Berlusconi: Sex-Girl ist „Mubaraks Nichte“

Die Zeiten, in denen Silvio Berlusconi trotz zahlreicher Skandale immer noch eine bella figura machte, sind wohl endgültig vorbei. Der italienische Premierminister muss sich jetzt wegen der Sex-Affäre mit einer Minderjährigen vor Gericht verantworten. Das ist nicht nur peinlich, sondern kann ihn auch den letzten Rückhalt in der Bevölkerung kosten. Laut einer Umfrage der liberalen Tageszeitung La Repubblica bewertet nur noch jeder dritte Italiener die Arbeit des Regierungschef als positiv.

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Die Mailänder Richterin Christina di Censo ließ am Dienstag die Anklage gegen Silvio Berlusconi zu. In einem Eilverfahren muss er sich wegen der Prostitution Minderjähriger und wegen Amtsmissbrauchs vor Gericht verantworten. Die erste Anhörung ist wird am 6. April stattfinden. Im Falle einer Verurteilung drohen Berlusconi bis zu 15 Jahre Haft.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Regierungschef vor, bei Partys in seiner Villa in Arcore die zu diesem Zeitpunkt minderjährige Karima El Mahroug, genannt Ruby Rubacuori, für Sex bezahlt zu haben. Er habe außerdem sein Amt missbraucht, um die Freilassung der jungen Frau zu erwirken, als Ruby wegen Diebstahls  festgenommen worden war. Berlusconi soll allen Ernstes bei der Polizei angerufen und gesagt haben, Karima El Mahroug sei die Nichte von Hosni Mubarak, man möge sie daher gehen lassen.

Berlusconi weist alle Vorwürfe zurück. Doch die Beweise der Mailänder Staatsanwaltschaft sind erdrückend. Sie stützen sich in erster Linie auf abgehörte Telefongespräche. Zusammengetragen hat das Beweismaterial die Staatsanwältin Ilda Boccassini, 61. Ilda la Rossa, zu deutsch: die Rote trägt ihren Spitznamen nicht nur wegen ihrer roten Haarfarbe und ermittelt wegen Bestechung und Korruption schon seit über 15 Jahren gegen Berlusconi.

Dieses Mal könnte sie den Premier endgültig zu Fall bringen. Denn Berlusconi, der über Jahre versuchte, die italienische Justiz zu demontieren und sich Gesetze nach Bedarf zu schneidern, ist angreifbar geworden. Immer wieder hatte er sich sogenannte Immunitätsgesetze ausgedacht, die etwa beinhalteten, dass der Ministerpräsident und seine Minister selbst entscheiden durften, ob sie im Falle einer Anklage Zeit für ein Gerichtsverfahren hätten. Doch Anfang dieses Jahres kassierten Italiens oberste Richter diese Immunität. Auf Antrag der Mailänder Staatsanwaltschaft übrigens. Berlusconi ließ es sich darauf hin nicht nehmen, die Ermittler im Fernsehen als Kommunisten und "italienische Anomalie" zu beschimpfen.

Geholfen hat ihm das nicht. Nun kann und wird Berlusconi also strafrechtlich verfolgt. Kein Eintrag in seinem Terminkalender wird ihn vor der Anhörung am 6. April retten können. Und vorher steht noch ein weiteres Verfahren an. Am 11. März wird ein Verfahren wegen Bestechung wieder aufgenommen, das durch das Immunitätsgesetz 2010 vorübergehend ausgesetzt worden war. Darin wird Berlusconi vorgeworfen, dem britischen Anwalt David Mills knapp eine halbe Million Euro für Falschaussagen gezahlt zu haben.

Im kommenden Prostitutions-Prozess muss sich Berlusconi, der jahrelang Striptänzerinnen in Parteiämter und ehemalige Gogo-Girls auf Ministerposten hob, übrigens vor drei Richterinnen verantworten. Sein Anwalt Piero Longo quittierte das sauertöpfisch mit den Worten: "Wir haben nichts anderes erwartet." Und fügte überheblich hinzu: "Auch im David-Mills Prozess sind es Frauen. Gut so. Denn Frauen sind angenehm und manchmal auch gefällig." Die meisten Italienerinnen dürften das anders sehen. Am vergangenen Wochenende demonstrierten sie zu Tausenden gegen Berlusconis Sex-Affären und das Frauenbild, das in den größtenteils lächerlichen Shows in Berlusconis Fernsehsendern gezeichnet wird. Dass Berlusconis Macht schwindet, zeigt auch der riesige Quoten-Erfolg der regierungskritischen Sendung "Vieni via con me" mit dem Anti-Mafia-Autor Roberto Saviano im dritten Programm, Rai 3. Mit einer Quote von über 30 Prozent schlägt das Programm alle Rekorde und beweist, dass die italienischen Zuschauer mehr sehen wollen als die vollbusigen und blondierten Show-Sternchen aus der Berlusconi-dominierten Fernsehwelt. Die Aktien seines Medien-Imperums Mediaset weiteten am Dienstag nach Bekanntwerden der Prozesseröffnung ihre Verluste bis auf 2,1 Prozent auf 4,75 Euro aus und waren damit der größte Verlierer im italienischen Leitindex FTMIB.

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