und das war nicht immer so. Lange Zeit sah es so aus, als würde das Online-Angebot der Zeit zwar schon irgendwie, ja, ambitioniert gemacht. Richtig interessiert hat es aber keinen. Dass Zeit Online heute gewaltig an publizistischer und wirtschaftlicher Bedeutung gewonnen hat, ist nicht zuletzt dem Online-Chefredakteur Wolfgang Blau zu verdanken. Der hat die Website ordentlich entrümpelt und zur wahrscheinlich modernsten Zeitungswebsite Deutschlands ausgebaut – jedenfalls zu der, die am besten aussieht und die beste Leser-Navigation bietet. Gleichzeitig wurde Zeit Online ein konsequentes Community-Management verordnet. Bei kaum einer anderen Zeitung finden sich so viele engagierte Leser-Kommentare unter den Artikeln wie bei Zeit Online. Dies mag auch daran liegen, dass die Online-Redaktion selbst in den Kommentaren aktiv wird, dafür sorgt, dass Pöbler und Trolle klein gehalten werden und es sich auch herausnimmt, redaktionelle Anmerkungen bei Leser-Kommentaren anzufügen. Hinzu kommt eine kluge Politik der Steuerung von Print- und Online-Inhalten. Allen kann man es in dieser Beziehung nie Recht machen, aber Zeit Online hat einen vernünftigen Mittelweg gefunden. Exklusive Print-Geschichten werden nach und nach in einem überschaubaren Zeitfenster online zur Verfügung gestellt.

Der Lohn für die Mühe: Innerhalb von zwei Jahren steigerte Zeit Online die Visits nach IVW von acht auf über 20 Millionen pro Monat (gemessen im Januar 2011). Im Gesamtjahr 2010 war Zeit Online nach eigenen Angaben das am stärksten wachsende Online-Nachrichtenportal in Deutschland mit einem Visitplus von über 50 Prozent laut IVW. Und vom Gesamtumsatz des Verlags entfallen immerhin schon 30 Prozent auf die so genannten Neuen Geschäftsfelder des Verlags, wozu Zeit Online gehört. Ob Zeit Online für sich genommen schon profitabel arbeitet, wird freilich nicht kommuniziert. Das Angebot scheint aber auf auf einem guten Weg.

Nebengeschäfte und Beteiligungen

Geld verdient wird auf jeden Fall mit  anderen “Neuen Geschäftsfeldern” wie der neuen Corporate Publishing-Tochter oder dem frisch gegründeten Weiterbildungs-Angebot.
Traditionell stark ist die Zeit auch in den so genannten Nebengeschäften. Sehr geschickt werden die Zeit Reisen vermarktet. Der Zeit-Fan kann z.B. eine Polen-Reise auf den Spuren der verstorbenen Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff buchen. Oder es gibt zahlreiche Reisen mit Bildungsanspruch, die perfekt im üppigen Reise-Ressort der gedruckten Zeit beworben werden und die man via Zeit Online direkt buchen kann. Oftmals gehen bekannte Zeit-Autoren mit auf Tour, was für die ebenso bildungshungrige wie zahlungskräftige ältere Leserschaft ein zusätzlicher Reiz sein mag.

Auch viele Produkte hat die Zeit mittlerweile in ihrem eigenen Online-Shop versammelt: vom edlen Füllfederhalter über das Weinpaket, Zeit-Editionen und die Bree-Tasche als “Zeit-Produkt”, die passenderweise aktuell auch neben dem Logo auf der Titelseite angepriesen wird. So unterschiedlich die Leserschaften auch sein mögen: Zeit und Bild (Volks-Produkte) haben in Sachen Vermarktungsgeschick hier sehr viel gemeinsam.

Achillesferse Apps: iPad und iPhone

Natürlich darf die Zeit auch auf den Lieblingsspielzeugen der Medienmenschen nicht fehlen: iPad und iPhone. Die App der Zeit funktioniert als so genannte Hybrid-App gleichzeitig für iPad und iPhone, außerdem wurde die Website der Zeit in der modernen Web-Sprache HTML 5 in einem iPad-freundlichen Layout umgesetzt – das ist wegweisend. Für die Apps der Zeit hagelt es im App Store von Apple aber trotzdem Kritik. Zum einen weil, die Original-Versionen der Print-Artikel wenig lesefreundlich umgesetzt wurden. Es handelt sich um riesige Kopien der Druckseiten, auf denen man mit dem Finger herumscrollen muss. Und zum anderen, weil der Zeit Verlag auch die Abonnenten nach eine Gratis-Testphase für die Digital-Ausgaben erneut zur Kasse bitten will. Gar so billig melken lässt er sich halt nicht, der Zeit-Konsument. Ein Fehler, der aber zu verschmerzen und auszubügeln sein wird, weil das Thema Apps trotz allem Hype immer noch – wirtschaftlich und von der Reichweite her – ein Nischenthema ist. Hier zeigt sich, dass auch die Zeit den einen oder anderen Fehler machen kann. Fast schon beruhigend  – das wäre sonst ja auch gar zu unmenschlich….

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